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Bilderbuch © Antonin B. Pevny

Unsere Jugend wird dahin sein ..

Text: Samir H. Köck Fotos: Archiv
Der Nino aus Wien, Propella, Mimu Merz, Ja, Panik, Parov Stelar, Steaming Satellites und Bilderbuch - österreichische Bands am Sprung aus der heimischen Bohème in die große weite Welt. 

Die nervösen, schmalen Hipster von Ja, Panik zierten kürzlich das Titelblatt des renommierten Magazins Spex. Die fantastischen Bilderbuch sind auf so gut wie jedem besseren deutschen Festival in diesem Sommer gebucht. Ja, sogar dem Nino aus Wien wurden jüngst im schon erwähnten Spex Rosen gestreut. Sein jüngst lancierter Doppelschlag mit den Alben Bäume und Träume (Problembär Records) löste gerade wegen seiner kompromisslosen Wiener Note Begeisterung aus. Die „weiche Arroganz des Slangs“ wird gelobt und festgestellt, dass „Wienerisch wohl die einzig wahre deutsche Popsprache“ ist. Flaniert man durch heimische Musikerwohnzimmer und Clubs, ist die Stimmung nicht immer so optimistisch. Das alte Lied zu geringer Wertschöpfung in einem für eine Musikprofi-Karriere abseits von Klassik und volkstümlicher Musik zu kleinen Land verlangt das Moll meist auch im Umgangston.

Wenn Nino in bewährter Nasalität „Oh wie glücklich und wunderschön mein Leben ist“ singt, dann wird das selbstverständlich als Ironie aufgefasst. Was dem Nino sicher nicht ganz recht wäre, weil er sich schon länger bemüht, positive Inhalte zu kommunizieren. Auf sehr persönliche Gedankenskizzen platzierte er in den meisten Songszenarien sanft melancholische Melodien, die behutsam von Meistern wie dem Cellisten Lukas Lauermann und dem Akkordeonisten Walther Soyka eingerahmt wurden. Das anarchistischere Träume zeigt Nino in experimenteller Stimmung. „Da hab’ ich statt in mich hinein, überall anders hingeschaut, nur um dann draufzukommen, dass diese Lieder fast noch mehr über mich aussagen als die persönlich gemeinten Songs von Bäume“. In „Fantasy Dreamz / Mexiko“ ließ er seinen inneren Rocker von der Leine. In „Tobacco Lied“ singt er Englisch. Und mit „Abtauen Girl“ (einem unveröffentlichten Lied der Münchner Band Das Weiße Pferd), das derzeit sogar auf Ö3 gespielt wird, hat er erstmals eine Coverversion auf ein Album gebracht. Seine dunkelschwarze Interpretation von Will Oldhams „I See A Darkness“ gab es ja nur im gleichnamigen Spielfilm zu hören. „Die schwarze Luft macht mich lebendig“, sagt er über seine nächtliche Schaffenskraft. Beinah magische Momente erlebt er, wenn sich die Schatten der Nacht bereits mit dem Licht des Tages mischen. Dann schaut er nach getaner Arbeit, meist total erschöpft, noch stundenlang den Wetterkanal im Fernsehen. Die besten Ideen für seine abenteuerlichen Songszenarien kommen ihm im Gehen. Poesie absondernder Spaziergänger zu werden, ist unmöglich – man ist es durch Geburt. In Nino sind die Talente des Poeten und des Spaziergängers offenbar untrennbar verschränkt. Immer noch ist das, was er der Realität für seine Kunst abtrotzt, von einer erfrischenden Verspieltheit, wie man sie einem jungen Mann von 27 Jahren nicht mehr zutrauen würde. Verlässlich schafft Nino das Kunststück, in seinen Texten Tristesse und Ereignislosigkeit zum Abenteuer umzudeuten. Oft ersinnt er Lieder über seine Freunde. Die Klara beispielsweise, die man schon aus „Du Orsch“ kennt, die taucht jetzt in einem Lied namens „Grant“ auf. Aus vielen lapidaren Informationen über seine Figuren entsteht eine Art Sittenbild einer leicht orientierungslosen Generation, die unter einem Zuviel an Reizen und Optionen leidet. „Gäbe es Brillen für die Ohren, ich trüge sie ständig, um zu filtern, was ich höre“, singt der Nino mit der perfekten Verzweiflung in der Stimme in „Wiener Melange“. Ein exzellenter Ohrwurm glückte ihm mit dem ein wenig an den jungen Wolfgang Ambros erinnernden „Die Hütte vor dem Haus“. Den zählt Nino zu seinen Lieblingssängern. Neben Bob Dylan und Leonard Cohen. Wie sie schwimmt Nino ganz munter in einem Meer aus Mollakkorden. „Manche sagen, der Cohen macht depressive Musik“, sagt er nachdenklich, „aber mich beflügelt sie.“ Diesmal hat er sich allerdings auch an etwas Lustigem versucht. Im „Tobacco Lied“ mischt er Elemente von Shanty, Wienerlied und Schlager, um die eigene Sucht nach dem Rauch ein wenig zu desavouieren. Wer hingegen glaubt, dass „Oh, wie glücklich und wunderschön mein Leben ist“, ebenfalls autobiografisch wäre, der irrt. Ans Glück stellt Nino nur eine Minimalforderung. „Ich hab noch nie Medikamente gegen Depressionen nehmen müssen. Das soll so bleiben“, sagt er versonnen lächelnd. Den ungebrochenen Zauber seiner Kunst macht auch diese gewisse Gefährdetheit aus, die bei seinen Liveauftritten ins Auge sticht. Nino zählt zu jenen Künstlern, bei denen Niederlagen interessanter sind als die Erfolge der Kollegen. An seiner spinnerten Parallelwelt prallt der Zwang zur Logik genauso ab wie normierte gesellschaftliche Verhaltensweisen und jegliche Form von Erfolgshunger. „Das Wort Erfolg ist nicht in meinem Sprachgebrauch“, beteuert Nino.

