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I, Ken Loach

Vielleicht, vielleicht auch nicht. Ob der britische Ausnahmeregisseur und überzeugte Sozialrealist nach seinem großen Triumph bei den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes weiterhin Regie führen wird, ist ungewiss. Nur eines steht fest: Sein neuer Film „I, Daniel Blake“ ist ein echter Loach, wie man ihn kennt und ihn sich wünscht – schlicht, ergreifend und direkt.

Einen wie ihn gibt es nur einmal. Denn niemand hat sich im Laufe seiner Karriere in seinen Filmen so hartnäckig, so engagiert und zugleich so kunstfertig gezeigt wie Ken Loach. Schon als er in den sechziger Jahren seine Karriere beim Fernsehen begann, engagierte sich der im englischen Nuneaton/Warwickshire geborene Sohn eines Elektrikers stets für die großen sozialen Themen seiner Zeit: Arbeits- oder Obdachlosigkeit, Armut, Gewalt und die Lebensverhältnisse der Arbeiterklasse waren sein Programm, und bis heute gibt sich der bekennende Sozialist in seinen Filmen immer wieder konsequent politisch. Ob in historisch-politischen Kontexten wie etwa in The Wind That Shakes the Barley (2006) und Jimmy’s Hall (2014), die jeweils auf eindringliche Weise vom irischen Unabhängigkeitskrieg beziehunsweise dem Kampf für gesellschaftliche Freiräume im Irland der dreißiger Jahre erzählen, oder unter dem Deckmantel vermeintlich leichtfüßigerer Dramen wie in Looking For Eric (2009) oder Angel’s Share (2012). Unaufdringlich und stets ohne zu werten, spielt Loach stets den Unsichtbaren hinter der Kamera, der seine Figuren und ihre Situationen bis ins kleinste Detail genau beobachtet und damit auf geradezu magische Weise sein inniges Interesse für Menschen auch auf den Zuschauer zu übertragen weiß.

Tatsächlich brauchte es allerdings einen kleinen Anlauf, bis Ken Loach seine Leidenschaft für die Kunst und das Kino entdeckte. So fügt er sich zunächst dem Wunsch des Vaters, der für seinen Sohn eine Jura-Karriere ins Auge gefasst hatte, wechselt jedoch bald das Fach und wird schließlich Regisseur. Nachdem er mit dem BBC-Film Cathy Come Home (1966) zum ersten Mal auf sich aufmerksam macht, gelingt ihm 1969 mit Kes auch international der Durchbruch. Mittlerweise zählt der Film, eine rührende Geschichte über einen Jungen mit einer Liebe für Turmfalken, zu den großen Klassikern des Kinos. Nach einer nicht unbedingt freiwilligen Arbeitspause während der Thatcher-Jahre meldete sich Loach schließlich 1993 mit dem Drama Raining Stones auf der Leinwand zurück, in dem ein arbeitsloser Vater alles daran setzt, seiner Tochter ihren größten Wunsch zu erfüllen: ein Kommunionskleid.

Dass der gerade achtzig Jahre alt gewordene Regisseur heute frischer und agiler wirkt als je zuvor, mag zum einen an der gesunden Wut im Bauch liegen, mit der Loach bei allem, was er tut, ans Werk geht. Zum anderen dürfte das milde Lächeln, das ihn derzeit umgibt, nicht zuletzt auch den Lobeshymnen und überaus positiven Kritiken zu verdanken sein, die es für seinen unlängst in Cannes uraufgeführten neunen Film I, Daniel Blake hangelte. Die Goldene Palme, seine zweite wohlgemerkt, war am Ende fast schon eine Selbstverständlichkeit. Der Film erzählt vom Schicksal eines rechtschaffenen Tischlers (Dave Johns), der seinen Beruf aufgrund einer schweren Herzerkrankung nicht mehr ausüben darf, jedoch vom britischen Sozialsystem nicht nur fallen gelassen, sondern schließlich dazu gezwungen wird, sich dennoch einen Job zu suchen. Während dieser Suche trifft er auf die ebenfalls mit sich und der Welt kämpfende alleinerziehende Mutter Rachel (Hayley Squires), die es mit ihren zwei Kinder im Schlepptau vor kurzem nach Newcastle verschlagen hat, weil sie sich in London nicht mehr über Wasser halten konnte. Gemeinsam und doch jeder auf seine Weise versuchen die beiden, sich ins System einzufügen und ecken doch immer wieder an, ob der Steine, oder besser gesagt, Brocken, die ihnen von diversen Behörden und Entscheidungsträgern in den Weg gelegt werden.

