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Brian Duffy David Bowie, From Fashions, 1982 © BOW 100

Digital war gestern

Text: Paul Lohberger Fotos: Archiv

Seit einigen Jahren wiederholt sich das Thema in Feuilleton und Magazinen wie unserem hier: Die Renaissance der Vinyl-Schallplatte. Die Musikindustrie muss sich zwar noch nicht neu aufstellen, aber der Trend ist nicht zu leugnen. Die kleinen Spezialisten verzeichnen Zuwächse. Papier- und Drogerie-Ketten, die Tonträger schon aussortiert hatten, bieten wieder Schallplatten an. Und waren es einst die DJs, die das Format Vinyl am Leben hielten, so haben mittlerweile die Heimhörer-innen und -hörer an Bedeutung gewonnen.

Nach Branchenangaben wurden 2014 in Deutschland 1,8 Millionen Einheiten Vinylschallplatten verkauft. Zum Vergleich: Bis 1999, also vor der Napster-Krise, musste ein Release 250.000 Einheiten absetzen, um mit einer Goldene Schallplatte ausgezeichnet zu werden. Andererseits: 1,8 Millionen in Deutschland 2014 sind 27 Prozent mehr Vinyl als 2013. In Österreich hat sich in den drei Jahren bis 2014 der Umsatz mit Vinyl verdreifacht.

Bis heute imitiert jedes Musikinterface, das auf sich hält, das Durchflippen der Plattencover. Auch im digitalen Zeitalter gibt es Menschen, deren Leidenschaft für Musik nicht durch endlose Streams und anonyme Playlists beizukommen ist. Und wenn man schon seine Liebe zur Musik zelebrieren will, warum nicht gleich ordentlich: Die Schallplatte bietet haptische Qualität, ritualisierten Genuss, in ihren Rillen kann man Musik anschauen. Sie transportiert zahllose Codes und Symbole, und gerade deswegen steht sie für vollendete Konsumkultur.

Vinylkultur im Wandel

2007/2008 gestaltete der Autor dieser Zeilen für den Radiosender Ö1 ein Feature über Vinyl und für den FM4 Soundpark eine Serie über Plattenläden: Vinyl als DJ-Medium diente als Leitfaden – jede Clubszene hatte ihren Laden, dazu gab es noch ein paar Generalisten. Der Umbruch war bereits spürbar, die meisten Läden existieren nicht mehr. Signifikant war das Ende des Blackmarket: Angelehnt an ein Londoner Vorbild, war dieser Laden konzipiert als Flagshipstore einer neuen Subkultur, deren Wiener Spielart über Kruder & Dorfmeister die Stadt international verortete. Die Vielfalt der klangverliebten DJ-&-Clubkultur wich im Lauf der Nuller-jahre einem funktionalen Clubsound. So griffen die DJs zu praktischeren Medien als Schallplatten. Deren Gewicht limi-tierte die Musikauswahl, das Argument der besseren Tonqualität war nur so lange zwingend, bis größere Speicher und Programme, die auch mp3s clubtauglich machen, verfügbar wurden. Der Laptop ersetzte den Plattenkoffer, Sticks und CDs wurden als Träger der neuesten Tracks salonfähig.

Vinyl ist ein klassisches Produkt des frühen 20. Jahrhunderts, industriell komplex und energieintensiv in der Herstellung. Vor dem Presswerk sind zwei aufwendige Arbeitsschritte zu absolvieren. Rückblickend erscheint es kurios, dass der schnell mutierende Clubsound auf Vinyl setzte – als gelte es, den Wechsel der Stile irgendwie festzuhalten. Hauptargument war der Klang, wie gesagt. Das authentische Knistern älterer Platten dagegen wird in den Boxen der Clubs zum Störfaktor verstärkt. Alles kein Thema mehr für digitale DJs, ebenso wenig wie die Suche nach der Maxi mit dem raren 12inch-Remix in den Plattenläden der Stadt. Oder auf ebay. Oder im Plattenkoffer.

Vinyl=Indie?

Schon 2008 traf der Autor einen Vinylproduzenten, der vor allem die deutsche Punkrock- und Indieszene bediente. Der Vinylmarkt wandelte sich wieder zum Liebhabermarkt. War die DJ-Ära geprägt durch die Maxi, ist das Kernformat nun das Vinyl-Album, was eine heilsame Fokussierung bewirkt: Das künstlerische Statement wird klarer, weil es sich auf (plusminus) zehn Stücke beschränkt. Die zwei Seiten der Platte unterteilen die Erzählung. Dies lässt an Songwriter und die Weiten des Indie-Genres denken, doch der Heimgebrauch der Platten ist weder beschränkt auf die Milieus nostalgischer Gitarrenklänge. Das Vinyl-Angebot wächst, mittlerweile reicht es von den speziellen Verästelungen des sonischen Undergrounds bis hin zu gehaltvollen Mainstream-Releases: Gemeinsamer Nenner der neuen Vinylgemeinde ist nicht mehr Indie, sondern der bewusste Konsum: Slow Listening, analog zum Slow Food. Das Ritual des Plattenauflegens und -umdrehens entschleunigt. Und Vinyl ist definitiv ein langlebiges Medium.

Nachhaltige Geschäfte

Heute kann man (fast) alles online bestellen, früher blieben manche Platten gleich bei den Verkäufern. Die Jagd nach dem musikalischen Stoff fixte schon viele Generationen von Vinylisten an: Werner „Shorty“ Schartmüller fuhr nach London, um den begehrten Klangstoff zu bekommen (damals: Punk), brachte anderen Platten mit, sammelte, häufte an, verkaufte weiter und gründete 1987 gemeinsam mit seiner Frau Doris schließlich eine Wiener Institution. Im Rave Up sind die subkulturellen Geister von Punk, Indie und Clubsounds spürbar wie in der Zeit vor dem Internet – ohne dass dies anachronistisch wirken würde! Aktuelle Platten kann man hier ebenso kriegen wie seltene Sammlerstücke – dafür sollte man einen gepflegten Kontakt etablieren.

