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VIENNALE 2015

Text: Bert Rebhandl Fotos: Viennale

Die Viennale zieht aus der Heterogenität des Weltkinos gekonnt eine jährliche Summe. 

Ein Filmfestival kann einem manchmal vorkommen wie dieses berühmte Spiel der Surrealisten: Jeder schreibt etwas auf einen Zettel, am Ende wird daraus ein Satz, aber ergibt der Satz einen Sinn? „Le cadavre exquis boira le vin nouveau“, so lautet der berühmteste dieser Sätze, der vor allem fragen lässt, was denn eine „köstliche Leiche“ oder ein „exquisiter Kadaver“ genau sein soll, die „den neuen Wein trinkt“. Aber damit ist man schon mitten im Spiel. Die diesjährige Viennale könnte man auch deswegen einmal ein wenig surrealistischer angehen, weil mit Peter Tscherkasskys neuem Experimentalfilm The Exquisite Corpus ein wichtiger Hinweis in diese Richtung auf dem Programm steht. Ein Nudistenfilm aus den sechziger Jahren wird da neu und nachbearbeitet, in die Mangel genommen und auf jedes Alzerl Aura hin durchleuchtet und erforscht. Ein Film, der Bezüge in alle Richtungen unterhält und doch radikal für sich selbst steht. Sodass man auch das Gefühl haben könnte, es reiche schon, diesen einen anzuschauen, und ansonsten den ganzen süßen Wahnsinn eines langen Filmfestivals einfach einmal von sich abprallen zu lassen.

Aber da wäre man natürlich schön blöd. Allerdings kann man diesem Gedanken ein gutes Kriterium entnehmen: Bei einem idealen Filmfestival wäre jeder Film so ausgewählt, dass es reichen würde, ihn allein zu sehen. Vermutlich wäre die Viennale dann deutlich kürzer. Aber so sicher kann man sich da gar nicht sein. Schon das Spielfilmprogramm enthält eine ganze Reihe von wirklich unverzichtbaren Titeln. Dass J.C. Chandors A Most Violent Year in Österreich nicht regulär ins Kino kommt, ist sowieso unverständlich. Umso wichtiger ist die Gelegenheit, ihn zumindest einmal im Kino zu sehen. Oscar Isaac spielt einen Spediteur im New York des Jahres 1981, der sich – im „gewalttätigsten Jahr“ in der Geschichte der Stadt – gegen mafiose Konkurrenz zu behaupten versucht. Klingt vielleicht spröde, ist aber ein Thriller von überragender Qualität, ganz ruhig erzählt, in den wichtigen Momenten aber von Chandor irrsinnig zugespitzt.

Bei Corneliu Porumboius Comoara („Der Schatz“) ist mit einem Kinostart auch eher nicht zu rechnen. Dabei zeigt sich der rumänische Regisseur sich hier auf eine souveräne Weise als meisterhafter Erzähler einer trügerisch einfachen Geschichte. Drei Männer buddeln in einem Park irgendwo in der Provinz, denn es gibt Hinweise darauf, dass ein Verwandter hier vor vielen Jahren einmal Wertsachen vergraben hat. Tatsächlich findet sich ein Schatz. Doch worin dieser genau besteht, das ist eine der besten Pointen seit langem. Rumänien ist übrigens mehrfach vertreten auf dieser Viennale, das Land, das sich nur mühsam aus den korrupten Netzwerken zu lösen vermag, hat in einer lebendigen Kinematografie eine vierte Gewalt eigener Ordnung.

In eine ähnliche Richtung zielt wohl auch das eigenwillige Großprojekt Arabian Nights von Miguel Gomes, nur geht es hier nicht gegen räuberische Eliten, sondern gegen technokratische Politik, die mit Sparprogrammen ganze Länder verarmen lässt. Gomes ist Portugiese, er nimmt als neue Scheherezade dem Land den Puls, in einem der aufregendsten Wagnisse, die das jüngere Weltkino kennt: halb dokumentarisch, halb schräg-phantastisch erzählen die Arabian Nights von Austerität und Resignation. Im Grunde wäre das der logische Eröffnungsfilm, aber sechseinhalb Stunden sind dann wohl doch zu lang. Carol von Todd Haynes, nach einem Roman von Patricia Highsmith, ist aber eine gute Alternative, zumal mit Cate Blanchett und Rooney Mara zwei hochkarätige Darstellerinnen zu sehen sind.

