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© Lauren Greenfield INSTITUTE

Savage Beauty

Text: Jenni Koutni Fotos: Press

Er dominierte 15 Jahre lang (nicht nur) die britische Modewelt – und blieb dennoch immer ein Rätsel. Noch bis 2. August zeigt das Victoria and Albert Museum in London die gefeierte Alexander-McQueen-Retrospektive „Savage Beauty“.

Nur wenigen Designern wird die Ehre zuteil, dass renommierte Museen ihr Gesamtwerk in einer umfassenden Retrospektive zeigen. 2011, knapp ein Jahr nach dem Tod Alexander McQueens, wurde die Ausstellung „Savage Beauty“ im Metropolitan Museum of Art in New York eröffnet. Nach den überraschend erfolgreichen ersten Wochen, in denen Besucher bis zu zwei Stunden um Tickets anstanden, beschloss das Met, spezielle 50-Dollar-Tickets anzubieten, mit denen man die Schau auch montags sehen konnte – ein Tag, an dem das Museum traditionellerweise geschlossen hat. 17.000 dieser Tickets wurden schlussendlich verkauft. Nach zwei Monaten wuchsen die Wartezeiten auf vier Stunden an und erstmals in der Geschichte des Museums wurden die Öffnungszeiten bis Mitternacht verlängert. Insgesamt 650.000 Menschen pilgerten nach New York um eines zu sehen: „Savage Beauty“ – wilde, grausame, schonungslose, drastische Schönheit. Nun ist die Ausstellung, die alle Rekorde brach, im nicht weniger ausgebuchten Victoria & Albert Museum in London zu sehen. Und sie ist eine Reise wert. 

Gleich zu Beginn betritt man einen fast zur Gänze abgedunkelten Raum. Einzig das überdimensionale Antlitz des Designers selbst prangt, umgeben von diffusem Licht, an der Wand. Es macht den Anschein, als besuche man hier nicht nur eine Ausstellung, sondern betrete die Gedankenwelt eines der genialsten Modeschöpfer dieser Welt  – Lee Alexander McQueen. Seine Karriere begann mit sechzehn, als Lee, das  Arbeiterkind aus bodenständigen Verhältnissen mit schottischen Wurzeln, die Schule verließ, obwohl er lediglich einen Abschluss in Kunst erzielt hatte. Es folgten Lehrstellen bei Anderson & Sheppard, dem Traditionsschneider des königlichen Hofausstatters in London, einem Militärschneider, einem Kostümbildner und schließlich der Master-Studiengang im Central Saint Martins, einem der renommiertesten Colleges für Mode weltweit. Hier sorgte er schon mit seiner Abschlusskollektion „Jack the Ripper stalks his Victims“, in die er menschliches Haar einnähte, für Aufsehen. Und so steht auch der erste Teil der Ausstellung ganz im Zeichen seiner Anfänge. Man sieht die ersten konzeptionellen Werke seiner Studienzeit, die ersten akkurat geschneiderten Blazer und, für spätere Verhältnisse, die sehr konservativen Hosenanzüge. Die Geräuschkulisse ist beklemmend, fast schon unheimlich, und man fühlt sich hier nicht wohl. 

Ganz so, wie sich McQueen in diesem Abschnitt seiner Laufbahn nie wohl gefühlt hat. Er litt unter den homophoben Ansichten der alteingesessenen Schneider, durfte sich kreativ nie voll entfalten, war zu eingeengt in seinem Schaffen. Die ausgefallenen Ideen existierten bereits in seinem Kopf, das Geld zur Umsetzung hatte er aber bei weitem nicht. Doch lernte er hier das handwerkliche Können, das der Kern seiner kreativen Fantasien war. Auch dem ausgefallensten Kleid lag ein perfekt konstruierter Schnitt zugrunde. In seiner Karriere sollte er durch sein unglaubliches Talent immer wieder anderen auffallen, darunter dem Fotografen Nick Knight, der unmittelbar Zeuge von McQueens Fähigkeiten wurde. Bei einem Shooting zerriss er vor den Augen des staunenden Teams den Anzug eines Bräutigams um daraus ein Hochzeitskleid zu fertigen, in weniger als 3 Minuten. „Man muss die Gesetze der Mode erst erlernen, damit man sie brechen kann.“ 

Doch Talent allein macht nicht berühmt, das fand der oft in sich gekehrte schnell heraus. So verbreitete er das Gerücht, er habe während seiner Schneiderlehre in eines der Sakkos für Prinz Charles einen kleinen Zettel mit der Aufschrift „I am an asshole“ eingenäht, woraufhin sämtliche Modelle aus dem Kleiderschrank des Royals eingezogen und in ihre Einzelteile zerlegt wurden. Beweise gab es schlussendlich keine, doch er hatte damit das erzielt, was er zu dieser Zeit am meisten brauchte: Aufmerksamkeit. In regelmäßigen Abständen fütterte er die Modepresse mit provokativen Aussagen, offene Diskussionen bereiteten ihm eine bösartige Freude. McQueen brachte, zusammen mit seinem schmutzigen Lachen und der Vorliebe für Junkfood und Bier, frischen Wind in die damalige, steife Modeszene.

Vollständiger Artikel in der Printausgabe.


„Alexander McQueen: Savage Beauty“
noch bis 2. August 2015 im Victoria and Albert Museum, London.
In Kooperation 
mit Swarovski. Supported by American Express.

Resttickets sind über www.vam.ac.uk erhältlich.

 

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