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© Didi Sattmann/Privatarchiv

Hotspot der Avantgarde

Kaum vorstellbar aus heutiger Sicht: Nach dem Aufruhr und der Provokation durch die Aktionisten und VALIE EXPORT noch wenige Jahre zuvor war es in Wien relativ ruhig geworden um die zeitgenössische Kunst. In den 1980er Jahren jedoch verdichteten sich die Netzwerke im international so bezeichneten Kunstwunder von Wien neuerlich. Ein zentraler Knotenpunkt war die Galerie des damals gerade erst aus New York zurückgekehrten Peter Pakesch in der Ballgasse 6 im ersten Bezirk. Deren Geschichte als Motor für die Kultur der Gegenwart rollt nun das Wien Museum auf.

Es ereignete sich ein deutlich merkbarer Szenewechsel Anfang der 1980er Jahre: Plötzlich war die schmuddelige Alternativkultur mit ihren billig importierten indischen Schals, Palästinensertüchern, grünen Nato-Jacken und speckigen Jeans passé. Auch Punk hatte sich abgenützt, und Lederjacken nahmen allmählich den an James Dean orientierten Fifties Style an. Dass Fashion mit betont weiblichen Zeichensetzungen längst wieder als Thema etabliert war, das ist unter anderem Blondie oder Madonna zu verdanken.
Während Europas politische Situation immer noch unter dem Paradigma des kalten Kriegs und der Berliner Mauer stand, was durch den lärmigen Sound britischer Industrial-Formationen oder die aus dem deutschen Underground kommenden Einstürzenden Neubauten entsprechend düster begleitet worden ist, ertönten in den Wiener Szene-Lokalen bereits etwas entspanntere Klänge. Hier stand das Barometer auf ironisch bis lustig. Anstelle existenzialistischer Schwere wurden naive Euphorie und Experimentierlust in die Waagschale geworfen. Techno aus billigen Synthesizern, die Neue Deutsche Welle und lokale Protagonisten wie Minisex, Chuzpe, Blümchen Blau oder Tom Pettings Hertzattacken steigerten das Lebensgefühl, sofern die Chemie im Blut stimmte. Postmodern lag im Trend. Auf den Transparenten, die entrollt wurden, stand: ZEITGEIST. Wenn die Wiener Lokalszene nun einen Boom erlebte, dann mit deutlichem Abstand zu den heutigen Designklassikern wie dem Kleinen Café und der Wunderbar von Hermann Czech oder dem über die Zeit hindurch immer gleichen Alt Wien. Die 1977 eröffnete Reiss Bar von COOP Himmelb(l)au hatte bereits die Richtung angedeutet. Das Licht war hell bis neongrell. Man ging in den Flieger, ins Schoko, in die Blitzbar oder das Ring; und das war ein ehemaliger Autosalon, dessen Weite die Durchfahrbarkeit der Stadt symbolisierte. Ein paar farbig lackierte Öl-Fässer, helles Licht die ganze Nacht hindurch und dazu die Musik der Talking Heads oder Elektropop von Yello.

