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Die Welt im Kopf

Brie Larson weiß, wie es sich anfühlt, von der eigenen Vorstellungskraft zu leben. Und genau diesen Trumpf wusste sich Lenny Abrahamson für sein Entführungsdrama „Room“ zu Nutze zu machen. Der Rest ist Oscar-Geschichte und dürfte der bescheidenen Schauspielerin zukünftig eine ganz neue Welt eröffnen. Ein Gespräch über Mütter, Luxus und die unschlagbare Kraft der Fantasie. 

Vielleicht ist es ein gutes Omen für Brie Larsons weitere Karriere, dass sie in Lenny Abrahamsons bemerkenswertem Drama Room eine junge Mutter spielt, die Joy heißt und um ihre Zukunft kämpft, so (wenn auch mit anderen Mitteln) wie auch Jennifer Lawrence in dem gleichnamigen Film von David O. Russell, womit letztere unlängst ihren Siegeszug als eine der aufregendsten jungen Schauspielerinnen Hollywoods fortsetzen konnte. Tatsächlich war es aber sowieso längst überfällig, dass auch Larson endlich die Anerkennung bekommt, die ihr gebührt. Als Kind zweier Chiropraktiker geboren, die sich trennten, als Larson noch in den Kinderschuhen steckte, wuchs sie gemeinsam mit ihrer Mutter und Schwester in Los Angeles auf, nicht zuletzt unter ständigem Einfluss der großen Kinoklassiker von Godard über Kurosawa bis hin zu Cassavetes. Bevor sie mit ihrer Rolle als Joy – oder „Ma“ wie sie im Film von ihrem fünfjährigen Sohn Jack (Jacob Tremblay) genannt wird – über Nacht zur großen Favoritin für die heurige Oscarsaison wurde, hatte sich die heute 26-Jährige bereits im Laufe der vergangenen Jahre eine Reihe vielversprechender Engagements an Land gezogen, die vor allem auf ihre Glanzleistung als Betreuerin in einer Einrichtung für „Risiko-Teenager“ in Destin Crettons Short Term 12 (Stille Helden) zurückzuführen waren, wie unter anderem an der Seite von Mark Wahlberg in The Gambler sowie als Amy Schumers Schwester in Judd Apatows Komödien-Hit Trainwreck (Dating Queen). Darüber hinaus wird man die kluge Blondine demnächst in Ben Wheatleys Free Fire wiedertreffen, ganz abgesehen von dem gerade in den Startlöchern stehenden Action-Abenteuer-Blockbuster Kong: Skull Island mit Tom Hiddleston und Samuel L. Jackson, für den sie ebenfalls engagiert ist. Aber es ist im Moment noch immer und vor allem Lenny Abrahamsons Room, mit dem sie in aller Munde ist, und das wird sie wohl auch noch eine ganze Weile bleiben.

Der Film gehört jetzt schon zu den Höhepunkten des diesjährigen Kinojahres und man muss nicht klaustrophobisch sein, um sich während des Schauens beklommen zu fühlen. Es ist eine so zarte wie mitreißende Geschichte, die hier erzählt wird, eine Geschichte voller Liebe, Hoffnung und Überlebenskunst, deren ungeheure Kraft sich zu einem Großteil aus der Enge des Raumes eleviert, in dem die junge Ma gemeinsam mit ihrem Sohn Jack seit Jahren von ihrem Peiniger gefangen gehalten wird. Old Nick (Sean Bridgers) hatte das Mädchen vor sieben Jahren aufgegriffen und in seinem Bretterschuppen eingeschlossen, und es braucht nicht viel, um zu begreifen, dass Jack das Ergebnis der endlosen Vergewaltigungen ist, die Ma auch nach seiner Geburt weiterhin regelmäßig über sich ergehen lassen muss. Ebenso berühmte wie alarmierende Fälle von Freiheitsentzug und Kindesmissbrauch wie die um Natascha Kampusch, Ariel Castro oder Josef Fritzl in Amstetten, auf dessen Verbrechen auch Emma Donoghues gleichnamiger Roman beruht, der dem Film als Vorlage diente, bestätigen, dass die Handlung von Room, wenn auch befremdlich, jedoch keineswegs abwegig ist. Obendrein gelingt es Abrahamson, das gegenseitige Abhängigkeitsverhältnis zwischen Mutter und Sohn unter erschütternden Umständen als eine so wahre wie unzertrennliche Verbindung aufzuzeigen, die erst erschüttert wird, als der Film seine eigenen Mauern sprengt und sowohl Ma als auch Jack plötzlich mitten in einer Welt stehen, die nicht mehr nur ihre ist.

Miss Larson, hat es Sie viel Überwindung gekostet, sich in die Rolle von Ma hineinzuversetzen?

Nein, wieso sollte es?

Weil die Umstände, in denen sich Ihre Figur im Film befindet, nicht unbedingt die einfachsten sind.

Stimmt, aber darum geht es schließlich. Darum, dass es keine Luxusgüter oder anderes Drumherum braucht, um einen sicheren Platz zum Leben zu schaffen, an dem Liebe und Geborgenheit entstehen können.

Wie genau haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet?

Es gab so viele verschiedene Faktoren zu beachten, dass es mir zunächst fast unmöglich schien, die Komplexität des Ganzen zu begreifen. Allein die Tatsache, dass jemand sieben Jahre in einem Zimmer eingesperrt lebt, das konnte ich mir am Anfang nur äußerst schwer vorstellen. Eine Woche vielleicht, das würden wir alle irgendwie auf die Reihe kriegen. Aber sieben Jahre? Das klingt einfach so bizarr. Und zwar nicht nur mental, auch was dabei mit dem Körper passiert, dazu die ständigen Vergewaltigungen, die Geburt eines Kindes, jahrelange unausgewogene Ernährung, Vitamin-D-Mangel.  

Vollständiger Artikel in der Printausgabe.  

 

ROOM / RAUM
Drama, Irland/Kanada 2015 – Regie Lenny Abrahamson 
Drehbuch Emma Donoghue, basierend auf ihrem Roman 
Kamera Danny Cohen Schnitt Nathan Nugent
Musik Stephen Rennicks Production Design Ethan Tobman
Mit Brie Larson, Jacob Tremblay, Sean Bridgers, William H. Macy, Tom McCamus, Amanda Brugel, Joe Pingue
Verleih Universal Pictures, 118 Minuten
Kinostart
17. März 

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