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© Magdalena Blaszczuk

Uneitel zum Quadrat

Text: Karin Berndl, Günther Bus Schweiger Fotos: Magdalena Blaszczuk

Ein Gespräch mit Christine Nöstlinger über die Welt der Bilder, den Vorteil, Geld in der Tasche zu haben, neue Väter und eine geglückte Berufswahl.

Ein Besuch bei Christine Nöstlinger ist eine Ehre. Sie ist nicht nur seit Jahrzehnten die Kinder- und Jugendbuchautorin Österreichs, ihre Bücher wurden in unzählige Sprachen übersetzt und begleiten Generationen. So wäre es für eine heimische Biographie durchaus typisch, wenn man 1979 als Kind – vom Dschi-Dschei-Wischer Fieber angesteckt – sich jeden Tag von dieser sich immer verändernden zutiefst humanen Wunderfigur im Radio wecken ließ und sich nach dem Ende des Jahres des Kindes natürlich das Buch schenken ließ, um die Abenteuer seines Helden nachzulesen. Und wenn dann das erwachsene Wischerkind selber Kinder zu betreuen hatte, standen zumindest ein paar Geschichten vom Franz oder die Mini-Serie im Regal zum Vorlesen bereit. Die Kulturbeflissenen kramten vielleicht noch eine alte Ausgabe der „Feuerroten Friederike“ hervor, oder setzen sich an den Computer und orderten neue Ausgaben und neue Geschichten, die nie enttäuschen.

Christine Nöstlinger hat viele Ehrungen erhalten und die meisten davon mit Geduld ertragen. Es gibt allerdings nur drei Menschen auf diesem Planeten, die sowohl den „Astrid Lindgren Gedächtnispreis“ (die weltweit höchstdotierte Auszeichnung für Kinder-Jugendliteratur) und die „Hans Christian Andersen Medaille“(den inoffiziellen Nobelpreis für Kinderliteratur) in Empfang nehmen konnten. Christine Nöstlinger ist eine davon.

Ratgeber
Als Kinderbuchautorin von Weltrang gilt man als Experte für Kinder schlechthin und die Sichtweisen und differenzierten Figuren in ihren Büchern lassen ohne weiteres den Schluss zu, dass sich Christine Nöstlinger mit Kinderseelen auskennt. Hat es sie nie gereizt, einen Erziehungsratgeber zu schreiben, der die Plattheiten der aktuellen Sachbücher hinter sich lässt?

Nöstlinger:„Ich würde nie einen schreiben. So etwas wie Erziehung gibt es ja nicht. Da gibt es einen schönen Ausspruch von Karl Valentin: ‚Wir brauchen unsere Kinder nicht zu erziehen, sie machen uns sowieso alles nach.‘ Man kann ein Vorbild sein und das wirkt dann irgendwo, aber Erziehung – das erinnert mich an Spalierobst. Sie können einem Kind tausendmal sagen, dass es nicht lügen soll, aber wenn das Kind merkt, dass Mama und Papa lügen, dann wird es das auch tun.“ Nach einer kurzen Pause kommt dann aber noch so ein typischer Nöstlingersatz, der die Zuneigung zu Kinderwelten und deren Freiheiten und die Ablehnung von strikten Regeln mehr als deutlich macht: „Aber Kinder haben sowieso jegliches Recht zu lügen.“

Beruf
Ihr Erstlingswerk Die Feuerrote Friederike, ein flammendes Plädoyer gegen Kleingeistigkeit und für Solidarität veröffentlichte Nöstlinger 1970, mit 34 Jahren. Hat sie eigentlich bei der Berufswahl auch einmal daran gedacht Lehrer zu werden? „Ein ganzes Leben in die Schule zu gehen, das wäre nichts für mich gewesen. Man hat ja schon längst festgestellt, dass nicht didaktische Programme das Wesentliche sind, sondern das Charisma des Lehrers. Hat einer Charisma, dann bringt er denen, die ihm anvertraut sind, was bei. Aber man braucht so viele Lehrer, so viele Menschen mit Charisma gibt es gar nicht. Ich hätte mich nie dazu geeignet, aber aus ganz anderen Gründen: Weil ich ziemlich kindlich oder kindisch bin und nicht alle Kinder mag. Es sind immer noch die gleichen Kinder, die ich schon als Kind nicht gewollt hab und ich wäre ein maßlos ungerechter Lehrer.

