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Kriegscharakter

„American Sniper“ von Clint Eastwood – affirmatives Porträt eines Helden oder differenzierte Reflexion über das Wesen des Kriegerischen?

Wenn einer den Spitznamen „Legend“ trägt, dann hat er vermutlich echt was auf dem Kasten. Im vorliegenden Fall allerdings eher auf dem Kerbholz. Einhundertundsechzig „confirmed kills“, bestätigte Tötungen also, hätte der Texaner Chris Kyle (1974-2013) sich in Form von Kerben in den Kolben seines McMillan Tac-338 Scharfschützengewehres schnitzen können. Oder in den einer seiner anderen zahlreichen Waffen, den des SR-25, des Mk 12, des M4, der SIG Sauer P220. Ob Chris Kyle ein Waffennarr war? Jedenfalls war er Mitglied der US Navy SEALs und nahm als solches an vier Kampfeinsätzen im Irakkrieg teil. Da kommt dann schon was zusammen, wenn man als Scharfschütze arbeitet.

Er habe seine Abschüsse nie gezählt, meinte Chris Kyle einmal, ihn habe immer nur die Zahl derjenigen interessiert, die aufgrund eines seiner Abschüsse weiterlebten.

Was macht ein Scharfschütze? Er liegt – meist, des besseren Überblicks wegen, auf einem Hausdach – im Hinterhalt und versucht von dort aus, den Einsatz seiner Truppe unten auf der Straße abzusichern. Er tut das, indem er nach Personen Ausschau hält, die sich in verdächtiger Weise oder offen feindseliger Absicht dieser Truppe nähern. Dann schaltet er das feindliche Element aus. Das heißt, er schießt es ab. Päng! Schon fällt der Mensch unten auf der Straße tot um und weiß meist noch nicht einmal, was ihn getroffen hat, so schnell geht das.

Päng! Blut spritzt. Jemand geht zu Boden. Der Kampf geht weiter. Der Vorgang scheint sich schier endlos zu wiederholen in American Sniper, jenem Film, den Clint Eastwood über Chris Kyle – beruhend auf dessen gleichnamiger, 2012 erschienener Autobiografie und nach einem Drehbuch von Jason Hall – gedreht hat. In der Titelrolle: Bradley Cooper, der sich für diese Aufgabe in einen Hünen verwandelt hat, sein felsenhaftes Erscheinungsbild jedoch subtil unterspielt und für diese nicht geringe Leistung für den Oscar nominiert wurde.

American Sniper beginnt mit einer Szene, in der Kyle im Einsatz über Leben oder Tod einer Frau und eines kleinen Jungen entscheiden muss. Es folgt eine Rückblende, in der Vater Kyle seinem Sohnemann ein eher simples Weltbild nahe bringt: Es gäbe drei Arten von Menschen: Schafe, Wölfe und Hirtenhunde. Letztere, man ahnt es, werden Scharfschützen. In der nächsten Sequenz entscheidet sich Kyle unter dem Eindruck des Attentats auf das World Trade Center für eine Laufbahn beim Militär und muss im Zuge der Ausbildung die sattsam bekannten Erniedrigungsrituale über sich ergehen lassen. In einer Bar erobert er eine spröde Schönheit, Taya (Sienna Miller), und heiratet sie. Dann ist er auch schon mitten drin im Krieg, während die mittlerweile schwangere Ehefrau zuhause sitzt und am Telefon mehrmals Ohrenzeugin von Feuergefechten wird. So geht es dahin. Eastwood folgt Kyle bei seinen Einsätzen und zeigt ihn beim Töten, dann begleitet er ihn in den Heimaturlaub und zeigt seine Orientierungslosigkeit. Taya, inzwischen Mutter von zwei Kindern, will ihren Mann zurück („I need you to be human again!“), doch der ist mental im Krieg geblieben.

Man möchte diesen Film unspektakulär nennen, dabei wird doch unendlich viel geschossen und zahllos gestorben und es mangelt weder an Action noch an Dramatik. Dennoch, mit seinem gewohnt gelassenen Inszenierungsstil nimmt Eastwood den Ereignissen das Potenzial des manipulativen Pathos, er spitzt hier ein bisschen zu, dreht dort ein wenig am Rad, im Großen und Ganzen aber macht er kein sonderliches Aufhebens, sondern zeigt, was Sache ist, wenn Männer in die Schlacht ziehen.

