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Foto © Domino Records

Panda im Kollektiv

Der Soundkünstler Noah Lennox, besser bekannt als Panda Bear, wurde mit seinem nicht immer leicht zugänglichen Psychedelia-Sound zum ungewöhnlichen Popstar.

Album des Jahres 2007 bei den maßgeblichen Medien Pitchfork und Tiny Mix-Tapes für Person Pitch von Panda Bear, noch vor Strawberry Jam von Animal Collective. Mit Animal Collective im selben Jahr in Conan O’Brians beliebter Late-Night Show. Merriweather Post Pavillion, Animal Collectives achtes Album wieder bei Pitchfork und Tiny MixTapes zum besten Album des Jahres 2009 gekürt. Im Rahmen der folgenden Tour trat die Band als Headliner und Panda Bear als Solo-Act beim All Tomorrow’s Parties-Festival New York auf. Das sind nur einige Würdigungen in der bewegten musikalischen Biografie von Noah Lennox und seiner Band Animal Collective aus Baltimore, Maryland.

Die vier Mitglieder des Kollektivs lernten sich schon in ihrer Kindheit respektive Jugend kennen. Lennox und Josh Dibb, der sich in der Band später Deakin nennen sollte, wurden in der Grundschule ziemlich beste Freunde. Die High School verschlug Lennox nach Pennsylvania, während Dibb in Baltimore blieb und sich in Sachen Sound mit Brian Weitz und David Portner (der später als Avey Tare auch Soloalben machte) zusammentat. Lennox komplettierte bald darauf die Band und es folgte eine Phase, in der sie intensiv in diversen Konstellationen oder solo spielten. Homerecordings wurden massenhaft produziert und ausgetauscht, wobei sich langsam ein eigener von Drones, Delay, Kreischen, aber auch akustischen Gitarren geprägter Sound entwickelte. Vom Bandnamen Animal Collective war man in dieser Phase (1998) noch weit entfernt, während Panda Bear mit Unterstützung von Josh Dibb bereits intensiv damit zu tun hatte an seinem Debütalbum zu schrauben. Panda Bear erschien 1999 noch vor Lennox’ zwanzigsten Geburtstag auf dem eigenen Label Soccer Star, womit er als erster der Gruppe ein Album veröffentlichte. Immerhin hatte Lennox neben der Waldorfschule bis zu seinem achten Lebensjahr Klavierunterricht bekommen, war danach auf Cello umgestiegen, und krönte seine musikalische Bildung als Tenor im High-School-Kammerchor. Außerdem zeichnete der Teenager gern und verzierte seine frühen Mixtapes mit Zeichnungen von Pandaxbären, was ihm seinen Nom de guerre einbrachte. Wobei musikalische Bildung im orthodoxen Sinn nicht unbedingt wichtig war, waren doch diese frühen Aufnahmen vor allem dem musikalischen Experiment verpflichtet. Diverse Universitätsstudien, die Portner und Weitz nach NYC, Lennox und Dibb nach Bosten verschlugen, sorgten wieder für räumliche Trennung. Lennox studierte, ohne entsprechende familiäre Vorbelastung, an der privaten Boston University Religionswissenschaften, was seinem besonderen Interesse am Konzept eines Gottes geschuldet war.

New Weird America

Für die Entwicklung von Animal Collective sollte sich der Sommer 2000 als prägende Phase erweisen. Für mehrere Monate begaben sich die vier jungen Männer zum Experimentieren in Portners Appartment in Downtown New York, wo sie mit alten Synthesizern, Akustikgitarren und Haushaltsgeräten die Basis für den zukünftigen Sound der Band legten. Lennox 2005 im Interview mit „The Wire“: „Everything since then has been a variation of what we explored that sommer. During the summer we really cracked the egg open. It seemed like we could go anywhere we wanted after that.“ Konsequenz dieser intensiven Erfahrung war Spirit They Are Gone, Spirit They’ve Vanished (2000), das erste Album unter dem Signet Animal Collective. Bibb und Lennox brachen darauf ihre Zelte in Boston sowie ihr Studium ab um sich ganz der Musik zu widmen, und verlegten ihren Wohnsitz nach NYC. Ein maßgeblicher Einfluss auf die Soundbastler wurde in dieser Phase Eric Copeland von der experimentellen Noise-Band Black Dice, der sich mit ihnen anfreundete. Lennox in einem Interview aus 2005: „Black Dice took us on our first tour and I feel like the wisest things I’ve learned about being in a band I learned by watching them.“ In den Live-Performances von Animal Collective spielte Lennnox inzwischen zusätzlich zu Gesang und Electronics auch Schlagzeug und Gitarre, was ihn zur zentralen Figur ihrer Shows machte. Ein Etikett für den bemerkenswerten Sound von Animal Collective und ähnlich klingenden Bands hatten die einschlägigen Medien auch schon gefunden: New Weird America.

