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The Night of the Deerhunter

Die Band Deerhunter um den außergewöhnlichen Frontmann Bradford Cox legt mit Fading Frontiers ihr bisher entspanntestes Album vor. Wesentlich geprägt wurde das Werk von der existenziellen Erfahrung eines schweren Autounfalls.

„What the fuck is going on?“ fragt Bradford Cox letzten Oktober ins Publikum im Glass House (Pomona, Kalifornien) und unterbricht die Live-Premiere des Songs „Take Care“. Es war zu einer kleinen Rangelei gekommen, worauf Cox die Streithansln verbal zurechtstutzte. Er trat dabei mit einer Entschlossenheit auf, die er sich im Laufe von über zehn Jahren Live-Erfahrung hart erarbeitet hat. Selbstverständlich ist das nicht, denn das Leben war von Anfang an nicht immer nur Vergnügen für Cox. Er leidet am seltenen Marfan-Syndrom, einer Erbkrankheit des Bindegewebes, das seine Gliedmaßen in der Pubertät unverhältnismäßig in die Länge schießen ließ und ihn insgesamt zu einer hoch aufgeschossenen, extrem abgemagerten Gestalt macht(e). Cox selbst, der neben Deerhunter das Soloprojekt Atlas Sound betreibt, bezeichnet seine Erscheinung als „awkward“. Die Krankheit zwang den 33-jährigen aus Atlanta, Georgia zu vielen Klinik-aufenthalten, bei denen er mehrmals dem Tod gerade noch von der Schaufel gesprungen sein soll. Solche Umständen machen einen Jugendlichen fast zwangsläufig zum Außenseiter, der sich in die Welt der avancierten Popmusik flüchtet. Der Glamrock von David Bowie und die versponnenen Soundungetüme der Shoegazer My Bloody Valentine haben es Cox besonders angetan. Im Alter von zwölf Jahren fertigte er seine ersten Homerecordings auf Kassette an.

Ein toter Bassist und erste Erfolge
Zur Bandgründung kommt es 2001, zuerst zu zweit mit dem Schlagzeuger und Keyboarder Moses Archuleta, der Gitarrist Colin Mee macht Deerhunter kurz darauf zum Trio. Einen Schicksalsschlag erleidet die Gruppe 2004: Der später zur Band gestoßene Bassist Justin Bosworth stirbt an den Folgen eines Skateunfalls. Nachdem Ersatz gefunden war erscheint 2005 das offiziell namenlose Debütalbum auf dem kleinen Label Stickfigure Records , das später als Turn Up, Fagott gehandelt wird. Einen qualitativen Zugewinn erfährt die Band zu dieser Zeit mit dem Einstieg von Coxens High-School-Freund Lockett Pundt, der als eine Art zweiter Sänger fungiert und ins Songwriting maßgeblich involviert ist. Doch das Kommen und Gehen in der Band setzt sich fort. Nach Erscheinen des hervorragenden Albums Cryptograms (2007), welches von Pitchfork in der Kategorie „Best New Music“ gewählt und von der Kritik abgefeiert wird, muss Gitarrist Colin Mee die Band wegen wiederholtem Nicht-Erscheinens bei den Shows verlassen. Ab 2005 hat die Band ihren Soundfokus weg vom rumpelnden Contemporary Punk in Richtung Art Rock und Ambient verschoben, was sich als erfolgsversprechende Kurskorrektur erweist. Um einen Versuch, Erwartungshaltungen zu erfüllen, kann es sich dabei nicht handeln. Denn Cox ist dafür bekannt, sich auf keinen Fall anbiedern zu wollen. Eher im Gegenteil verschreckt er das Publikum gern, indem er in blutbespritzten Damenkleidchen oder anderen bizarren Verkleidungen auf der Bühne steht. Aktuell trägt der Weirdo gerne Hackler-overall mit zu kurzen Ärmeln und Hosenbeinen kombiniert mit einer kuriosen Fliegermütze.

