article_984_01_literatur_580x396.png
Foto: Bettina Brach

Weltliteratur rmx

Text: Thomas Ballhausen, Lisa Leitenmüller Fotos: Archiv

Die Bücher, die Annette Gilbert in „Reprint“ versammelt hat, zeichnen sich durch ihre radikale Andersartigkeit aus. Seit den 1960er Jahren werden mit dieser neuen Art des Büchermachens Fragen nach Identität, Originalität, Autorschaft und Differenz immer wieder neu formuliert. Das Buch wird dabei als konzipiertes Ganzes inszeniert, Materialität und Objektstatus treten hervor. Eine Einladung in das Schwellenland zwischen Literatur und Bildender Kunst. 

Appropriation Literature, so bezeichnet Annette Gilbert passenderweise das Phänomen, wenn sich Autorinnen und Autoren am Fundus bereits bestehender literarischer Texte bedienen. Ohne die Anverwandlung zu verheimlichen, bringen sie die angeeigneten Klassiker in eine neue Form. Idee und Konzept spielen hier eine tragende Rolle: Der Text wird zum Objekt, mit dem man sich spielerisch auseinandersetzt. Es ist in erster Instanz eine vertiefte, nicht selten provokante Auseinandersetzung mit dem Original und darüber hinaus auch mit dem Medium Buch selbst. Die sich ergebenden Zugänge fordern auch den Leser oder klassische erzählerische Modelle heraus. Es wird ausradiert, selektiert, reduziert und komponiert. Wie beiläufig werden feststehende Vorstellungen von Autorschaft, Verlagswesen und Verwertungsketten in Frage gestellt. Das Buch gewinnt dabei seine Autonomie zurück. Cover-Art, Edition und Layout werden als ebenbürtige Elemente künstlerischen Ausdrucks greifbar.

FAQ: Wie sind Sie auf das Thema der Appropriation Literature gestoßen? Was macht für Sie den Reiz der Beschäftigung mit diesen sehr ungewöhnlichen Arbeiten aus?

Annette Gilbert: In der langjährigen Beschäftigung mit experimenteller Literatur im weitesten Sinn ergab sich irgendwann die Beobachtung, dass sich gewisse Phänomene häufen und gar nicht so selten oder außergewöhnlich sind, wie sie häufig dargestellt werden. Ausgehend von den ‚Klassikern‘ fing ich also an zu sammeln, um diese Beobachtung zu stützen, und irgendwann schien mir eine kritische Masse erreicht. Dabei ist eine interessante Verschiebung in meinem Forschungsinteresse zu beobachten: Anfangs ging es vor allem um das Finden weiterer Beispiele dieser Machart. Den häufig verstreuten Hinweisen nachzugehen erwies sich dabei als durchaus abenteuerlich, vor allem in Bezug auf ältere Werke aus den 1960er und 1970er Jahren, die in eher kleinen Auflagen und größtenteils randständig erschienen waren, nur selten archiviert oder katalogisiert wurden und zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung nur beschränkt ein Echo hervorgerufen haben. Da freute man sich über jeden Hinweis und noch mehr, wenn es gelang, das Buch irgendwo und irgendwie zu besorgen. Als ich dann einige Funde beisammen hatte, verschob sich die Fragestellung dahingehend, dass auffällig wurde, aus welchen sehr diversen Motiven und Poetiken heraus und in welch unterschiedlichen künstlerisch-literarischen Kontexten man zu ähnlichen Schreibweisen gefunden hatte. Als sich abzeichnete, dass das mich interessierende Phänomen in der Gegenwart offenbar zu seiner Blüte gelangt, trat kurzzeitig ein Punkt ein, wo die Überraschung und Neugier, die man bei den ersten Appropriationen noch empfunden haben mag, allmählich abebbten. Aufbauend auf der beträchtlichen Sammlung, die sich derweil ergeben hatte, setzte nun allerdings eine weitere, sehr anregende Phase ein: der unmittelbare Vergleich, der den Blick schärfte und zur Faszination über die vielen zu entdeckenden Details führte.

Sehen Sie in den auch historisch breit gestreuten Beispielen aus dem Feld der Appropriation Literature, die Sie in Ihrem Buch vorstellen, Nahestellungen zum Feld der Avantgardeliteratur? Mit einigen Künstlern, den diskutierten Strategien, Verfahren oder auch der Nutzung des Buchs als experimentellem Spielfeld scheinen sich hier deutliche Parallelen abzuzeichnen.

Ja, natürlich, der Bezug ist in jeglicher Hinsicht sehr stark. Es gibt ein paar kanonische Autoren, die von großer Bedeutung für die Appropriation Literature sind: Stéphane Mallarmé etwa, dessen Entdeckung des Weißraums für die Literatur von epochaler Bedeutung für die spätere experimentelle Literatur ist (nicht zufällig ist Mallarmé einer der meist appropriierten Autoren), oder Gertrude Stein und JamesJoyce. Abgesehen davon sind es selbstredend bestimmte wiederkehrende Verfahren, die einen Link zur klassischen Avantgarde und experimentellen Literatur herstellen. Möglicherweise wird das deutlicher, wenn man die Perspektive umkehrt: Ich habe in meiner Anthologie Beispiele für Appropriationen literarischer Werke gesammelt, die – sieht man von diesem Punkt ab – sehr wenig gemeinsam haben, da sie wie gesagt verschiedenen Kontexten und Strömungen entstammen und sehr diverse Verfahren anwenden.

Vollständiger Artikel in der Printausgabe.


Annette Gilbert (Hg.)
Reprint. Appropriation (&) Literature.
Zweisprachige Edition, Englisch/Deutsch
Luxbooks, Wiesbaden, EUR 39,80

Tags: