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Motörhead

"Fuck You All" ist eine beliebte Verabschiedungsformel von Lemmy Kilmister. Das Gesicht und der Mittelpunkt von Motörhead wurde zur Ikone. Eine Würdigung.

Das Gesicht mit dem Piratenhut, den Fibro-men, dem Tschik, dem Bart und den traurigen Augen kennt jeder. Auch wenn einem die stupende Lautstärke von Motörhead-Konzerten fremd ist, man eher auf der sanften Welle schwimmt oder eher gar nichts mit Musik am Hut hat: Das Gesicht hat man schon einmal gesehen. Und wer bei dem Wort Rock’n’Roll nur die kleinste Gefühlsregung zeigt, der hat einen kleinen Platz im Herzen für Lemmy Kilmister reserviert, zumindest wenn er männlich ist. Dazu muss man nicht die 23 Motörhead-Alben sein eigen nennen oder jedem Festivalauftritt nachreisen – es reicht ganz allein ein Bub gewesen zu sein. Denn Lemmy lebt den Traum vom Piraten, der mit seiner Crew auf den Weltmeeren herumsegelt, seine eigenen Regeln aufstellt und immer wieder das sichere Versteck findet. Natürlich wartet in jedem Hafen eine Frau. Und wenn nicht, dann dauert es nicht lange bis die hübschen Frauen mit dem rauen Piratencharme erobert sind. Die Roadcrew und die Band sind die Mannschaft, die Lautstärke ersetzt die Kanonen und der Tourbus für sieben Monate im Jahr das geliebte Schiff. Zu den Regeln des Chefs gehören unter anderem die völlige Ächtung von Heroin, der eher lockere Umgang mit anderen Drogen, die ständige Verfügbarkeit von Alkohol und die Abwesenheit von Familien-mitgliedern während der Beutezüge/Tourneen. Der Chef selbst lebt die Regeln seit Jahrzehnten vor und schafft damit eine Glaubwürdigkeit, die kein Musiker jemals wieder erreichen wird. Sein Rückzugsort ist während der Bandpausen sein Apartment in Los Angeles, nahe dem Sunset Boulevard und der Eckstuhl an der Bar des Rainbow. Lemmy Kilmister verweigert den für die meisten Rockstars fast verpflichtenden Landsitz, oder zumindest das Haus hoch oben in einer der guten Wohngegenden. Er zog 1990 hierher und hier wird er auch bleiben.

Pfarrer
Geboren wurde er am Heiligen Abend 1945 in Stoke-on-Trent. Der Krieg war gerade vorbei, die wirtschaftliche Lage armselig, und um den Start noch etwas schwerer zu machen, verließ der Vater die Familie nach wenigen Monaten. Von Beruf war er Pfarrer. Die Mutter musste Lemmy (damals noch Ian Fraser Kilmister) und die Großmutter durchbringen und das schaffte sie auch mit viel Anstrengungen, aber während die Mutter arbeitete wurde der Nachwuchs von der Großmutter verwöhnt. Gespielt wurde mit den Überresten des Kriegs, von denen mehr als genug herumlagen. Und wenn der Bubenbande mit diesen Resten ein paar Detonationen gelangen, war es ein gelungener Tag. Die Schule mit dem Drill der Nachkriegszeit war nicht seine Sache und nachdem er wieder einmal Prügel vom Direktor bezog und zurückschlug, war diese Karriere relativ früh beendet. Er hielt noch eine Zeitlang des Tagesablauf ein um seine Mutter in Sicherheit zu wiegen, aber er suchte sich einen Job nach dem anderen und schlug sich durch. Noch in der Schule kam er drauf, dass sich um die Typen, die Gitarren hatten, die meisten Mädchen scharten und da war es nur logisch, dass er sich auch so ein wunderbares Werkzeug zulegte. In den frühen 60ern hielt der Rock’n’Roll Einzug in England und Wales und Coverbands und der Merseybeat waren das Gebot der Stunde. Lemmy war klar, dass seine Zukunft nicht in der Fabrik, sondern in einer Band lag.

Lord
Sein Leben im Umfeld der Bands hatte so manches Schmankerl zu bieten. Er traf den jungen Jon Lord, der in einer Band namens The Artwoods spielte, in Wales und Lord gab ihm seine Adresse in London. Lemmy tauchte dort nach ein paar Wochen auf und erwartete sich eine Villa, stand aber letztendlich vor einem Gemeindebau. Als er um drei Uhr morgens anklopfte öffnete eine nette ältere Frau, die dem Besucher mitteilte, dass Jon auf Tour sei, er aber auf der Couch schlafen könnte. Aufgeweckt wurde er von vier Männern in seinem Alter, von denen einer Ron Wood war. Der wollte wissen, wer denn hier auf dem Sofa seiner Mutter schlief. Jon Lord konnte sich erst gute zehn Jahre später während der Blütezeit von Deep Purple einen eigenen Landsitz leisten. Ron Wood musste auf seinen Platz bei den Rolling Stones etwas länger warten. Mit seiner Gitarre schaffte er es in vergessene Bands wie die Rockin’ Vicars, die es auf ein paar Singles brachten, er schleppte die Verstärker von Jimi Hendrix, aber erst als er als Gitarrist bei den Hippie-Space-Rockern Hawkind vorspielte und den Platz am Bass bekam, hatte er den Platz im Musikgeschäft erobert.  

Vollständiger Artikel in der Printausgabe.


Motörhead: Bad Magic
UDR Music / Warner

 

Tags:

  • Fotos: Robert John
  • Issue: 35
  • Keywords: Music