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Können Diese Augen Lügen?

Ganz gleich in welche fantastischen Sphären sich Tim Burton mit seinen großspurigen Disney-Produktionen zu katapultieren vermag, eines muss man ihm lassen: Er findet immer wieder zurück nach Hause. Nach dem schaurig-schönen Stop-Motion-Animation-Kinderhorror „Frankenweenie“ (2012) beweist er in seiner jüngsten Regiearbeit „Big Eyes“ erneut, dass er die wüsten Erinnerungen an seine Vorstadtkindheit ebenso wie die ungebrochene Leidenschaft für Low-Budget-Kino stets tief im Herzen trägt. 

Es war ein Skandal, der vor allem die Wohnzimmer der amerikanischen Vorstadtwelt erschütterte: Als das Ehepaar Margaret und Walter Keane in den fünfziger Jahren mit bizarren Gemälden von Kindern, die aus ihren tieftraurigen, hypnotischen Riesenaugen auf die Welt schauen, die Herzen der breiten Öffentlichkeit eroberte, ahnte niemand, dass diese Bilder im Innersten ihrer ungeniert kitschigen Seele ein dunkles Geheimnis hüteten. Zehn Jahre und unzählige Knopfaugenpaare später bricht Margaret schließlich das Schweigen und verlässt ihren Mann unter dem Vorwurf, dass die stets nur mit „Keane“ signierten Bilder, die der geschäftstüchtige Walter unter seinem Namen weltweit verkaufte, allein ihr Werk seien. Der darauf folgende heftige, zuweilen öffentlich ausgetragene Rosenkrieg mündete in einem Gerichtsverfahren, aus dem Margaret zu guter Letzt mit einer Entschädigungssumme in Millionenhöhe als Gewinnerin hervorging.

Dass sich nun ausgerechnet Tim Burton nach einer Reihe von Filmen, in denen ein überbordender Reichtum an visuellen Reizen nicht selten die narrativen Unzulänglichkeiten vertuschen musste, der so kuriosen wie tragikomischen Geschichte um das Künstlerehepaar Keane angenommen hat, verwundert weniger, wenn man die Brücke zu seinen früheren Werken schlägt. In diesem Sinne ist Big Eyes nicht nur Burtons hellster Film seit Big Fish (2003), sondern steht in seiner dramatischen und emotionalen Verbundenheit am ehesten mit dem famosen Ed Wood (1994) im Einklang, auch wenn ihm die Brillanz und Originalität, die Burtons einfühlsames erstes Künstlerporträt auszeichnen, leider weitestgehend abgehen.

Mister Burton, beginnen wir ausnahmsweise am Ende der Geschichte: Eine der erstaunlichsten Szenen im Film ist die im Gerichtssaal, die Sie mit der Hilfe von Christoph Waltz herrlich komödienhaft inszenieren. Aber im Vergleich zu den wahren Begebenheiten ist das angeblich noch gar nichts?
Stimmt. Man hat uns vorgeworfen, wir würden uns über das Gerichtssystem lustig machen, dabei behandeln wir die Geschehnisse im Film viel ernster und seriöser, als es in Wirklichkeit der Fall war. Das Kreuzverhör und die vergeblichen Versuche des Richters, Walter zur Ruhe zu bringen, nicht immer dazwischenzurufen und so weiter, das ist im Film relativ harmlos dargestellt. Wenn man die Hintergründe kennt, hat man ja bereits eine Vorstellung davon, wie absurd das Ganze eigentlich war. Nur wenn Sie die Situation im Gerichtssaal separat betrachten, ist es natürlich unfassbar, wie das damals vonstatten ging. Aber das ist einer der Gründe, warum mich die Geschichte überhaupt so fasziniert hat.

Wann haben Sie denn zum ersten Mal davon gehört?
Ich bin mit den Bildern der Keanes aufgewachsen, also im Grunde fing es damit für mich an. Ihre Bilder von Kindern mit übergroßen Augen waren damals sehr beliebt in der Gegend, in der ich aufwuchs – eine Wohngegend mit Einfamilienhäusern Marke Vorstadtspieß, wenn Sie so wollen. Mir ist das alles bis heute wie ein merkwürdiger Traum in Erinnerung. Eines Tages erzählte mir ein Freund die Geschichte der Keanes, nachdem er von dem Skandal erfahren hatte. Obwohl in den Medien darüber berichtet wurde, war der Fall dennoch nicht übermäßig bekannt, weil die Bilder eben nicht als große Kunst gehandelt, sondern eher unter Kitsch verbucht wurden. Aber mich hat die Geschichte damals irgendwie gepackt und berührt. Das gestörte Beziehungsverhältnis zwischen Margaret und Walter, die zusammen diese merkwürdig mutierten Kinder schufen, und dieser Teufelskreis von romantischer Komödie zu Psycho-Horror-Story über Drama wieder zurück zur Komödie, das fand ich spannend, nicht zuletzt auch im Hinblick auf meinen persönlichen Bezug zu den Bildern an sich. Als ich später, gegen Ende der Neunziger, einmal in San Francisco war, habe ich sogar ein Gemälde bei Margaret in Auftrag gegeben. Irgendwann erfuhr ich durch Zufall, dass Larry Karaszewski und Scott Alexander ein Drehbuch über den Fall geschrieben hatten. Da bin ich sofort hellhörig geworden, denn mit den beiden hatte ich ja schon bei Ed Wood zusammengearbeitet, und ich wusste, dass das eine ihre Stärken war: prominente oder gesellschaftliche Randfiguren und wahre Geschichten, die eigentlich zu unglaublich sind, um wahr zu sein. Dann war ich lange Zeit nur als Produzent involviert, aber nachdem ich eine ganze Reihe großer Studioproduktionen hinter mich gebracht hatte, wollte ich gerne mal wieder einen kleineren Low-Budget-Film drehen. Und mit so wunderbaren Schauspielern wie Amy Adams und Christoph Waltz in der Besetzung habe ich mich schnell in das Projekt verliebt.

Vollständiger Artikel in der Printausgabe.  

 
Big Eyes
Biografie/Drama, USA 2014 – Regie Tim Burton
Drehbuch Scott Alexander, Larry Karaszewski 
Kamera Bruno Delbonnel Schnitt JC Bond Musik Danny Elfman
Production Design Rick Heinrichs Kostüm Colleen Atwood
Mit Amy Adams, Christoph Waltz, Jason Schwartzman,
Terence Stamp, Danny Huston, John Polito, Krysten Ritter
Verleih Constantin Film, 106 Minuten
www.bigeyes-film.de
Kinostart 24. April

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