Scheiben für die Szene

Der „spezielle“ Plattenladen stellte bereits ein soziales Konzept dar, als Tonträger noch als Massenware gehandelt wurden. Hier sammelt sich ein Soziotop im Zeichen der Musikleidenschaft. Mehrere Plattenläden nebeneinander können aber dieselbe Kunden haben, so wie viele Lokale in einem Grätzel mehr Leute anziehen. Drei Plattenläden locken mittlerweile in die Wiener Westbahnstraße. Seit 2001 ist hier das substance – in seiner Ausrichtung ähnlich gelagert wie das Rave Up, aber größer. Total antizyklisch wurde der Laden mitten in der Tonträgerkrise von Konstantin Drobil und Thomas Gebhart eröffnet, „weil wir Idioten sind“. Was heute im Trend liegt, begann tatsächlich mit authentischem Underground. Als Outlet des Labels und Vertriebs Trost Records wurzelt das substance in der heimischen Bandszene der Neunziger, also im Rock mit Auslegern zu Hardcore, Kunst und Experimenten. Heute kann man im Laden neben Platten auch T-Shirts, gerahmte Bandporträts (beispielsweise von den Melvins) und ausgewählte Bücher kaufen, von Poptheorie bis Charlotte Roche.

Die Szene hat sich geändert: Sowohl Gebhart aus dem substance als auch der langjährige Rave-Up-Verkäufer, Autor und DJ Dent berichten übereinstimmend von einer deutlichen Zunahme der weiblichen Kundschaft in den letzten Jahren. Dagegen fallen aus der Perspektive dieser Läden und des Indie-Vertriebs Trost die Wachstumsraten insgesamt weniger dramatisch aus, die großen Zahlen basieren vor allem auf Neuauflagen aus den Archiven der großen Plattenfirmen. Trotzdem kann man in der Welle gut mitschwimmen, nachdem man jahrelang die Vinylkultur am Leben gehalten hat.

Jäger und Sammler werden sesshaft

Musik und Literatur gibt es neuerdings auch schräg gegenüber bei Schallter Audio & Records: Als hier das Wiener Schallter Label aus den 1980er Jahren reaktiviert wurde, entstand ein neumoderner Concept Store. Hier werden auch alte Hi-Fi Anlagen gehandelt, allerdings keine Flohmarktware – für alle, die der vorprogrammierten Obsoleszenz endgültig ein Schnippchen schlagen wollen. Die Musik wiederum betreut ein Experte für heimische Popgeschichte: Al Bird Sputnik hat vor Jahren als „Nugetter“ auf Flohmärkten begonnen, auf Singles die österreichische Musikproduktion der Nachkriegszeit zu sammeln und in den Trash Rock Archives zu ordnen. Doubletten verkauft er hier neben neuen Platten und dem Repertoire des Schallter Labels. So schließt sich der Kreis vom Sammler zum Händler. Seine Beständigkeit und die massenhafte Vergangenheit verleihen dem Medium Schallplatte als gebrauchtes Gut eine weitere Facette... was ist wohl alles geschehen zu den Klängen der Platte vom Flohmarkt?

Die Mutter aller Concept Stores

Ein genau definiertes Umfeld für ausgewählte Ware: Kleine Plattenläden waren schon immer das, was heute als kuratierter Concept Store bezeichnet wird. Dem entspricht auch der, beziehungsweise das, unweit gelegene Recordbag: Hier stehen „music & fashion“ gleichwertig nebeneinander. Die stilistische Ausrichtung definieren der oben beschriebene „neue“ Vinylmarkt und die Chefin Sylvia Voller. Soziotop, Concept Store, Marktplatz – Webshops versuchten mitunter, diesen Mehrwert zu vermitteln. OnlineForen für Diskussion ersetzen allerdings kaum die Plauderei rund um den Plattenspieler zum Anhören oder gar die leicht verrauchte Atmosphäre, die in manchen Läden herrschte. „In Berlin gibt es Clubs, da spielen sich am frühen Abend die DJs gegenseitig Platten vor“, erzählt Fritz Plöckinger, Nummer drei in der Westbahnstraße. „market“ heißt sein Plattenladen.

From Disco to Disco

Gemeinsames Hören als soziales Moment, das hat mit Schallplatten einen besonderen Reiz – privat oder im Geschäft. Plöckinger war „Dealer“ im Blackmarket. Im market setzt er diese Linie fort, Platten für DJs, total reduziert. Kein Lager, minimale Stückzahlen. Aber kein minimaler Sound mehr, die Klangkultur kommt zurück. Der kleine Laden ist voll junger Typen, sie diskutieren euphorisch über ihre neuen Platten. Fritz Plöckingers Kundschaft wächst kontinuierlich. „Viele sind mit mp3s aufgewachsen, und nun wollen sie auflegen – und zwar mit Platten.“ Im market dominiert die simple Gestaltung der Dance Maxis das Bild. Aber selbst die einfachsten White-Label-Pressungen ohne Cover-Artwork erscheinen als Codes: Am Innenrand der fett und schwarz glänzenden Scheiben sind Kennungen der Labels und des Presswerkes eingraviert. Manche weißen Labels sind mit Eding beschriftet, andere tragen Stempel – manchmal auch die weißen Hüllen.

Viele Jahre haben wir das Modellauto oben am Kasten gesehen. Nun hat es Papa herunter geholt, und wir dürfen es angreifen. In Echt.

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