Ich habe das bei Lesungen, die ich nicht gerne mache, aber dann doch hin und wieder, bemerkt. Wenn da eine sitzt, die meiner Todfeindin in der Volksschule ähnelt, mit einem Speckgnack und die eine Streberin ist, die immer aufzeigt und die Hand so weit nach vorne streckt – die lasse ich links liegen und habe eine satanische Freude daran. Da muss ich mir dann immer sagen, Christerl, das Kind kann nichts dafür, es ist ja ein armer Hase. Aber so eine Lehrerin können Kinder nicht gebrauchen.“

Die Diskussionen über das heimische Schulsystem bringen nicht nur Eltern, die die Gegebenheiten des 21. Jahrhunderts annehmen müssen, auf die Palme, auch Christine Nöstlinger hat dazu eine klare Meinung: „Wenn ich heute die Schuldiskussion höre, dann habe ich ein Déjà-vu-Erlebnis. In den siebzigern ist das alles schon diskutiert worden. Damals hat es geheißen, das geht nicht,weil für Schulgesetze braucht man eine 2/3 Mehrheit und die kann man mit der ÖVP nicht bekommen. Jetzt ist das geändert, es genügt eine einfache Mehrheit, aber eine Änderung kommt wieder nicht. Solange wir nicht eine Gesamtschule haben, solange wir nicht eine Kindergartenpflicht ab drei Jahren haben und der Kindergarten gratis ist – solange wird sich nichts ändern. Aber Gesamtschule kann natürlich auch nur funktionieren wenn sie gut gemacht wird. In Südtirol gibt es das seit ewig, weil es in den Bergdörfern auch gar nicht anders geht. Wie es geht wissen wir alle, aber wenn die zweite Förderlehrerin einfach nicht vorhanden ist oder die zwei Lehrer nicht wissen, was sie tun sollen, weil die Lehrerausbildung nicht danach ausgelegt ist, dann wird es sicher nicht funktionieren.“

Familie heute
In Als mein Vater die Mutter der Anna Lachs heiraten wollte beschäftigt sich Nöstlinger mit dem Phänomen der Patchworkfamilie. Die geschiedenen Eltern des Helden Cornelius haben ein normales Verhältnis und der Sohn lebt zufrieden bei seinem Vater, besitzt aber auch den Schlüssel zur Wohnung der Mutter und hat sich seinen Lebensmittelpunkt selbst ausgesucht. Nöstlinger selbst wurde völlig untypisch für die Kriegs- und Nachkriegszeit von ihrem Vater nicht nur politisch geprägt, dieser war auch im Alltag präsent. Gibt es für sie so etwas wie eine Änderung der Väterrolle? „Das ist ein schichtspezifisches Problem. Es hat sich in bestimmten Schichten geändert. Bei Leuten, die genug Einkommen haben, die genug Bildung haben, da hat sich das Rollenverständnis schon sehr geändert. Aber sowohl in der Unterschicht, als auch in der ganzen Oberschicht ist es wie immer. Wobei die richtige Oberschicht interessiert mich nicht, da kann ich keine Auskunft geben.“ Bekannterweise haben Männer zur Hausarbeit ein etwas anderes Verhältnis als Frauen. Nöstlinger stellt dem Vater-Sohn Haushalt eine Haushälterin zur Seite. „Es funktioniert ohne Hausarbeit besser, es wird ja alles leichter wenn man Geld hat. Ein Vater, der ein kleiner Buchhalter ist, oder Lagerarbeiter beim Billa, wird sich schwertun, das ist klar.“

Film
Wenn der Zeitplan eingehalten wird kommt der Film Maikäfer Flieg, der auf Nöstlingers gleichnamigem Buch basiert und das Kriegsende und die damit verbundenen menschlichen Wirren und unmöglichen Freundschaften aus Kindersicht beschreibt, im nächsten Jahr ins Kino. Für Regie und Teile des Drehbuchs verantwortlich ist Mirjam Unger, die Musik steuert Gustav aka Eva Jantschitsch bei. Wie steht die Autorin zu diesem Projekt und anderen Verfilmungen? Wer jetzt eine einfache Antwort erwartet hat, der wird enttäuscht: „Die Nebenrechte liegen beim Verlag, also geht es mich nichts an. Ich war noch nie sehr einverstanden mit den Verfilmungen meiner Bücher, aber das ist wahrscheinlich bei jedem Schriftsteller so, dass er sich etwas ganz anderes vorstellt, als er dann später sieht. Ich habe selber viele Drehbücher geschrieben, aber nie zu einem meiner Bücher. Wenn ich eine Geschichte für ein Buch erfinde, dann gehe ich von der Sprache aus und wenn ich einen Film mache, dann gehe ich von Bildern aus. Ein Buch, das auf Sprache konzentriert ist, in Bilder umzusetzen ist eine mühselige Arbeit, die für mich als Autor, der die Geschichte von der Sprache her kennt, eher unangenehm ist. Darum hab ich es auch nie getan. Ich muss auch sagen, dass die Filme, die nach meinen Büchern gemacht wurden, nie besonders gut waren, aber als Autor kann man das schwer beurteilen.“ Es bleibt zu hoffen, dass Mirjam Unger die Geschichte der zehnjährigen Christine so erzählt, dass auch die Hauptfigur und Urheberin mit der Umsetzung der Geschichte in eine Bilderwelt zumindest zufrieden sein wird.