Der deutsche Hype um Ösi-Pop hat sich zudem noch nicht bei allen herumgesprochen. Heike Mangold, vitale Schlagzeugerin des Girl-Trios Propella, hat wenigstens mitbekommen, dass Ja, Panik beim nördlichen Nachbarn gefeiert werden. „Das hat es periodisch ja immer wieder gegeben“, erinnert sie an die große Zeit von Falco, Opus, Danzer, Ambros und Fendrich. Der sensible Gesang von Gitarristin Babl Raketa und Bassistin Nadine Abado ist ein wunderbarer Kontrapunkt zum knackigen Sound von Propella. Auf dem eben erschienenen Debütalbum Turn It On (Konkord) rockt es mit viel Grandezza und Stil. Ursprünglich 2010 als Elektronikprojekt von Raketa und Abado gegründet, veränderte sich das Konzept, als Mangold 2012 dazustieß. Inspiriert von Patti Smith und PJ Harvey entwickelte man einen Sound der Härte und Zärte ideal verbindet. Unter den besungenen Themen ist auch Mutterschaft, ein sonst im Rock eher exotischer Topos. „‚Motherhood‘ entstand aus dem Gefühl, dass man als Mutter auch mal erschöpft und verzweifelt sein darf“, erzählt Alleinerzieherin Mangold aus ihrer persönlichen Erfahrung. „Manchmal hat man Sehnsucht nach dem Früher, als man noch die Freiheit hatte, all die Dinge zu machen, nach denen einen gelüstete. In solchen Momenten ist man zwischen Liebe zum Kind und einer unbestimmten Wut zerissen. Da man sein Kind jedoch liebt, tut man am Ende des Tages weiter.“ Haben Frauen andere Themen in der Rockmusik? „Glaube ich nicht. Wir finden es störend, wenn im Kontext unserer Musik das Frauenthema aufkommt. Es sollte normal sein, dass Frauen zur Gitarre greifen oder sich hinters Schlagzeug setzen.“ Als Rhythmikerin in der Band wird ihr zuweilen nachgesagt, über ein „Charlie-Watts-Feeling“ zu verfügen. „Das ehrt mich, ist er doch zwischen Rock und Jazz zu Hause. Wie ihm geht es mir um eine gewisse Laid-Back-Haltung.“

Schon in Deutschland angekommen ist Mimu Merz, eine neue düstere, steirische Sängerin. Die aus Judenburg gebürtige legte jüngst ihr famoses Debüt Elegies In Thoughtful Neon vor.  Die Berliner TAZ schwärmte sofort von den Klageliedern dieser Wortesammlerin, die sich neben Musik auch der Medienkunst verschrieben hat.  Die 31-jährige weiß: Sehnsucht muss man aushalten können. Sie muss unerfüllt bleiben, will man ihre Kraft nützen. Elegies In Thoughtful Neon (Liska Records) wurde ein um Sehnsüchte gebautes, gleichsam sanftes wie giftiges Album. Darauf tummeln sich eigenartige Klanggebilde, die von Gefühlen künden, die ins Leere fahren oder an einer Wand zerschellen. „Minne und Krieg“ nennt Merz die Pole ihrer Arbeit, die sie lieber in Kreisform denn als Linie zeichnet: „Liebe und Krieg liegen oft so nah beinander, dass man mit nur einem Schritt schon auf dem anderen Territorium ist.“ Das Leben ist für sie ein ewiger Kreislauf aus Aufbauen und Zerstören. Sie fragt, wie einst die Psychoanalytikerin Sabina Spielrein, ob in der Destruktion eine Ursache des Werdens liegen kann. Mimu Merz tut es mit den Mitteln der Fabel und einer Liedform, die sich gerne Richtung Geräusch auflöst. Zentraler Song ist „Deer And Fox“, ein Szenario eines „Nichtzueinanderkommens“. Der Plot ist simpel. Zwei Wesen, Fuchs und Reh, können keinen gemeinsamen Weg finden. Egal, wie sie es auch probieren. Erst im Erlegtwerden kommt es zu einer bizarren Vereinigung. Der Grind ihrer irdischen Existenz verbindet die beiden letztlich in dem Stück Seife, zu dem sie verarbeitet werden. Ausgangspunkt war die Frage: „Muss man sich – in der Liebe – so lange gegenseitig durch den Fleischwolf drehen, bis man sagen kann, alle Widerstände sind bereinigt?“

