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Tom Hardy, Mad Max: Fury Road © Worber Bros.

Street Credibility

Dreißig Jahre nach Abschluss der Mad Max -Trilogie startet George Miller seine postapokalyptische Saga neu. Statt Mel Gibson rast diesmal Tom Hardy in der Titelrolle durch eine zerstörte Welt. Bestandsaufnahme einer wandelbaren Reihe zwischen Punk, Gewalt und Autokult.

Schon der Schriftzug Mad Max, der zu Beginn auf schwarzem Grund erscheint, wirkt wie das Logo einer Heavy-Metal-Band. Die düster-dramatische Eröffnungsmusik Brian Mays (nicht verwandt mit dem Queen-Gitarristen) macht deutlich, dass es im Film eher nicht so sanft zugehen wird. Und als in der ersten Szene ein Polizist mit dem Zielfernrohr seines Gewehrs ein Pärchen beim Sex beobachtet, wird dem Betrachter vollends klar, dass hier niedere Triebe regieren. Was folgt, ist eine 88-minütige Orgie aus Autoverfolgungsjagden und Brutalität. Ist das Ganze so stilsicher inszeniert wie das Langfilmdebüt von George Miller aus dem Jahr 1979, hat man das, was man einen Kultfilm nennt.

Mad and Furious

Der filmbesessene Miller, Jahrgang 1945, arbeitete zunächst hauptberuflich als Unfallarzt in Sydney, konnte nach einer Reihe von Kurzfilmen jedoch genug Geld zusammenkratzen, um in Zusammenarbeit mit Produzent Byron Kennedy Mad Max zu finanzieren. In Anlehnung an amerikanische Biker- und Exploitationfilme, in denen Gewalt und fahrbare Untersätze eine explosive Mischung eingingen, kreierte Miller spektakuläre Verfolgungsjagden (zu denen ihn der Legende nach auch die Unfallverletzungen, die er als Arzt behandelte, inspirierten) zu einer Atmosphäre stetiger Bedrohung. In einem dystopischen, in Kriminalität versunkenen Australien der nicht näher datierten Zukunft erscheinen Autos und Motorräder ebenso als Fetisch wie sie als Mittel zur Gewalt dienen: Die schwarze Lederkluft der Polizeibeamten lässt einerseits an Motorsportrennen, andererseits an S/M denken, die Kamera verharrt des Öfteren auf Details wie Auspuff und Anlasser. Als ein Mechaniker Max „den letzten V8“ mit eingebautem Kompressor vorführt, wirkt dieser geradezu hypnotisiert von der reinen Kraft der Maschine.