In den USA wird American Sniper kontrovers diskutiert. Das verwundert nicht, ist das Land doch im Bezug auf sein militärisches Engagement im Irak und in Afghanistan, in Sachen Krieg gegen den Terror, Guantanamo, Homeland Security Act tec. tief gespalten. Während also die einen Eastwood unreflektierte Heldenverehrung sowie Schwarzweiß-Malerei, vor allem aber die undifferenzierte Gesichtslosigkeit des Feindes vorwerfen, schauen die anderen eher ratlos aus der Wäsche. Was zum Teufel will der alte Recke uns mit diesem Film sagen? Will er überhaupt etwas sagen? Oder ist er auf seine alten Tage, Eastwood wird im Mai 85, endlich doch noch senil geworden und dreht da irgendwie einfach was vor sich hin?

Letzteres kann man getrost ausschließen. Und freilich ist auch davon auszugehen, dass Eastwood mit American Sniper etwas sagt. Nur ist das, was er zu sagen hat, halt eben mal wieder ein bisschen komplizierter, als dass es sich in eine der beiden kleinen Schachteln mit der Aufschrift „gut“ respek-tive „böse“ stecken ließe.

Dass Eastwood dem Konzept des Heldischen etwas abgewinnen kann, ist ein alter Hut. Ein Blick in seine Filmografie genügt, um das zu bestätigen; Joe, Monco und Blondie in Leones „Dollar“-Trilogie sowie der titelgebende Dirty Harry gingen als maßlos coole Heldenfiguren in die Filmgeschichte ein. Dass Eastwood an sein Land glaubt, ist gleichfalls keine Neuigkeit. Offene, politische Kritik allerdings, gar aus linker Perspektive, ist Eastwoods Sache nicht und war es nie. Wer sich also American Sniper ansieht und die Demontage eines Helden erwartet, sitzt absehbar im falschen Film.

Worum es Eastwood in der Darstellung von Kriegen geht, ist der humanistische Blick auf jene, die sie kämpfen. Davon legen Filme wie The Outlaw Josey Wales (1976), vor allem aber sein außergewöhnliches Diptychon Flags of Our Fathers und Letters from Iwo Jima (beide 2006) Zeugnis ab. Was macht der Krieg mit den Menschen? Wie kommen kriegerische Haltungen zustande und wie wirken sie zurück auf jene, die sie einnehmen? Welche Opfer bringen Krieger und was heißt das für ihre Familien? Was bedeutet das im Krieg ans Töten-Müssen gekoppelte Heldische im Kontext jener moralischen Konzepte, die jenseits der Schlachtfelder gleichzeitig Gültigkeit behaupten? Entlang dieser Fragen will American Sniper rezipiert werden.

Hilfreich ist auch, sich vor Augen zu führen, dass Eastwoods Affirmation von Heldentum und Patriotismus nie, NIE, unreflektiert erfolgt. In Filmen wie Absolute Power (1997), True Crime (1999) oder J. Edgar (2011) sieht und zeigt er sein Land mit all seinen Fehlern – Korruption, Amoral, Rassismus, Gewalt und Selbstjustiz – und bricht an diesem differenzierten Bild sodann die Heldenfiguren. Sie sind nicht unfehlbar und sie sind auch keine Lichtgestalten, sie zweifeln und hadern, haben einen fragwürdigen Charakter, verfolgen dubiose Interessen, wollen vielleicht auch überhaupt keine Helden sein. Aber in der Situation, in die sie sich jeweils geworfen sehen, tun sie ihr Möglichstes und geben ihr Bestes, um das umzusetzen, woran sie glauben. Ob das, woran sie glauben, gut, richtig, falsch oder böse ist, das steht auf einem anderen Blatt. Und Eastwood ist klug genug, sich einer Wertung zu enthalten. Vielmehr stellt er lediglich den Sachverhalt möglichst breit gefächert dar und überlässt dessen Beurteilung seinem Publikum.