Starruhm mit Person Pitch

Das ausgeprägte Engagement für die Band, die in vier Jahren fünf Alben produzierte, führte dazu, dass Lennox erst 2004 mit Young Prayer sein zweites Soloalbum lancierte, dem 2007 das extrem erfolgreiche Person Pitch folgte. Zwischen den beiden Alben kam es im Leben des Noah Lennox allerdings zu einer fundamentalen Veränderung: Er lernte in Lissabon die portugiesische Modedesignerin Fernanda Pereira kennen und lieben, und verlegte seinen Wohnsitz in die portugiesische Hauptstadt. Der Tapetenwechsel trug dazu bei, dass Person Pitch ein durch und durch Wärme ausstrahlendes Album geworden ist. In seiner Grundstimmung deutlich heller als alles, was bisher aus der Ecke Animal Collective und Umfeld kam, besticht Person Pitch durch eine durchgängige Entspanntheit, kombiniert mit verhalltem, himmlischem Chorgesang und repetitiven Melodien. Fast durchgängig aus Samples und Field-Recordings bestehend, schaffte das Album das fast Unmögliche, nämlich total organisch zu klingen. Die Samples für das Ausnahmealbum, von denen Lennox viele selbst aufgenommen hat, stammen aus den unterschiedlichsten Quellen. Um Hinweise zu geben, hat Lennox bei den Danksagungen im CD-Booklet jede Menge Bands, Labels und Solomusiker aufgezählt: Jon Maus, John Diamond, Eric Satie, Aphex Twin, New Order, Gang Starr, Queen, Phil Collins, The Stooges, The Zombies, Ricardo Villalobos, King Tubby, Kylie Minogue sind nur die bekanntesten aus der umfangreichen Liste. Dem Magazin Jazzthetik erklärte Lennox 2007 seine Arbeitsweise: „Bei fast allen Songs habe ich damit begonnen, unterschiedliche Samples zu nehmen und sie miteinander zu verbinden. Ich habe ihre Tonart herauf- oder herabgesetzt, ihr Tempo verlangsamt oder schneller gemacht. Dann habe ich versucht, die Melodien und Rhythmen der Wörter auf eine instinktive und natürliche Art aus mir herauskommen zu lassen. Wenn ich alleine arbeite, bin ich etwas freier, wenn es um die Umsetzung meiner Gefühlswelten geht und wie ich mit dem Raum dazwischen umgehe.“

