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Mistress America

Text: Pamela Jahn Fotos: ABC-Films

Bewundernswert: Mit 32 Jahren ist Greta Gerwig die Grand Dame des neuen amerikanischen Independentkinos. Dabei schreibt und spielt sie vorranging junge Frauen, die ständig an der Front ihrer sichtlich prekären Existenz unterwegs sind. Ein Gespräch über Höhen, Tiefen und das Glück der kreativen Zweisamkeit. 

Greta Gerwig muss sich nicht verstecken. Nicht hinter ihrem entwaffnend charmanten Lächeln. Nicht hinter ihren Rollen. Und schon gar nicht hinter Regisseur und Lebenspartner Noah Baumbach, der sie vor fünf Jahren in seinem Film Greenberg (2010) für sich und die Welt jenseits des amerikanischen „Mumblecore“-Phänomens entdeckt hatte. Trotzdem schwingt immer ein Hauch gesunder Skepsis in Gerwigs Stimme mit, wenn sie über sich und ihre Arbeit spricht, ganz so als würde die gefeierte Schauspielerin und Drehbuchautorin ihrem eigenen Erfolg auch drei Jahre nach dem großen Durchbruch mit Frances Ha (2012) nicht ganz trauen. Dabei war die in Sacramento geborene Wahl-New-Yorkerin, nachdem sie zunächst durch ihre wiederholte Zusammenarbeit mit Joe Swanberg (Hannah Takes the Stairs, Nights and Weekends) auf sich aufmerksam gemacht hatte, spätestens seit ihrer Hauptrolle in Whit Stillmans Damsels in Distress (2011) ein aufstrebender Star in der US-Indie-Szene. Danach wurde auch Hollywood aufmerksam, doch Gerwig blieb ihrem Herzen treu und stürzte sich lieber kopfüber in Frances Ha, die erste gemeinsame Drehbucharbeit unter Baumbachs Regie, in der sie eine liebenswert verlorene junge Tänzerin spielt, die beruflich wie im Leben auf der Stelle tritt.

Was Gerwig auf künstlerischer Ebene mit Baumbach verbindet, ist eine innige Leidenschaft fürs Schreiben, gepaart mit präzisen Humor und jenem treffsicheren Gespür für die spannungsvollen Lebensgefühle unserer Zeit, dass sich wie ein roter Faden auch durch Baumbachs übrige Filmografie zieht. Dazu gesellt sich nun mit Mistress America eine weitere erfolgversprechende Indie-Produktion des Autorenpaars, bei der Gerwig erneut am Drehbuch beteiligt war und ebenfalls in der Hauptrolle zu sehen ist. In einer explosiven Mischung aus klassischen Screwball-Momenten und den schrägen Odd-Couple-Komödien der achtziger Jahre trifft die unbedarfte Tracy (Lola Kirke) zum Studienanfang in New York auf Brooke (Gerwig), ihre verstreute, aber grenzenlos ambitionierte Hipster-Halbschwester in spe. Die Achtzehnjährige ist sofort Feuer und Flamme fürx Brooke, deren aufregendes Bohème-Leben in Wirklichkeit auf ziemlich viel Sand gebaut ist. Dennoch gelingt es ihr, Tracy derart in ihren Bann zu ziehen, dass sie sich bald gemeinsam auf den Weg zu Brookes reichem Ex-Freund Dylan (Michael Chernus) aufs Land machen. Denn von diesem erhofft sich Brooke – als Ausgleich dafür, dass er ihre damals angeblich beste Freundin geheiratet hat – finanzielle Unterstützung für ein spektakuläres Restaurant-Galerie-Salon-Projekt, das nun schlussendlich und mit aller Gewalt ihr sicheres Ticket zum Erfolg werden soll.

Frau Gerwig, wurden Sie auch mal von jemandem so angehimmelt wie Ihre Brooke in „Mistress Amerika“?
Nein, ich war immer diejenige, die andere Leute bewundert hat. Ich bin eher der Tracy-Typ und mit achtzehn war ich extrem anfällig dafür, Leute zu vergöttern, die das verkörperten, was ich immer sein wollte.

Und zwar?
Na ja, das hier. Ich wollte immer künstlerisch arbeiten, umgeben von Schauspielern, Schriftstellern, Filmemachern. Und ich wollte der Welt, die mein Leben so reich gemacht hat, etwas zurückgeben.