Zum musikalischen Reiz von Elegies In Thoughtful Neon trägt wesentlich bei, dass die Liedform immer wieder von Geräuschen angenagt wird oder sich umgekehrt, sich kakophonische Zustände in himmlischen Kitsch verwandeln. Merz, die schon für Technokünstler wie Clara Moto und Ritornell gesungen hat, bekennt: „Ich bin mehr so die Dreckschleuder. Die, die mit mir arbeiten, müssen für den Feinschliff sorgen.“

Auf den Feinschliff verzichten, das tun Ja, Panik immer schon. Die längst nach Berlin ausgewanderten Burgenländer verzaubern mit ihren skizzenhaft hingeworfenen Songs, die ihre ganze Magie letztlich erst im Kopf der Zuhörer entwickeln. Auf ihrem vierten Album Libertatia (Staatsakt) erobern sie sich überraschend den Tanzbeat. Sänger Andreas Spechtl: „Der Ausstieg von zwei Kollegen hat uns diese Veränderung stark erleichtert. Wir hatten uns schon als festgefahren empfunden. Als Trio klingen wir jetzt ganz frisch. Es ist ein wenig so wie der Übergang von The Jam zu Style Council. Da hat Paul Weller plötzlich mit Soul, Disco und sogar Housemusik geliebäugelt. Oder wenn ich einen Clash-Vergleich machen darf: Libertatia ist unser Sandinista. An anderer Stelle wird gar gesungen „Dance The ECB“ (Tanz die Europäische Zentralbank). Ist das Eskapismus Richtung Dancefloor? Spechtl verneint. „Bei diesem Text handelt es sich gewissermaßen um ein durch den Fleischwolf gedrehtes Zitat von Karl Marx, der meinte, man müsse die Verhältnisse zum Tanzen bringen, in dem man ihnen die eigenen Lieder vorsingt.“  Sollte Popmusik wieder mehr versuchen, die Gesellschaft zu verändern? Spechtl nachdenklich: „Mir würde schon reichen, wenn sich die Idee etablieren würde, dass es prinzipiell anders sein könnte. Die Sehnsucht nach einer Utopie finde ich wichtiger, als konkrete Regeln eines Andersseins.“

Parov Stelar, das Electro-Swing-Projekt des Linzers Marcus Füreder hat weniger mit Politik als mit Hedonismus im Sinn. Was für sich auch wieder politisch ist. In ihrem Segment sind Parov Stelar Weltstars. Wenn sie wie zuletzt mal mit „The Art Of Sampling“ (Etage Noir/Universal) ein Album für einen Major machen, dann ist das für sie ein Experiment. Erfolgreich sind sie ganz „independent“ geworden. In der Welt der elektronischen Musik sind Parov Stelar der größte und angesehenste österreichische Act seit Kruder/Dorfmeister. Hatten Sie einen Masterplan? Füreder lacht: „Als Künstler hat man keinen Masterplan, da hat man nur die Hoffnung, dass man am nächsten Tag ausschlafen kann.“ Parov Stelar touren zwischen den hippsten Clubs Londons und Riesendiscos in Südostasien. Dafür braucht es Kondition. Heute, am Zenit des Erfolgs, gefragt, welche Charaktereigenschaften ein junger Musiker braucht, kommt wie aus einer Pistole geschossen: „Standfestigkeit, Authentizität, Ehrgeiz und Spaß an deiner Tätigkeit. Selbst wenn du das alles hast, gibt es keine Garantien. Als österreichischer Musiker brauchst du in jedem Fall eine gute Portion Glück, um dein Projekt zum Fliegen zu bringen.“