Figuren
Nöstlingers Werk umfasst weit über hundert Bücher und da sind diverse Sammlungen und Wiederauflagen nicht mitgerechnet. Auf die Frage nach Figuren, die ihr ans Herz gewachsen sind, haben wir mit einer kurzen Replik gerechnet, bekommen haben wir eine extra trockene Antwort: „Bei der Menge Biachln, die ich geschrieben habe, kann ich sagen die, die ich mag, hab ich vergessen. Wenn ich so ein Buch sehe, fällt mir schon ein, was ungefähr drinnen steht. Ich habe nicht so eine Beziehung zu dem von mir Geschriebenen, dass ich da Figuren besonders ins Herz geschlossen hätte. Ich habe das Gefühl, manche Bücher sind gut gelungen, manche sind weniger gut gelungen. Aber da geht es um Stilfragen und den sprachlichen Duktus. Ich habe das erste Arbeitergespenst Europas erfunden, die Rosa Riedl, die habe ich schon gern gehabt. Es ist eigentlich immer so gewesen, dass die Bücher, die ich als recht gut gelungen eingeschätzt habe, bei meinen Lesern nicht so ein Erfolg waren, etwa Hugo das Kind in den besten Jahren, der die Gewerkschaft der alten Kinder gründet – das habe ich schon sehr gemocht, aber für die Kinder war das zu schwierig.“

Bilder
In einer Welt, in der die Bilder schon längst das Kommando übernommen haben und das Fernsehen als das Medium gilt, in dem noch komplexe Geschichten erzählt werden, sehen Kulturpessimisten schon das Ende des Buches herannahen. Welchen Zugang hat eine gelassene Autorin zu diesem Thema? „Die ganz Jungen wachsen in einer Bilderkultur auf, und wer in einer Bilderkultur lebt, der wird zur Wörterkultur keinen großen Zugang haben. Aber die Leute, die richtige Leser sind, die nehmen nicht ab, es gibt immer wieder eine Gruppe von Menschen, die von Sprache und von aufgeschriebenen Geschichten fasziniert ist. Es ist so, dass Kinder früher mehr gelesen haben, aber ich würde sagen, mangels anderer Möglichkeiten. Es war ihnen halt fad und es hat keinen Fernseher gegeben, so sind sie halt daheim gesessen und haben gelesen. Die haben aber mit 13 oder 14 Jahren zu lesen aufgehört und haben in der Kronen Zeitung den Sportteil gelesen und den Staberl. Es hat einmal eine Untersuchung gegeben, wonach 8 Prozent der erwachsenen Menschen echte Leser sind. Es ist nicht viel weniger geworden, das sieht man ja auch an der Zahl der verkauften Bücher.“ 

Christine Nöstlingers Gesprächsstil ist in seiner Lebendigkeit und Klarheit mehr als untypisch für eine medienerfahrene Autorin von Weltrang. Unverbindliche Formulierungen und vorauseilende Rücksichten sind ihr unbekannt. „Mein Mann hat mir immer vorgehalten, dass meine Uneitelkeit meine Eitelkeit ist“, meint sie am Schluss unseres Gesprächs. Möge es so bleiben. 


Christine Nöstlinger, Jens Rassmus:
Guter Drache, böser Drache, Nilpferd
Residenz Verlag, 2012

Christine Nöstlinger (mit Doris Priesching):
Glück ist was für Augenblicke
Residenz Verlag, 2013

Chrsitine Nöstlinger:
Als mein Vater die Mutter der Anna Lachs heiraten wollte
Verlag Friedrich Oetinger, 2013

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