Der Kampf Sound vs. Song
Spätestens ab 2007 ist die Band im klassischen Zyklus des Pop-/Rockgeschäfts, nach dem jeder Veröffentlichung eine Tour folgt, angekommen. Was Deerhunters Produktivität aber nicht bremsen kann – eher im Gegenteil. Mit Microcastle (2008), das zusammen mit der CD Weird Era Continued als Doppelalbum auf Kranky Records in die Läden kommt. Von Kritik und Fans wird Microcastle mit großer Begeisterung aufgenommen. Gar ein Nachfolger des My-Bloody-Valentine-Shoegaze-Klassikers Loveless von 1991 vermeinen manche aus diesem tatsächlich betörende Soundaufschichtungen enthaltenden Opus herauszuhören. Das mag zum Teil zutreffen, aber Deerhunter ist stilistisch wesentlich breiter aufgestellt als die verehrten irischen Halbgötter des Shoegazing um Kevien Shields. Immerhin reicht das stilistische Spektrum der Band von der Eigendefinition Noise Punk über Shoegazing, Slowcore, Krautrock, Psychedelic, Post-Punk bis zu Noise-Rock. Dazu gesellt sich eine Melodieseligkeit, die jener der Beach Boys um nichts nachsteht. Ein zuverlässiger Indikator für den zunehmenden Erfolg der Band ist in dieser Phase der Labelwechsel von Kranky Records zu 4AD, auf dem Halcion Digest (2010) erscheint. Wer bei Microcastle dachte, es könne nicht mehr besser werden, wird mit Halcion Digest eines Besseren belehrt. Das Album schafft es, die Antagonisten Sound und Song in einem beeindruckenden Maß zu amalgamieren. Noise und Melodie befreien sich aus ihrem Kampf, um in diesen elf Songs die bestmögliche Symbiose der Antipoden in einem überwältigenden Soundgewitter zu entfesseln. Konstruiert wird diese akustische Erleuchtung aus den Teilen Sixties-Pop, Shoegaze und repetitiven Krautrhythmen, die hier wie kaum zuvor zueinander finden. Auch das Instrumentarium wird erweitert: ein Saxofon (das unweigerlich an die Stooges denken lässt) sowie ein Banjo tauchen auf in diesem flirrenden, beispiellosen Soundkosmos. Zwei Stücke stammen aus der Feder von Lockett Pundt, von denen besonders „Desire Lines“ als der Song mit dem größten Popappeal im bisherigen Deerhunter-Werk strahlt. Anfang 2011wird der Band erstmals die Ehre eines Auftritts in der Latterman Late Show zuteil, sie performt „Memory Boy“, die zweite Single von Halcion Digest. Was kann da noch kommen?

Manischer Zwang
Es kommt Monomania (2013), das stilistisch wieder Haken schlägt. Bereits der Neonröhren-Schriftzug am Cover suggeriert, dass es hier verruchter zugehen könnte. Und in der Tat werden die Gitarren rabiater, etwa in „Leather Jacket II“, das kantigen Mopedrock in speckiger Lederjacke transportiert, gefolgt vom im Vergleich entspannten, melodieseligen „Missing“, geschrieben von Lockett Pundt. Die Pole Noise und weltumarmende Melodien sind hier wieder klarer separiert, insgesamt überwiegt aber der Song. Das wunderbare „T.H.M.“ etwa, das zwischendurch mit butterweichen Akkorden vom Keyboard einlullt, sowie das darauf folgende „Sleepwalking“, bei denen auffällt, wie ähnlich die nicht (oder kaum) verzerrte Stimme Cox’ in manchen Passagen der von John Lennon kommt. Ganz leichte Kost ist Monomania aber nicht, dafür liegen die Hymnen zu nah an der Durchgeknalltheit. Ein Kuriosum ist auch der laufende Zweitaktmotor am Ende des Titelstücks, der zeigt welch entlegene Sounds hier verbraten werden. Insgesamt haftet dem Album doch etwas Getriebenes an, Cox spricht in einem späteren Interview davon, dass er einem „manischen Zwang“ gefolgt sei.

