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Child 44

„Child 44“, die zweite Hollywood-Arbeit des schwedischen Regisseurs Daniel Espinosa, beruht auf einer bekannten literarischen Vorlage, produziert hat Ridley Scott und auch die Besetzung ist tipptopp – all das macht die Sache nicht einfacher.  

Man möchte auf keinen Fall in seiner Haut stecken. Doch die Kamera lässt dem Zuschauer kaum eine andere Wahl. Verbissen sitzt sie Leo Demidov (Tom Hardy) im kahlgeschorenen Nacken, als ginge es darum, ihm aus dem hintersten Augenwinkel direkt bis ins Gehirn zu starren. Wobei man da nicht weit kommt ob des dicken Fells, das sich der hochdekorierte Kriegsheld und Geheimdienstoffizier seit seiner schwierigen, elternlosen Kindheit und dem anschließenden Erfolgskurs hin zum handlangenden Regimediener zugelegt hat. Leo glaubt felsenfest an die kommunistischen Ideale, die ihn dazu leiten, sämtliche von oben erteilten Befehle stets sauber und gewissenhaft auszuführen. Dies hat ihm in der Führungsetage des Staatssicherheitsdienstes (MGB) der UdSSR in den Anfangsjahren des Kalten Kriegs schnell einen ziemlich guten Ruf eingebracht. Mittlerweile schreiben wir das Jahr 1953, Stalins letzte Säuberungswelle wütet im Land und unser Mann in Moskau hat alle Hände voll zu tun, die Schar vermeintlicher Verräter zur Strecke zu bringen. Denn längst verdächtigt jeder jeden, in der Hoffnung, damit den eigenen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Man kann sich der Vermutung nicht ganz erwehren, dass Leo sich in seiner Haut nicht besonders wohl fühlt. Dass er nicht zum skrupellosen Peiniger geboren wurde, von dem sein geliebtes Vaterland verlangt, ihm buchstäblich bis aufs Blut zu dienen. Was Leo von seinen ehrgeizigen und nicht selten intriganten Kameraden und Vorgesetzten unterscheidet, ist das Prinzip Menschlichkeit, von dem er sich trotz Krieg und Diktatur krampfhaft einen glühenden Funken bewahrt hat – ein Wesenszug, der ihn noch in den rühmlichsten Momenten immer wie einen geprügelten Hund aussehen lässt.

Nun ist das Kino gewissermaßen dazu erfunden worden, die Stelle von anderen einzunehmen, was man als Zuschauer in den besten Fällen als angenehme Selbstvergrößerung erlebt. Child 44 hingegen versetzt das Publikum in einen Zustand lähmender Zerrissenheit. Zwar ist das Drehbuch zu Daniel Espinosas Inszenierung, das auf der gleichnamigen Romanvorlage von Tom Rob Smith basiert, bei dem Versuch, das Erbe der Stalin-Ära mit einem Psychothriller sowie eine Detektivstory mit einem Ehedrama zu verzahnen, recht holprig geraten, was letztlich dazu führt, das der Film auch formal zunehmend unentschlossen agiert. Umso überraschender ist daher, dass man die offensichtlichen dramaturgischen und narrativen Schwächen über weite Strecken dennoch in Kauf nimmt, weil man von der zwiespältigen Aura, die Tom Hardys desillusionierter Leo ausstrahlt, bis ins Mark gefesselt ist. Und das Sehenswerte des Films besteht genau darin: Durch eine Hauptfigur, die die armselige Wahrheit hinter der herrschenden Ideologie verkörpert, gelingt es Espinosa, zumindest einen Teil der Geschichte aus den Klauen eines aufpolierten, opulenten Historien-Thrillers zu befreien.

Vielleicht macht es Sinn, sich diesem durchaus ambitionierten Unterfangen anzunähern, indem man den größten Vorwurf, der ihm bisweilen gemacht wird, offen und ungeniert in den Raum stellt. Denn es geht diesmal ausnahmsweise nicht vorrangig um die immer wieder gern gestellte Frage nach der Geschichtstreue, die sich akribisch damit befasst, wie, wann und von wem die historische Vergangenheit im Kino aufbereitet werden dürfe oder eben nicht. Obwohl, das muss man dazu sagen, Child 44 nur wenige Tage vor dem geplanten Kinostart in Russland wegen angeblicher „Verfälschung historischer Fakten“ sowie einer „fragwürdigen“ Interpretation des „Charakters der sowjetischen Bürger dieser Zeit“ vom besorgten Kultusministerium aus dem Verkehr gezogen wurde. Und dass, nachdem das Buch vor einigen Jahren ganz offiziell auch in russischer Sprache erschienen war. Andererseits geht es auch nicht darum – zumindest nicht in erster Linie – wie trefflich oder mangelhaft der Film mit seiner literarischen Vorlage umgeht, die von The Wire-Autor Richard Price für die Leinwand adaptiert wurde und sich im Original auf den Fall des Serienmörders Andrei Chikatilo stützt, der in den späten siebziger und achtziger Jahren in der Sowjetunion über 50 Frauen und Kinder ermordete und dafür nach dem Ende des Kalten Krieges 1992 zum Tode verurteilt wurde. Nein, worüber sich ausgerechnet die britischen und amerikanischen Rezensionen am ehesten entrüsteten, sind die Akzente. Denn Child 44 zeichnet, wie bereits Spinosas erster Hollywood-Streich Safe House, vor allem eins aus: ein hochkarätiges Ensemble, zu dem neben Hardy auch Gary Oldman, Noomi Rapace, Vincent Cassel, Paddy Considine und Dev Patel gehören. Nur wirft das zwangsläufig die Frage auf, warum innerhalb einer so internationalen Darstellerriege kein einziger russischer Schauspieler zu finden ist. Und mehr noch, warum sich trotzdem alle wie wild anstrengen, mit irgendeinem Akzent zu sprechen, auch wenn es hier – zumindest in der Hinsicht – von vornherein sowieso keinen Anspruch auf Authentizität geben kann.

Vollständiger Artikel in der Printausgabe.

Kind 44 / Child 44
Drama/Thriller, USA 2014 – Regie Daniel Espinosa
Drehbuch Richard Price (basierend auf dem gleichnamigen Roman von Tom Rob Smith)
Kamera Oliver Wood Schnitt Pietro Scalia, Dylan Tichenor Production Design Jan Roelfs
Musik Jon Ekstrand Kostüm Jenny Beavan
Mit Tom Hardy, Gary Oldman, Noomi Rapace, Vincent Cassel, Fares Fares, Joel Kinnaman, Paddy Considine, Jason Clarke, Dev Patel
Verleih Constantin Film, 136 Minuten
Kinostart 5. Juni 2015


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