Den großen Erfolg noch vor sich hat die Salzburger Rockband Steaming Satellites. Lauscht man ihrem emotionalen Sound, dann wird klar: Ländliche Herkunft hat durchaus internationale Aspekte. Die junge Salzburger Band spielte auf einem ihrer jüngsten Videos mit den Klischees der Scholle. Um ihr steinerweichend souliges „How Dare You“ in der rechten Weise zu vermitteln, stellten sie sich einfach in einen Kukuruzacker. Max Borchardt, ein Rohdiamant von einem Sänger, stellte sich dabei ganz bescheiden in den Hintergrund. Sein raspeliger Gesang ist sowieso Markenzeichen der Band. Seine charismatische Stimme gemahnt an die ganz Großen. Es drängen sich Assoziationen mit Legenden wie dem Schotten Frankie Miller oder Kings-Of-Leon-Sänger Caleb Followil auf. Emanuel Krimplstätter, der Keyboarder und Synthesizerspieler der Steaming Satellites, weiß, was die Band an ihm hat. „Vorbilder? Die hat er nicht wirklich. Max schnappt seine Ideen auf vielfältige Weise auf. Wichtig ist ihm, dass er seine Texte selbst schreibt. Er würde nie die Lyrics eines anderen singen. Nie! Er ist ein sehr impulsiver Sänger. Meistens macht er One-Takes im Studio. Da legt er dann alles rein.“ Die seit 2006 bestehenden Steaming Satellites hatten nie ein Problem damit, aus den Gauen um Salzburg zu kommen. Lebhaft wiegelt Krimplstätter Vermutungen, dass Gefühle der Aussichtslosigkeit am Beginn gestanden sein könnten, ab. „Wir haben uns dadurch nicht einschränken lassen. Als Musiker macht man die Erfahrung, dass es völlig egal ist, woher man stammt. Wir haben bereits ausgedehnte Europatourneen und auch eine Amerikatour gemacht. Als Vorprogramm, aber auch durchaus alleine. Wir sind etwa die amerikanische Westküste von Portland nach San Francisco runter getingelt. Die Reaktionen waren gewaltig. Die haben dort gar nicht glauben können, dass Sänger Max nicht aus den USA stammt. Er singt ja völlig akzentfrei.“

Der große, meist durch einen Zufall ausgelöste Hipness-Schub in der heimischen Popmusik ist ein seltenes Phänomen. Wer hätte damals gedacht, dass aus den einen ziemlich hilflosen Hiphop praktizierenden Dr. Moreaus Creatures einmal ein global erfolgreicher Downbeatphilosoph wie Peter Kruder hervorgehen wird? Und wer hätte Hansi Hölzel den Sprung an die Spitze der US-Charts vorausgesagt, der ihn als Bassist von Drahdiwaberl oder dem Ersten Wiener Musiktheater gesehen hat? Ähnlich krass mutet die plötzliche Verwandlung von Bilderbuch, einer aus Klostergymnasiasten der Stifte Kremsmünster und Schlierbach gegründeten Indiepopband an. Aber letzten Herbst war es soweit. Mit der Veröffentlichung der EP Feinste Seide (Maschin Records) war nicht nur ein großartiger Soundhybrid aus Elektronik und Punk geboren, sondern auch ihre Haltung verändert. Nach einer Umbesetzung waren Bilderbuch am Scheideweg. Entweder weiterhin auf kleiner Flamme im Haifischbecken des Indiepop köcheln oder den goscherten Popentwurf wagen. Das Quartett entschied sich fürs Risiko. „Deutschsprachige Musik ist immer so kühl und überraschungsarm.Wir wollten souliger werden.“ sagt der 24-jährige, platinblonde Sänger Maurice Ernst. Und: „Wie Falco wollten wir auch einmal ein bisserl auf den Tisch hauen.“ Ihr Hieb saß. Nicht zuletzt durch zwei smarte Videos von Antonin Pevny. „Plansch“ sammelte über 100.000, „Maschin“ sogar mehr als 600.000 Klicks. Die deutschen Festivalveranstalter haben großen Appetit auf Bilderbuch. Ihr mitreißender neuer Sound vereint den Spaß an der Elektronik mit Soul-Feeling und Punk-Attitüde. Seit Falco hat niemand mehr mit solcher Leichtigkeit freche Parolen gespuckt. „Ich bin wieder da. An der Bar deiner Wahl. Ein Rebell, Rebell wie ein Hund – auf der Jagd“, japst Ernst hormongeladen bereits in „Feinste Seide“. Seine leicht hysterische Stimme erinnert an den jungen David Byrne. Wie dieser flirtet er verwegen mit dem Desaster. „Unsere Jugend wird dahin sein, wie der Rauch aus dem Schornstein“, heißt es in „Ein Boot für uns“. Wenn das nicht vielversprechend ist?

 

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