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Kremser Klang Kreaturen

Text: Walter Pontis Fotos: Press

En-vogue-Clubkultur mit ausgeschlafenen Electropop-Exponentinnen.

Alljährlich wird das Donaufestival Krems von renommierter internationaler Musikrezeption auf vordersten Plätzen der weltbesten Festivals gelistet. Nach dem Vorjahreserfolg machen Tomas Zierhofer-Kin – er wird Chef der Wiener Festwochen, leitet aber dieses Jahr und 2016 noch das Donaufestival – und sein Team auch heuer wieder das schier Unmögliche möglich, und schütteln ein Line-up aus dem Ärmel, von dem, mit Ausnahme des Elevate in Graz, andere heimische Musikfestivals wohl nur träumen können. Nebenher setzt das DF mit diesem Niveau auch international Standards für Festivals mit Clubkultur und avanciertem Pop. Beste mediale Resonanz steht dito heuer wieder ins Haus.

Outcome mit Sahne

Bereits am Eröffnungstag wartet das DF mit mehreren empfehlenswerten Acts auf. Das Trio Carter Tutti Void – bestehend aus Chris Carter und Cosey Fanni Tutti (Throbbing Gristle, Chris & Cosey, Carter Tutti) und Nik Colk Void (Factory Floor) – schickt seine Geräusche, Noises und Sounds durch Echokammern und Hall-Geräte, während maschinelle (Krautrock-)Beats für strukturierte Taktordnung sorgen. Das hört sich gar nicht so kompliziert an, der Outcome ist aber ultra-cool, hypnotisch, groovig und am Puls der Zeit. Das britische Musikmagazin „The Wire“ widmet Carter Tutti die Coverstory seiner aktuellen Ausgabe. Ein Youtube-Klick nur und unter Umständen machen auch Sie sich schon auf den Weg nach Krems.
Und das wäre zweifellos eine gute Entscheidung. Denn dort frequentieren an diesem Tag noch weitere Kapazunder, wie zum Beispiel Ben Frost, die Bühne. Der nun in Reykjavík ansässige australische Minimal-Komponist und Produzent ist bekannt für seine Filmmusik - Sleeping Beauty (2011), In Her Skin (2009), The Deep (2012) – sowie seine Musik zur britischen Psycho-Thriller-TV-Serie Fortitude (auf Sendung 2015). Sein aktuelles Album „AURORA“ (2014) ist gefüllt mit experimenteller Electronica, brutal und dramatisch. Frost erarbeitete sein düsterstes Werk auf dem Laptop während seiner Mission in der Demokratischen Republik Kongo. Der Schritt vom minimalistischen Kunst-Kino zum Hollywood-Blockbuster-Monster wurde von der Musikrezeption durchwegs goutiert. Mit dem Videokünstler MFO aka Marcel Weber wird hier eine Live-Version des Albums vorgestellt.
Am selben Tag betritt noch das aus Austin, Texas, stammende Duo Stars Of The Lid, das sich aus Adam Wiltzie und Brian McBride zusammensetzt, die Bühne. Die beiden fabrizieren minimalistische Ambient-Music mit Drone – also tiefe, langsam ausklingende, oft durch Effekte verfremdete (Gitarren-)Töne. Der Bandname bezieht sich auf das „ganz persönliche Kinoprogramm, das zwischen Auge und Lid abläuft.“ Zu den Einflüssen des 1992 gegründeten Duos zählen Künstler wie Arvo Pärt, Gavin Bryars sowie Brian Eno. Stars Of The Lid waren übrigens eine jener frühen Formationen, die via Web erste Bekanntheit erlangten.

Vier Repräsentantinnen des avancierten Electropop

Last but not least wird beim Auftakt Gazelle Twin Erlesenes feilbieten. „I’ll beat them all at their own game“, kündigt Gazelle Twin auf dem Song „Belly Of The Beast“ an. Und überraschender Weise hält sie, was sie so großspurig verspricht. Ihr Album „Unflesh“ ist ein Highlight des Vorjahres und findet sich in so gut wie allen relevanten Alternative-Pop-Jahrescharts 2014 wieder. Gazelle Twin aka Elizabeth Bernholz spielt sich mit dem „Anti Body“ (tolles Video!). Sie legt ihren Körper sogar ab, bis zum Skelett, um sich zu befreien: „I wanna break free. I wanna break free.“ Sie tut praktisch alles dafür. Sie ist nicht aufzuhalten ... „it’s coming at me, coming at me, coming at me!“ ... und schon ist sie da, die Panikattacke! Klaustrophobischer als das Gros schwergewichtiger Doom-Berserker. Gazelle Twin sollte Ihnen nicht entwischen.

Vollständiger Artikel in der Printausgabe.   


Donaufestival 2015
24.April – 26.April & 30. – 2.Mai 2015
www.donaufestival.at 

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