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Soll und haben

Rainer Werner Fassbinder verkörperte das Spannungsverhältnis zwischen Leben und Kunst wie kaum jemand sonst.

Die Lücke, die der frühe Tod von Rainer Werner Fassbinder 1982 im deutschen Kino hinterlassen hat, lässt sich gut daran ersehen, wer inzwischen schon alles als sein möglicher Nachfolger genannt wurde (den Betroffenen erspart man besser die Nennung). Mit seiner einzigartigen Stilsicherheit zwischen kommerziellen und epxerimentellen Formen, mit seinem Sinn für Genres, für deren Überhöhung und Unterminierung, mit seinem zugleich kritischen wie mythologisch interessierten Nationalkino hat Fassbinder nahezu im Alleingang die Kluft zwischen reflektiertem Autorenkino und industriellem Mainstreamfilm geschlossen.

Sein filmisches Werk ist inzwischen sehr gut erschlossen und wird von der Fassbinder Foundation auch geschickt vermarktet, es liegt auf DVD vor, wurde auf internationalen Retrospektiven gefeiert und auch in die Kunsträume überführt (zum Beispiel Berlin Alexanderplatz in die KunstWerke in Berlin, eine eher missglückte Angelegenheit). Doch wie geht man mit dieser übermächtigen, toten Antivaterfigur um? Am 31. Mai wäre er 70 Jahre alt geworden, ein Kind der Befreiung, das aber bald den Vater verlor, weil sich die Eltern 1951 scheiden ließen. 1968 war er 23 Jahre alt, bei seinem Tod war er 37, wenige Monate später wurde Helmut Kohl der neue Bundeskanzler der BRD.

Viel stärker noch als Werner Herzog oder Wim Wenders war Fassbinder, den der Kritiker Wolfram Schütte in seinem Nachruf als das „Herz“ des Neuen deutschen Films bezeichnete, vor und hinter seinen Filmen zugleich. Er spielte selbst häufig mit, aber er spielte vor allem auch mit zunehmender Intensität die Rollen, die der Betrieb vorsieht: den rebellischen Regisseur, der seine Truppe für die Kunst leiden lässt (in Warnung vor einer heiligen Nutte spielte er selbst wieder mit diesen Klischees), den kritischen Zeitzeugen, der historische Erfahrung für die Gegenwartsdeutung mobilisiert (Die Sehnsucht der Veronika Voss oder Lili Marleen), den multimedialen Durchkreuzer der Formate, der sein Antiteater ins Kino überführte und Großtaten für das Fernsehen vollbrachte (Angst vor der Angst oder Berlin Alexanderplatz). Angesichts seiner enormen Produktivität sprachen viele von einem „Ein-Mann-Studio“, also von einem Impresario alter Schule, der wie Darryl F. Zanuck einen ganze Betrieb mit großer Geste zusammenhält, und der die Schauspieler wie persönlichen Besitz behandelt: Hanna Schygulla, Ingrid Caven, Irm Hermann, Margit Carstensen, Barbara Sukowa – sie alle verdanken ihm große Rollen, viele lebten mit ihm in symbiotischen Beziehungen, teilten ihn sich mit den Männern, denen er auch Hauptrollen gab (El Hedi ben Saleem in Angst essen Seele auf, Armin Meier in Deutschland im Herbst) und die manchmal an ihm zerbrachen.

Vollständiger Artikel in der Printausgabe. 


"Fassbinder - JETZT"
 
Anlässlich seines 70. Geburtstags widmet das Deutsche Filmmuseum Frankfurt dem bedeutenden Filmemacher von 6. Mai bis 23. August 2015 eine Ausstellung im Martin-Gropius-Bau Berlin. Die Präsentation mit den drei Schwerpunkten Werkstatt, Kostüm und Bildende Kunst wirft dabei einen neuen Blick auf das Werk Fassbinders.

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