Obwohl der Titelheld erst in Teil zwei zur Legende wird, führt ihn Miller bereits hier ein wenig wie einen Mythos ein: Zwei Polizeiwagen jagen auf einer australischen Landstraße einem aus dem Gefängnis entflohenen Polizistenmörder namens Nightrider hinterher, sind aber chancenlos und scheiden aus. Dazwischengeschnitten immer wieder Aufnahmen eines Mannes, den man zunächst nur in Details sieht – Stiefel, Hände, Hinterkopf. Während er den Motor seines Streifenwagens reinigt, erfährt er mittels Polizeifunk vom Malheur seiner Kollegen, wischt sich die ölverschmierten Hände in einem Tuch ab, steigt in seinen Interceptor (ein Ford Falcon XB), setzt sich seine Sonnenbrille auf und startet. Frontal hält er auf den Holden Monaro des psychopathischen Nightriders zu. Eine klassische Duellsituation, aus der Max als Sieger hervorgeht: Der Nightrider weicht aus und erleidet einen Nervenzusammenbruch. Lange muss er unter dieser Demütigung aber nicht mehr leiden, sein Leben endet Sekunden später in einem Crash an der nächsten Baustelle. Als der Lenker des Polizeiautos anhält und aussteigt, fährt die Kamera auf ihn zu, und nun sehen wir Max Rockatanskys Gesicht zum ersten Mal. Verkörpert wird er vom zum Zeitpunkt der Dreharbeiten 21-jährigen Mel Gibson, der mit diesem Film den Grundstein einer jahrzehntelangen Karriere legte (die 2006 nach antisemtischen Äußerungen in betrunkenem Zustand im Zuge einer Polizeikontrolle schwer beschädigt wurde). Die Wahl des bis dahin völlig unbekannten Amerikaners, der seine Jugend in Australien verbracht hatte, war eine gute: Da die Dialoge in den „Mad Max“-Filmen nie das wichtigste Element waren, brauchte es einen Darsteller, der Charisma versprühte und mit Blicken viel sagen konnte. Doch Gibson spielt die Rolle nicht bloß cool, sondern vermag auch die Verletzlichkeit Rockatanskys zu vermitteln, an dem die Härte des Jobs zunehmend zu nagen beginnt: Zunächst wird sein Kollege Goose von der psychopathischen Motorradgang, der auch Nightrider angehörte, bei lebendigem Leib verbrannt. Max will den Dienst quittieren und fährt mit Frau und Sohn auf Urlaub. Doch als die junge Familie den Weg der vom Psychopathen Toecutter (charismatisch: Hugh Keays-Byrne) angeführten Gang kreuzt, wird Max’ Sohn getötet und seine Frau lebensgefährlich verletzt. Fortan gibt es für Max nur noch den Gedanken an Rache – die Alliteration des Filmtitels hat sich erfüllt, mit dem schwarzen Pursuit Special („der letzte V8“) jagt er der Gang gnadenlos hinterher. Nach getaner blutiger Arbeit fährt Max mit starrem Blick ins australische Outback. Sein Leben ist zerstört, vor ihm liegen nur die scheinbar endlose Straße und düstere Wolken am Horizont.

Dass dieses harte, unabhängig finanzierte B-Movie – aus Geldmangel stellte Miller seinen eigenen Wohnwagen für einen Crash zur Verfügung – ein enormer Hit wurde, mag am kreativen Mix der Zutaten gelegen haben: Millers Gespür für Kamerawinkel und Tempo sorgte für Schauwerte, das Casting zahlreicher Rollen mit echten Bikern brachte Authentizität, und das universelle Thema Rache wurde in einem Look präsentiert, der die Rockeroutfits der Fünfzigerjahre mit Accessoires der Punkbewegung kombiniert. Auf den genreüberschreitenden Hybrid-Charakter der Reihe, der sich bereits hier abzeichnet, weist auch der Medienwissenschafter Hans J. Wulff hin: „Mit den Mad Max-Filmen werden die Biker-Gruppen und Reste ihrer Geschichte endgültig zum Spielmaterial, das mit Genres wie Horror- und Splatterfilm, Thriller und Krimi, Gladiatoren- und Kriegsfilm fast beliebige Mischungen eingehen kann.“ („Motorradfahren im Film und die Zyklen der Biker Movies.“ In: Montage AV 23/1/2014. Schüren Verlag, Marburg.)

Mad Max wurde zum Phänomen, spielte bei geringen Produktionskosten von 400.000 australischen Dollar weltweit über 100 Millionen US-Dollar ein und zählt somit zu den profitabelsten Filmen der Filmgeschichte ...

Vollständiger Artikel in der Printausgabe.  


Mad Max: Fury Road
Actionfilm/Endzeitfilm, Australien/USA 2015 
Regie George Miller Drehbuch George Miller, Brendan McCarthy, Nick Lathouris
Kamera John Seale Schnitt Jason Ballantine, Margaret Sixel Musik Junkie XL
Production Design Colin Gibson Kostüm Jenny Beavan
Mit Tom Hardy, Charlize Theron, Nicholas Hoult, Zoë Kravitz, Hugh Keays-Byrne, Riley Keough
Verleih Warner
Kinostart 15. Mai
www.madmaxmovie.com 

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