Echo, Ambient und Freak Folk bei Daft Punk

Bei der Arbeit an den acht mantraartigen Stücken von Person Pitch hat Lennox hörbar Freude daran gefunden, diverse Meeresklänge und Möwengeschrei zu sampeln, die dem Album eine eigene Charakteristik geben. Zu dieser gehört auch der eindeutige Verweis auf die Sounds der ausgelassenen Sixties und die beginnenden Seventies, mit dem Unterschied, dass Lennox Motive verfremdet und teils auf gut zehn Minuten ausdehnt. Am deutlichsten wird das im abenteuerlichen Stück Bros mit seinem immer wiederkehrenden, hypnotisierenden Thema, und dem hymnischen Chorgesang. Dabei scheinen die Stücke auf Person Pitch immer einfacher, als sie es tatsächlich mit ihren unzähligen, flirrenden Soundpartikeln sind. Der durchschlagende Erfolg bei Kritikern und Publikum gleichermaßen katapultiert Lennox in die Popstarliga, wobei seine jugendlich-fesche Erscheinung, die ihn auch bei Animal Collective zum Eyecatcher macht, vermutlich kein Nachteil ist. Seit Person Pitch wird jede Veröffentlichung des Pandas mit beträchtlichem Aufwand promotet, so auch Tomboyz (2011), bei dem erstmalig Peter Kember alias Sonic Boom von der legendären Trancerock-Truppe Spaceman 3 produktionstechnisch mitmischte. In Lennox’ Studio in Lissabon entstand ein kantigeres Album, das zwiespältig rezipiert wurde. Von der Kritik gefeiert, fällt es beim Publikum im Vergleich zu Person Pitch durch. Das exzessive Sampling wurde zugunsten eines forcierten Einsatzes von Gitarren und Synthesizern zurückgefahren, und so mancher Hörer fragte sich, wo denn der Song in diesem Soundamalgam versteckt sei. Was wenig verwundert, dürfte doch Lennox’ Fokus in dieser Phase weniger am Basteln einzelner Songs mit Wiedererkennungswert, als an einem komplexen Sound auf Albumlänge gelegen haben. 2012 wurde Lennox, der derweil zweifacher Vater geworden war, von den Elektrofossilien von Daft Punk eingeladen auf einem der großen Alben des Jahres 2013, Random Access Memory, einen Beitrag zu leisten. Die Produktion, die man auch mal unter dem Gesichtspunkt des Cross-Brandings für jede Menge alter und neuer Gaststars betrachten sollte, war ein Lehrstück für gelungene, mit allen Wassern gewaschene Veröffentlichungspolitik und enttäuschte auch sonst nicht. Doin’ It Right heißt das Stück, das sich Lennox’ Kernkompetenz, den magisch-verhallten Gesang, zunutze macht. In seiner Schlichtheit ist der Song einer der markantesten auf dem Blockbusteralbum.

Spiel mir das Lied vom Tod

Auf dem unlängst erschienenen Album Panda Bear Meets The Grim Reaper tastet sich Lennox mit flauschiger Tatze wieder durch verschrobene Hallräume. Der „Grim Reaper “ steht im Amerikanischen für den Sensenmann, außerdem ist es der Nick von Peter Kember, der abermals als Koproduzent dabei war. Der inhaltliche Schwerpunkt liegt aber klar bei Ersterem. Der inzwischen 36-jährige Lennox hat sich daran gemacht, das Wesen von Werden und Vergehen im Allgemeinen, und den zwölf Jahre zurückliegenden Krebstod seines Vaters im Besonderen, mit musikalischen und textlichen Mitteln zu erforschen. Explizit den Tod des Vaters verhandelt „Tropic Of Cancer“, ein für den Halluzinogen-Erfahrenen untypisches Stück, das in fast ganzer Länge auf einem Harfen-Sample aus der Nussknacker-Suite von Tschaikowsky basiert, und den Block mit vier ruhigeren Stücken am Ende einleitet. Dominant sind aber Songs, die von tanzbaren Beats und Sequencer-Hooklines geprägt sind. Etwa das treibende „Mr. Noah“ mit Hundesamples, „Boys Latin“ mit seiner ungewöhnlichen Melodie. Alles Instrumentale ist jedoch immer durchdringend vom gedubbten Gesang des ehemaligen Chorknaben, der von seinen ineinander verschachtelten und aufgetürmten Stimmen fasziniert ist. Und diese Stimmakrobatik unter besonderer Berücksichtigung des Halls und des Gesamtkataloges von Brian Wilson ist es, die dem Album eine wehmütige, von sporadischem Optimismus durchzogene Atmosphäre verpasst. Fast so, als würde Gevatter Hein immer wieder mal um die Ecke blinzeln. Lennox selbst bezieht sich, den düsteren Albumtitel betreffend, auf Platten wie Augustus Pablos Meets Rockers Uptown und gesteht seinem aktuellen Werk durchaus einen comicsartigen Aspekt zu. Man muss sich um den Panda also keine großen Sorgen machen und kann auf weitere spannende Alben hoffen.

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