Verschwindende Grenze
Zur Bürde der Krankheit gesellt sich im Dezember 2014 im Leben des Bradford Cox noch ein weiteres, folgenschweres Unglück. Er wird bei einem Autounfall schwer verletzt und entrinnt abermals nur knapp dem Tod. Direkt vom Krankenbett postet er zwei Bilder: Ein Selfie mit Halsschiene und dem Kommentar „Unglaubliche Schmerzen. Kann mich nicht bewegen“, und ein zweites, das seinen eingedösten Vater neben dem Bett zeigt. „Ich danke Gott, dass ich noch am Leben bin und mein Dad bei mir ist“ ist der Text dazu. Der Genesungsprozess verläuft schleppend, dazu kommt eine handfeste Depression auf, die medikamentös behandelt wird. Die nicht eben seltene Nebenwirkung des Libidoverlusts bereichert das Trauerspiel um eine weitere Facette. Doch vielleicht hat das ja auch seine Vorteile? Nach dem aktuellen Deerhunter Album Fading Frontier (FF) zu schließen, hat sich Coxens Gemütszustand nicht unbedingt verschlechtert. Gegenüber Pitchfork erklärt er seine Lage so: „Ich möchte körperliche Schmerzen vermeiden, mich um mein eigenes Ding kümmern und Ruhe und Frieden haben.“ An anderer Stelle spricht er davon, dass der Unfall definitiv ein Wendepunkt in seinem Leben gewesen sei, was eine verstärkt autobiografische Lesart der Texte von FF geradezu aufdrängt. Als kleine Interpretationshilfe hat Cox eine interaktive Landkarte mit Einflüssen auf FF ins Netzt gestellt. Darunter finden sich R.E.M., Tom Petty, sein Hund Faulkner, Pablo Neruda, altes Leinen, Eistee, der seelenlose Geruch von neuen Autos und manch anderes, alles prima verlinkt.

Schwächen sollen zu Stärken werden
Bereits im Eröfnungsstück „All The Same“ gibt Cox klare Hinweise auf seine aktuelle Sicht der Dinge:„You should take your handicaps, channel them and feed them back until they become your strenghts.“ Die vermeintlichen Schwächen sollen also zu Stärken umgepolt werden. Aber auch „All The Same“, alles Einerlei – es scheint sich eine gesunde, erleichternde Wurschtigkeit eingestellt zu haben. Wohl auch hinsichtlich dessen, was andere über ihn denken. „Living My Live“ schlägt zu für Deerhunter-Verhältnisse karibischen Sounds textlich in die selbe Kerbe. „Distance can change fate/ I’m out of range again/ And I’m living my life“. Was auch passiert, ich werde mein Leben leben. Sehr überzeugend ist auch „Breaker“ mit seinem pumpenden Bass und den grandios harmonierenden Stimmen von Cox und Pundt. In „Duplex Planet“ hat er einen Gastauftritt des von ihm verehrten Tim Gane (Stereolab) am Cembalo versteckt. Fast alle Stücke klingen durch wabernde Eletronik wie in Watte gepackt und erzeugen so diese besondere, entrückte Atmosphäre.

Diese Platte atmet
Eindeutig eine Referenz an seinen Krankenhausaufenthalt liefert die letzte Strophe von „Snakeskin“: „I was lost in that home for the aged and lonely/ I, I cried and I chocked, I was sick and I was boney/ I was feeling kinda ill, I was feeling kinda lonely/ And time was erased, yes but, I was so homely.“ Interessanterweise ist „Snakeskin“ das Stück mit dem meisten Drive auf FF, Cox dürfte die Klinik als mental gestärkter Mann verlassen haben. Stilistisch auffällig ist das bereits eingangs erwähnte „Take Care“ mit seinem schweren Fifties-Popballaden-Anstrich. Astreines Shoegazing hingegen ist „Ad Astra“ in gemächlichem Tempo, mit einem Sample von „I Wish I Was A Mole In The Ground“, interpretiert von Bascom Lamar Lunsford. In „Carrion“ (gesungen als „carry on“), dem letzten Song scheint das gewonnene Selbstbewusstsein doch wieder ins Wanken zu kommen: „What’s wrong with me?/ Even though you’re gone/ I still carry on/ It’s the same big sea/ It’s the same to me.“ In knackigen 36 Minuten ohne jeden Ballast ist für den Moment alles gesagt und gespielt. Eine in den 1990ern vom Musikschreibern gern verwendete Metapher war „diese Platte atmet“. Auf FF trifft das in jedem Fall zu. Und sie strahlt eine wohltuende Wärme und Gelassenheit aus. Eine Platte wie eine angenehme Umarmung.


Deerhunter
Fading Frontier
4ad/Beggars Group (Indigo)

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