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Im Purgatorium des Eigenheims

David Fincher unterminiert mit seinem neuen Film „Gone Girl“ scheinbar heile Welten.

Gleich zu Beginn deutet sich an, dass in dieser Beziehung etwas ziemlich schiefgelaufen ist. Um nur ja nicht zu bald mit dem Feiern des fünften Hochzeitstages beginnen zu müssen, flüchtet sich Nick Dunne (Ben Affleck) schon morgens in die Bar, die er mit seiner Schwester betreibt. Dort genehmigt sich Nick einen frühen Drink und spielt mit seiner Schwester ein albernes Brettspiel um die Zeit totzuschlagen und so spät als irgendwie möglich seiner Frau Amy (Rosamunde Pike) zu begegnen. Als er ein paar Stunden später dann doch in seinem schmucken Haus irgendwo in Missouri eintrifft, erwartet ihn eine böse Überraschung: Amy ist spurlos verschwunden, einige Spuren weisen darauf hin, dass sich in dem schicken Eigenheim eine Auseinandersetzung abgespielt haben muss. Die umgehend herbeigerufenen Polizisten nehmen ihre Ermittlungen auf und leiten umgehend eine groß angelegte Suchaktion nach Amy Dunne ein. Jedermann aus der Nachbarschaft nimmt Anteil am furchtbaren Schicksal, das den Dunnes widerfahren ist, bald schon stürzen sich die Medien mit aller Macht auf die Geschichte, das Verschwinden von Amy wird zum landesweiten Spektakel. Die Ermittler, allen voran deren Leiterin Detective Rhonda Boney (Kim Dickens), beginnen ganz vorsichtig mit der Befragung von Nick um Hintergrundmaterial zu sammeln und sich ein Bild der Lage zu machen. Langsam schält sich dabei heraus, dass die Ehe von Amy und Nick keineswegs so perfekt war, wie dies nach außen den Anschein hat. Weil Nick sich auch nicht immer so verhält, wie man sich das von einem Ehemann, der von der Sorge um seine Frau gequält wird, erwartet, beginnt die Stimmung nach und nach umzuschlagen. Plötzlich sieht sich Nick allerlei Vorwürfen und Verdächtigungen ausgesetzt, ehe er sich’s versieht, wird er beschuldigt, für das Verschwinden von Amy verantwortlich zu sein. Als sich die Schlinge immer mehr zuzieht, keimt in Nick ein furchtbarer Verdacht auf.

David Fincher, der zuletzt mit The Girl With the Dragon Tattoo (2011) den ersten Roman aus Stieg Larssons „Millennium“-Trilogie verfilmt hatte, adaptierte nun mit Gone Girl erneut einen Krimi-Bestseller. Die gleichnamige Buchvorlage von Gillian Flynn, die auch das Drehbuch verfasste, verkaufte schon in ihrem Erscheinungsjahr 2012 mehr als zwei Millionen Exemplare und erntete vor allem von US-amerikanischen Kritikern überwiegend positive Rezensionen.

Fincher hat sich mit gewohnter Präzision an die Umsetzung seiner Version der Geschichte gemacht. Es wäre ein wenig unfair, die zahlreichen Wendungen vorwegzunehmen und damit die Spannung zu minimieren, deshalb nur zu jenen narrativen Fährten, auf die Fincher mit seiner Inszenierung frühzeitig selbst verweist. Zunächst scheint Gone Girl sich in Richtung eines prototypischen Thrillers zu entwickeln. Doch die Spuren, die im Rahmen der Krimihandlung manifest werden, erweisen sich – insbesondere wenn man als Maßstab die raffiniert konstruierten Plots anlegt, derer sich David Fincher ansonsten in seinen Filmen bedient – als zu offensichtlich, simpel und vorhersehbar. Ein Gegensatz zu Finchers bisherigem Œuvre. Schon bald kristallisiert sich heraus, dass Gone Girl zwar an der Oberfläche wie ein Thriller erscheint, Kriminalfall und gängige Spannungsmuster jedoch nur als eine Art Lockvogel fungieren, um zum eigentlichen Kern vorzudringen. Mit parallel verlaufenden Handlungssträngen und Rückblenden führt Fincher Gone Girl von einem Thriller nach und nach in Richtung einer bitterbösen Satire, die einige Institutionen – Ehe und Medien sind nur zwei davon – gehörig aufs Korn nimmt. So wird wiederum ersichtlich, warum David Finchers Inszenierung trotz des eingangs erwähnten Krisenzeichens streckenweise ein ungewohnt glatt wirkendes Szenario entwickelt, dem die für ihn so typischen Ecken und Kanten scheinbar abgefeilt worden sind – die Fassade, die das Ehepaar Dunne errichtet hat, muss zumindest außen makellos erscheinen.

Vollständiger Artikel in der Printausgabe. 

Gone Girl – Das perfekte Opfer / Gone Girl 
Thriller/Drama/Satire, USA 2014 - Regie David Fincher
Drehbuch Gillian Flynn Kamera Jeff Cronenweth
Schnitt Kirk Baxter  Musik Trent Raznor, Atticus Ross
Production Design Donald Graham Burt Kostüm Trish Summerville
Mit Ben Affleck, Rosamund Pike, Neil Patrick Harris, 
Kim Dickens, Tyler Perry, Carrie Coon, Lisa Banes, 
David Clennon, Scoot McNairy
Verleih 20th Century Fox, 145 Minuten
www.gonegirl-derfilm.at
Kinostart 3. Oktober

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