Lifestyle, Techno und junge Kunst
Auch die noch junge Stadtzeitung „Falter“ war in New-Wave-Verpackung erschienen, bevor deren Grafikdesign in die Schiene eines seriösen Wochenmagazins überschwenkte. Noch mehr repräsentierte das erst 1980 gegründete Magazin „Wiener“ mit einer starken Werbeagentur im Hintergrund den Zeitgeist. Hier wurde großflächig porträtiert, wer gerade en vogue war. Der gerade erst entdeckte Künstler Gerwald Rockenschaub (*1952) etwa, dessen Werke sehr klar nach geometrischen Formen strukturiert waren. Zunächst malte er. Nun jedoch verwendete er Industriematerialien wie PVC. Seine visuellen Konzepte erstellte er am Computer.
Das knallte richtiggehend in die Szene und war somit Zeichen für einen Generationenwechsel. Das mehrseitige Porträt Rockenschaubs im „Wiener“ löste Irritation aus. Cooler Lifestyle, Techno Culture und bildende Kunst. Das alles sollte jetzt auf einmal angesagt sein. Doch wie schon bei Andy Warhol waren Kunst und Design, Underground und Werbung in ein Nahverhältnis gerückt.
Dennoch zählten strenge Konzepte. Bis Heimo Zobernig (*1958), der heuer den Österreich-Pavillon auf der Biennale Venedig bespielt, von einer breiteren Öffentlichkeit wahrgenommen wurde, dauerte es allerdings länger. Analytisch arbeitend und den Minimalismus neu interpretierend, indem er Pappendeckel oder – später dann – simple Spanplatten für seine Skulpturen verwendete, unterlief er zahlreiche Wahrnehmungskonventionen des damaligen Kunstpublikums.So unterschiedlich die Arbeiten der beiden auch waren, an einem Ort kamen sie zusammen: In der schmalen, leicht gekrümmten und holprigen Ballgasse 6 im ersten Bezirk. Obwohl unweit vom Stephansdom gelegen, und zwischen Weihburg- und Himmelpfortgasse eingeklemmt, war sie praktisch unbekannt; bis sich die einschlägige Szene plötzlich für diesen Brennpunkt junger Kunst zu interessieren begann. Denn 1981, nachdem der Grazer Peter Pakesch (*1955) von einem Studienaufenthalt aus New York zurückgekommen war, hatte dieser ebenda eine Galerie für die in den Vordergrund drängenden Jungen eröffnet.
Im Nu wurde die Ballgasse 6 zur Plattform mit Ausläufern zum internationalen Markt, zum Knotenpunkt für die Szene und vor allem zu einem Kraftfeld und Umschlagplatz für Ideen. Die frühen 1980er Jahre, das war nämlich auch die Zeit der neuen und wilden Malerei mit Otto Zitko (*1959) etwa; und Herbert Brandl (*1959). Ab 1985 kehrte auch Franz West (*1947) von seinen diversen Trips immer wieder in die Galerie-Räume zurück. Um heute unvorstellbare hundert Schilling verkaufte er gelegentlich kleine Werke. Sie deuteten dessen späteren Weg zum internationalen Superstar bereits an. Dazu war allerdings auch die konsequente Betreuung durch einen kundigen Galeristen notwendig. Immerhin waren in der Galerie Pakesch zahlreiche relevante neue Werkgruppen und bemalte Skulpturen sowie Möbel und Rauminstallationen Wests ausgestellt. Genauso wie im übrigen Herbert Brandl, war auch Franz West Vertreter Österreichs auf der Biennale Venedig, die weiterhin als einer der global wichtigsten Diskussionsorte aktueller Kunst gilt.

Schaltstelle für die Kunstöffentlichkeit
Jetzt ist die Galerie Pakesch, deren Motor als Triebkraft des Zeitgenössischen immerhin bis 1993 angeworfen blieb, selbst zum Ausstellungsthema geworden. Anlass dafür ist die Schenkung des Galerie-Archivs durch Peter Pakesch, den heutigen Intendanten des Universalmuseums Joanneum mit Hauptstandort Graz, an das WIEN MUSEUM. „Ein Glücksfall, dass Peter Pakesch an uns mit diesem Angebot herangetreten ist. Wegen unserer klar umrissenen Aufgaben übernehmen wir nicht einfach alles, das tendenziell mit Wien zu tun hat, in unsere Sammlung“, erläutert Wolfgang Kos, als Stadtdenker und Universalist Direktor des Wien Museum. „Hier jedoch haben wir es mit einer speziellen Situation zu tun. Das Archiv ist nicht nur besonders gut geordnet und leicht zugänglich. Es repräsentiert vor allem einen signifikanten Abschnitt der jüngeren Kulturgeschichte der Stadt, in dem künstlerische Avantgarde und Musikszene als Teil der urbanen Öffentlichkeit einander überlagern.“

Vollständiger Artikel in der Printausgabe.


BALLGASSE 6. GALERIE PAKESCH UND DIE KUNSTSZENE DER 80ER
Wien Museum Karlsplatz
Karlsplatz 8, 1040 Wien
24. September 2015 bis 7. Februar 2016

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