In Arabian Nights kehrt sich das Kriterium des einen Films, der alle anderen als potenziell verzichtbar erscheinen lässt, um. Hier haben wir es mit einem in viele Richtungen anschlussfähigen, latent offenen, unabschließbaren Werk zu tun, das sich um- und weiterschreiben lässt, und das Geschichte durch Geschichten kommentiert. So ähnlich nehmen wir dann ja auch das Festival insgesamt wahr: als ein Gewebe oder eine Serie von Momenten, zwischen denen sich unwillkürlich ein Zusammenhang einstellt. Man könnte diesen Zusammenhang kosmopolitisch nennen: Das Festival schafft sich ein Publikum aus Kosmopoliten, Weltbewohnern für vierzehn Tage, die zwischen dem Dokumentarfilm eines Amerikaners aus den Philippinen (Wake von John Gian-vito) oder dem liebevollen Porträt eines chinesischen Meisters durch einen brasilianischen Freund (Jia Zhangke: Um homem de Fenyang von Walter Salles) eher das Gemeinsame als das Trennende sehen werden.

Lange hat das Weltkino vor allem nach Asien geschaut, in diesem Jahr ist die Viennale aber eindeutig eher lateinamerikanisch ausgerichtet. Das hat mit konkreten Ereignissen zu tun wie dem Tod des großen portugiesischen Meisters Manoel de Oliveira, aber auch mit kuratorischen Entscheidungen. Der Argentinier Raúl Perrone steht mit seinem Kino, das dezidiert mit beschränkten Mitteln und antiperfektionistisch ist, sehr gut für eine Kultur der Improvisation, wie sie die chronischen Wirtschaftskrisen in seinem Land nahelegen. Ihm ist ein Tribute gewidmet, während Federico Veiroj aus Uruguay mit seinem schmalen bisherigen Werk als „In focus“ gehandelt wird. Seine Komödie The Apostate hat das Zeug zum Hit: Ein später Jüngling will aus der Kirche austreten und macht dabei herrlich absurde Erfahrungen. Sollte Nanni Moretti einmal einen Nachfolger brauchen, in Veiroj gibt es einen perfekten Kandidaten.

Die anderen Spezialabteilungen der Viennale 2015 stellen mit Anne Charlotte Robertson, Jean-Claude Rousseau und Mark Rappaport drei markante Autorenpositionen vor, und dann gibt es noch den obligaten Star-Tribute, der einer bedeutenden Persönlichkeit eine Reise nach Wien schmackhaft macht. In diesem Jahr wird Tippi Hedren erwartet, die als Schauspielerin vor allem durch zwei Klassiker von Alfred Hitchcock in Erinnerung ist: The Birds (1963) und Marnie (1964). Die Hollywood-Regisseurin Ida Lupino kann nicht mehr nach Wien kommen (sie starb 1995). Das Festival erinnert heuer an diese Regisseurin, die sich als Ausnahmefrau in dem männlich dominierten klassischen Hollywood zu behaupten wusste.

In der Summe ergibt das ein Programm, wie es Hans Hurch, dessen Vertrag als Viennale-Direktor kürzlich bis 2018 verlängert wurde, inzwischen geradezu zu einem Markenzeichen gemacht hat: Perfekt ausbalanciert zwischen den unterschiedlichsten Interessen, mit kleinen und größeren Verbeugungen in alle Richtungen, und dabei keinen anderen Zusammenhang suggerierend als den, dass das Festival eben ein Festival ist. Also kein filmkritisches Symposion und auch keine Theorietagung oder eine politische Kundgebung, sondern eine Rundumschau, die aus der großen Heterogenität des Weltkinos eine jährliche Summe zieht. Wenn einem dabei zwischen den vielen Einzelheiten manchmal der Zusammenhang verloren geht, dann kann man sich jedenfalls damit trösten, dass so eine Erfahrung vor hundert Jahren als sehr modern galt. Ob das heute noch so ist, kann man googeln, bei Facebook erfragen, aus dem Gezwitscher heraushören – oder in den Filmen suchen, die sich wie Geschichten aus 1001 Nächten unverbunden enzyklopädisch aufreihen.


VIENNALE 2015

22. Oktober – 5. November
Programm online ab 9. Oktober
www.viennale.at 



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