Wen haben Sie damals am meisten bewundert?
Da gibt es viele Bespiele. Für mich gab es nicht nur eine Brooke, ich hatte viele Menschen um mich, vor allem Frauen, die mir sehr imponierten, die mich inspirierten und die ich insgeheim in ihrer Art, in ihrer Brillanz zu kopieren versucht habe. Vieles davon ist in den Film miteingeflossen.

Denken Sie gerne an Ihre Zeit am College zurück?
Die ersten paar Monate waren ziemlich hart, ähnlich wie bei Tracy. Am Ende hatte ich meinen Platz gefunden, aber es hat eine ganze Weile gedauert. Als ich in New York ankam, kannte ich niemanden, weder in der Stadt, noch an der Uni. Ich weiß noch, wie ich im Studentenwohnheim mit dem Fahrstuhl aufs Dach fuhr, um von oben auf die Stadt zu schauen. Dann stand ich da, die Stadt lag mir zu Füßen und ich hatte absolut keine Ahnung, wo jetzt Uptown und wo Downtown war. Und auch sonst fühlte ich mich ziemlich verloren. Aber im Rückblick hatte ich die besten vier Jahre überhaupt, in denen sich mein Leben komplett verändert hat. Und meine Freunde von damals gehören auch heute noch zu den wichtigsten Menschen in meinem Leben. Aber diese Phase, die Tracy im Film durchmacht, wo man einsam ist, unsicher und verwirrt, das kenne ich nur zu gut.

Wie schon bei „Frances Ha“ haben Sie das Drehbuch zusammen mit Noah Baumbach geschrieben, mit dem Sie auch privat liiert sind. Wie muss man sich das vorstellen? Wie schaffen Sie es, zuhause nicht ständig über die Arbeit zu reden?
Wir reden permanent über die Arbeit, das heißt, in der Hinsicht scheitern wir konsequent. (Lacht.) Allerdings sitzen wir nicht den ganzen Tag aufeinander und einer diktiert, der andere tippt – so schlimm ist es nicht. Ich schreibe auch nicht zu Hause, Noah kann das. Ich muss raus, in Cafés oder in die Bibliothek, ich bin sonst zu abgelenkt. Aber wenn ich dann heimkomme, drucken wir jeder unsere Seiten aus, lesen sie gegenseitig und reden darüber, was passt und was nicht passt, und wie die Geschichte weitergehen soll. Bei Frances Ha war das anders, weil wir damals räumlich voneinander getrennt waren. Das heißt, ein Großteil lief über E-Mail, und eigentlich ist auch die ganze Idee zu dem Film überhaupt erst aus einer dieser langen E-Mail-Konversationen heraus entstanden. Aber im Grunde ist es egal, ob wir in der derselben Stadt, demselben Apartment sind oder nicht, für das Schreiben an sich und den Prozess, den wir bei der Entwicklung des Drehbuchs durchmachen, spielt das keine Rolle.

Konzentrieren Sie sich trotzdem ganz klassisch mehr auf die Frauenrollen im Skript, oder funktioniert die Figurenentwicklung auch eher organisch?
Wir schreiben immer alles zusammen. Und Noah schreibt große Frauenrollen, auch ohne mich. Ich glaube, es ist ein Trugschluss, zu denken, dass ein Autorenteam die Rollen automatisch nach Geschlechtern aufteilt. Und ich schreibe ja nicht nur die Rollen, die ich am Ende vielleicht auch spiele. Wir schreiben die komplette Geschichte zusammen, und wir ergänzen uns dabei gegenseitig. Trotzdem muss man vielleicht dazu sagen, dass sowohl bei Frances Ha als auch bei Mistress America eine ganz bewusste Entscheidung ausschlaggebend war, nämlich die, den Fokus jeweils auf zwei Frauenfiguren und deren Beziehung zueinander zu richten. Obwohl das in jedem Fall eine beidseitige Entscheidung war, ist es schon auch etwas, dass mir persönlich unheimlich am Herzen lag.

Vollständiger Artikel in der Printausgabe.

Mistress America
Komödie USA, 2015 – Regie Noah Baumbach
Drehbuch Noah Baumbach, Greta Gerwig Kamera Sam Levy 
Schnitt Jennifer Lame Musik Britta Phillips, Dean Wareham
Production Design Sam Lisenco Kostüm Sarah Mae Burton
Mit Greta Gerwig, Lola Kirke, Michael Chernus, Kathryn Erbe, 
Heather Lind, Cindy Cheung, Seth Barrish, Matthew Shear
Verleih ABC-Films, 84 Minuten
www.mistressamericathemovie.com
Kinostart 11. Dezember

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