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Don Pablo und der Gringo

Oder: Das große Aufräumen in Andrea Di Stefanos „Escobar: Paradise Lost“ 

Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um. Auch wenn die Gefahr als solche vielleicht zunächst nicht zu erkennen sein mag. Die Ausrede, der, die oder das habe zu Beginn ja doch ganz harmlos ausgesehen, hilft nichts, wenn einem das Wasser bis zum Hals steht. Hätte man doch bloß … wäre man doch nur … hinterher ist freilich leicht schlau sein … wenn dann noch ein Kopf da ist, der schlau sein kann.

Der 1972 in Rom geborene Film- und Fernsehschauspieler Andrea Di Stefano schickt in seinem Regiedebüt Escobar: Paradise Lost einen armen Narren in die Hölle: einen kanadischen Surferboy, der gemeinsam mit seinem Bruder, dessen Frau und Kind sowie einigen weiteren Hängern an einem paradiesischen Stück Strand irgendwo in Kolumbien eine Surf-Schule mit Barbetrieb und angegliedertem Hängematten-Bereich aufziehen will. Nick heißt dieser Naivling, der keine Ahnung hat, wer Pablo Escobar ist, und der daher auch nicht sofort die Flucht ergreift, als er erfährt, dass es sich beim Onkel der von ihm angebeteten Maria um eben diesen handelt.

Kaum zu glauben eigentlich, dass einer, der Mitte der 1980er Jahre nach Kolumbien geht, um sich dort eine Existenz aufzubauen, nicht wissen soll, worauf er sich einlässt. Im Sinne von: Wie ist die soziale und politische Situation im Land und wer hat das Sagen? Andererseits ist es eben genau diese Unwissenheit, die die Geschichte ins Rollen bringt und damit den vorliegenden Film erst ermöglicht. Es gilt daher, diese Ausgangsschwäche des von Di Stefano selbst verfassten Drehbuches – es wird im übrigen nicht die einzige bleiben – gnädig hinzunehmen. Auch wenn’s schwer fällt. Man wird immerhin mit überzeugenden Darstellerleistungen entschädigt, gekonnt inszenierten Spannungssequenzen und einer letztlich dann doch recht realistischen Einschätzung des Zusammenhangs von frevelhaften Taten, Korruption und Gefährdung.

Doch zunächst, wer war Pablo Escobar?
Pablo Emilio Escobar Gaviria, kurz: Don Pablo, wurde am 1. Dezember 1949 als drittes von sieben Kindern eines Bauern und einer Lehrerin in Rionegro geboren und am 2. Dezember 1993 in Medellín von der Polizei erschossen. Er war einer der mächtigsten und brutalsten Drogenhändler, die es je gegeben hat, und einer der reichsten Männer der Welt. Als Mitte der 1970er Jahre Kokain als angesagte Modedroge Marihuana ablöste, machte Escobar als einer der Pioniere des boomenden Handels von sich Reden. Skrupellos und grausam baute er über das folgende Jahrzehnt ein riesiges Imperium auf und erlangte als Kopf des Medellín-Kartells enormen wirtschaftlichen und politischen Einfluss. Das System, das Escobars Herrschaft zugrunde lag, hieß „plata o plomo“, Silber oder Blei, übersetzt: wer sich nicht bestechen lässt, muss damit rechnen, getötet zu werden. Und ja, zahllose Auftragsmorde gehen auf Escobars Konto.

1989 listete das Forbes Magazin Pablo Escobar mit einem Privatvermögen von 2,7 Milliarden US-Dollar als siebtreichsten Mann der Welt, der 80 Prozent des internationalen Kokainmarktes kontrollierte. Nun hatte US-Präsident George Bush endgültig genug; er zog in den „War on Drugs“ und erklärte Escobar zum Staatsfeind Nummer 1. Der wiederum widersetzte sich seiner drohenden Auslieferung an die USA und erklärte seinerseits dem kolumbianischen Staat den Krieg. Hunderte Menschen starben in der Folge bei offenen Schlagabtäuschen und Bombenattentaten. Nach zähen Verhandlungen erklärte sich Escobar 1991 schließlich dazu bereit, gegen die Zusicherung, nicht ausgeliefert zu werden, für ein paar Jahre ins Gefängnis zu gehen. Wohlgemerkt: ein Gefängnis, das er selbst für sich hatte bauen lassen! Dort hielt es ihn allerdings nicht lange; im Juni 1992 spazierte er durch den Hinterausgang und tauchte unter. Zum Verhängnis wurde Escobar am Ende ein Telefonat mit seinem Sohn, das von der US-amerikanisch-kolumbianischen Elite-Einheit, die mit der Suche nach ihm betraut war, mitgehört und zurückverfolgt wurde. In seinem Versteck gestellt, kam Pablo Escobar bei der sich anschließenden Verfolgungsjagd ums Leben. An seiner Beerdigung nahmen über 20.000 Menschen teil.

Vollständiger Artikel in der Printausgabe.

 

Escobar: Paradise Lost
Drama/Thriller, Frankreich/Spanien/Belgien/Panama 2014 
Regie, Drehbuch Andrea Di Stefano Kamera Luis Sansans Schnitt Maryline Monthieux, David Brenner Musik Max Richter Production Design Carlos Conti Kostüm Marylin Fitoussi
Mit Josh Hutcherson, Benicio Del Toro, Claudia Traisac, Brady Corbet, Ana Girardot, Carlos Bardem, Laura Londoño
Verleih Thimfilm, 114 Minuten

Filmstart 10. Juli 


FAQ Verlost 3 Escobar-Pakete
, jeweils bestehend aus dem Buch
„Killing Pablo“ von Mark Bowden und 2 Kinogutscheinen für den Film „Escobar: Paradise Lost“ 

Mark Bowden
Killing Pablo –  Die Jagd auf Pablo Escobar, Kolumbiens Drogenbaron
Berlin Verlag, Taschenbuch, 416 Seiten, € 11,99

Senden Sie bis 15. Juli eine E-Mail an gewinnspiel@faq-magazine.com


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