Bedenkt man all dies, ist es nicht verwunderlich, dass Eastwood sich für Chris Kyle interessiert. Den hoch dekorierten Helden eines fragwürdigen Krieges, aus dem Tausende geschunden und traumatisiert zurückkehrten. Klar sucht Eastwood in Kyle nach den Brüchen und findet sie auch, aber er macht aus seinen Funden weder Pamphlet noch Propaganda. Er stellt uns sein Bild eines Menschen hin, eines ziemlich harten Brockens, der, scheint’s, wenig reflektiert – und an diesem Bild können wir uns nun abarbeiten, so wir das denn wollen.

Es lohnt sich, das zu tun, denn Bradley Cooper, der American Sniper mitproduziert hat, gelingt es, seine Figur sozusagen zweigleisig zu spielen. Während er an der Oberfläche den aufrechten Patrioten intakt lässt und dessen Mantra „Gott – Vaterland – Familie“ nie in Frage stellt, unterläuft er ihn zugleich mit durchaus problematisch wirkenden Charakterzügen, die jedoch nicht ins Neurotische ausufern. Auf diese Weise entsteht ein Porträt, das die Auswirkungen des Kampfgeschehens sichtbar macht als Widerstreit im Inneren.

Es gibt da beispielsweise eine Szene, in der Kyle in einer Autowerkstatt von einem Veteranen angesprochen wird, dem er das Leben gerettet hat. Kyle kann sich nicht erinnern. Ungelenk steht er da und wirkt fast peinlich berührt, als der andere das Loblied seines Heldentums singt. Sein Blick schweift ab ins Nichts, oder vielmehr: in die Vernichtung, die der Krieg ist. Man sieht förmlich, wie er zwischen seiner Gegenwart und seiner Vergangenheit keine Verbindung mehr herstellen kann, wie ihm mit einem Mal das Kontinuum des eigenen Lebens zerbricht. Immer wieder macht Cooper Kyle auf diese Weise zu einer Leerstelle, an der das Humane des Soldaten und das Destruktive der Situation, für die er zugerichtet wurde, verheerend aufeinander treffen. Dann sieht man den Preis, der zu zahlen ist – nicht nur von Helden, sondern von jedem, der ins Feld zieht, und von jenen, die zurück bleiben und um ihn fürchten.

Der Krieg, und das zeigt American Sniper doch sehr genau, hat nichts Glorioses und trägt auch nicht zur Selbstfindung bei, er entfaltet vielmehr eine zerstörerische Macht, die weit über das hinausreicht, was auf den Schlachtfeldern geschieht, und direkt ins Herz dessen zielt, was Menschlichkeit ausmacht: Mitgefühl. Man kann diese Haltung, dieses Nachdenken über den Status Quo, das vom Faktischen ausgeht, reaktionär finden. Aber der Weltfrieden ist im Wolkenkuckucksheim und das Wünschen hat in Wahrheit noch niemals geholfen.

Gestorben ist Chris Kyle übrigens nicht im Krieg, jedenfalls nicht direkt. Nachdem er 2009 hoch dekoriert und über die Maßen geehrt aus dem Dienst entlassen wurde, kümmerte er sich in seiner Freizeit um mehr oder minder schwer beschädigt aus dem Irak zurückgekehrte Kameraden. Unter anderem ging er mit ihnen auf den Schießstand. Dort wurde er am 2. Februar 2013 von einem unter PTBS (Posttraumatische Belastungsstörung) leidenden Veteranen erschossen.


AMERICAN SNIPER
Kriegsfilm/Biografie, USA 2014 – Regie Clint Eastwood
Drehbuch Jason Hall nach der Autobiografie von Chris Kyle
Kamera Tom Stern Schnitt Joel Cox, Gary Roach
Production Design Charisse Cardenas, James J. Murakami
Kostüm Deborah Hopper
Mit Bradley Cooper, Sienna Miller, Luke Grimes, Jake McDorman, 
Sammy Sheik, Cory Hardrict, Navid Negabhan, Keir O’Donnell
Verleih Warner Bros., 132 Minuten
www.americansniper.de
Kinostart 27. Februar 2015

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