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The Girl next Door

Text: Pamela Jahn Fotos: Thimfilm

Amy Winehouse war mehr als das unselige Image ihrer selbst, mit dem sie aus der Welt ging. Anhand von zahlreichen bisher unveröffentlichten Dokumentaraufnahmen zeichnet Asif Kapadia mit „Amy“ kaum vier Jahre nach ihrem Tod ein so spannendes wie intimes Porträt der Ausnahmesängerin.

1998 war die Welt noch in Ordnung. Ein Geburtstag steht an und die drei quirligen Teenage-Girls, die irgendwo im Norden von London in einer Wohnung auf der Treppe hocken, herumalbern und ihre kindlich grinsenden Gesichter in die Kamera pressen, geben ein Ständchen. Eine von ihnen ist unverkennbar Amy Winehouse: große Augen, Schmollmund, Hasenzähne und vor allem eins, diese Wahnsinnsstimme. Das war es, was sie von klein auf von anderen abhob. Eine Stimme, die schon damals von einer Kraft und Reife zeugte, wie sie andere auf dem Zenit ihrer Karriere nicht erreichen, und die einen mit ihren Emotionen gnadenlos überrumpeln konnte, ganz gleich, wann und wo man sie zu hören bekam. So wie in jenem entwaffnenden Moment zu Beginn des Films, in dem eine ausgelassene 14-jährige Amy für einen Augenblick den Kinosaal verzaubert. Spätestens von diesem Punkt an steckt einem selbst der Kloß im Hals und da wird er eine ganze Zeit lang bleiben, länger noch als die zwei Stunden Laufzeit, in der Asif Kapadias intimes Porträt über die junge und viel zu jung verstorbene Ausnahmesängerin die Leinwand für sich beansprucht.

Der Einstieg ist nicht nur raffiniert gewählt, er macht auch Sinn. Denn ganz bei sich ist Amy, der Film, vor allem immer dann, wenn auch seine Protagonistin noch bei sich selbst ist. Allerdings muss auch das Ende nicht verschwiegen werden, es ist weitläufig bekannt: Am 23. Juli 2011 wurde Amy Winehouse in ihrem Londoner Apartment leblos aufgefunden. Als Todesursache wird eine Alkoholvergiftung festgestellt, die aus ihrem langjährigen Drogenmissbrauch resultierte. Wie es dazu kam und was genau zwischen jenem düsteren Sommertag und dem unbeschwerten Heimvideo dreizehn Jahre zuvor geschehen war, zeichnet Kapadias ausschließlich aus Dokumentarmaterial gefertigte Filmbiografie nach. Der wilde, aber merkwürdig stimmige Mix aus offiziellen und privaten Filmaufnahmen jeglicher Art und Qualität (Konzert- und Backstage-Mitschnitte, Interviews, Nachrichtenbeiträge, Super-8-Videos, Telefonkameraschnipsel und Fotos aus den Archiven von Familie und Freunden) fügt sich nahtlos zu der Chronologie eines turbulenten Künstlerdaseins zusammen, das mehr war als die im Blitzlicht der Paparazzi aufflackernden Schatten einer selbstzerstörerisch veranlagten Persönlichkeit. Das Erstaunlichste ist jedoch, wie Amys eigene Stimme in Wort, Ton und Schrift mit den Bildern harmoniert, und wie sie selbst in den zahlreichen Off-Kommentaren der anderen stets lebhaft präsent ist, als sei sie nie von der Bildfläche verschwunden – im Gegensatz etwa zu den unausgegorenen Ausflüchten ihres Ex-Partners Blake Fielder-Civil, dem Mann, der sie einst an die Nadel brachte und der ihr später als Inspiration für das wunderbare Trennungsalbum „Back to Black“ (2006) diente, mit dem sich alles ändern sollte.

Tatsächlich ähnelt Amy in der Machart einem anderen Film – und damit ganz konkret dem Erfolgskonzept, mit dem Kapadia sich von fünf Jahren international einen Namen gemacht hat. Denn auch Senna war mehr als eine gewöhnliche Sport-Doku über den dreimaligen Formel-1-Weltmeister Ayrton Senna, der 1994 beim Grand Prix von San Marino im Alter von nur 34 Jahren tödlich verunglückte. Der Film war, wie der junge Rennfahrer-Gott, dessen Leben er ins Bild rückte, eine Sensation. Dank der unaufgeregten Erzählweise, die sich auf die entscheidenden Konflikte in der bemerkenswerten Karriere des Brasilianers konzentrierte, brachte Senna nicht nur dem Rennsportinteressierten eine außergewöhnliche Figur nahe, sondern erzielte eine dramaturgische Dichte, die jede Form der fiktionalen Interpretation in ihrer Intensität nur geschmälert hätte. Amy verfolgt das gleiche Prinzip, das ohne die willige Kooperation und Redebereitschaft der über hundert Leute, die Kapadia interviewt hat, weil sie der Retro-Soul-Sängerin in den verschiedenen Phasen ihres Lebens einmal mehr oder weniger Nahe standen (darunter Musikergrößen wie Tony Bennet, Mark Ronson, Yasiin „Mos Def“ Bey, Langzeit-Kollaborator Salaam Remi sowie ihr erster Manager Nick Shymanksy), niemals aufgegangen wäre. Aber damit enden die Parallelen zu Senna auch schon – zumindest für den Regisseur. Denn Sennas Tod sei eine „Fügung des Schicksals“ gewesen, meint Kapadia. Amy dagegen suggeriert, dass der Tod der „Princess Diana of Pop“ als die sie in Großbritannien postum verehrt wird, ungleich komplexerer Natur sei. Mit anderen Worten: Was als vermeintliche Auftragsarbeit (initiiert von Universal Music) begann, entwickelte sich für den heute 43-jährigen gebürtigen Londoner im Zuge der Recherchen zu einer Herzensangelegenheit: „Senna was like from another planet, but Amy was from next door! Amy was like the ordinary girl, who I could have grown up with, who I could have gone to school with and who all of a sudden became famous. And next thing you know is that she’s dead and you think, wow, how did that happen? In that sense I think the story also has something important to say about this city and the world we’re in.“

Vollständiger Artikel in der Printausgabe.

AMY
Dokumentarfilm, Großbritannien 2015
Regie Asif Kapadia Kamera Matt Curtis Schnitt Chris King
Musik Antonio Pinto, Amy Winehouse
Verleih Thimfilm, 128 Minuten
Kinostart 17. Juli 

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