Kurzum: I, Daniel Blake ist ein typischer Ken-Loach-Stoff, wie man ihn kennt und ihn sich wünscht. Mit geradezu schlafwandlerischer Sicherheit, und nicht zuletzt aufgrund des trefflichen Drehbuchs seines langjährigen Kollaborateurs Paul Laverty, bewegt sich Loach durch die eindringliche Geschichte, dessen Figuren einem im Laufe des Films derart ans Herz wachsen, dass der Abschied am Ende umso schmerzlicher erscheint.

Mr. Loach, als wir uns vor zwei Jahren trafen, um über Ihren Film „Jimmy’s Hall“ zu reden, haben Sie mir erzählt, dass dies Ihr letzter Film gewesen sei und Sie sich zur Ruhe setzen würden. Jetzt hat Ihr neuer Film „I, Daniel Blake“ gerade die Goldene Palme in Cannes gewonnen. Was ist passiert?

Es war dumm, das zu sagen, ich geb’s ja zu. Aber als wir Jimmy’s Hall drehten, war ich 18 Monate lang unterwegs, was mir zu dem Zeitpunkt unendlich lang vorkam. Zudem war das Projekt ein für mich ungewöhnlich aufwendiges, ein Historienfilm mit einem sehr großen Schauspielerensemble. Deshalb dachte ich damals, na gut, vielleicht war’s das jetzt. Aber kaum sitzt man ein, zwei Wochen zu Hause, gibt es schon wieder so viel zu tun. Dazu kommt, dass Paul und ich ständig miteinander über die Themen reden, die uns seit Jahren bewegen. Und dann hört man plötzlich all diese Geschichten und schon führt eins zum anderen. Natürlich muss man dazu sagen, dass sich I, Daniel Blake viel einfacher verwirklichen ließ, als das beispielsweise bei Jimmy’s Hall der Fall war. Wir haben diesmal nur in einer Stadt gedreht, in Newcastle, und nur für relativ kurze Zeit. Der Film wirkt in dieser Hinsicht fast wie ein Kammerspiel. Und Newcastle ist einfach auch ein sehr guter Ort zum Drehen, die Leute dort sind unendlich hilfsbereit. Waren Sie schon einmal da?

Ja.

Dann wissen Sie sicher, was ich meine. Es ist ein Ort, der sehr viel Wärme ausstrahlt, viel Energie und einen gesunden Humor. Ein bisschen wie Liverpool oder Glasgow, auch alte Industriestädte.

Wie realistisch ist das Bild, das Sie im Film vom britischen Sozial-system zeichnen? 

Sehr realistisch. Tatsache ist, dass wir die Sache auch noch viel schlimmer hätten darstellen können und es wäre selbst dann noch zu hundert Prozent korrekt gewesen. Zugunsten der Glaubwürdigkeit haben wir uns im Zweifelsfall jedoch immer für die mildere Variante entschieden. Aber wir haben Geschichten gehört, die sind so unglaublich, dass man nur noch den Kopf schütteln kann.

Zum Beispiel? 

Ein Mann wurde mit Sanktionen belegt, weil er seine Frau, die eine Frühgeburt hatte, ins Krankenhaus fuhr und bei ihr blieb, um sich zu vergewissern, dass das Baby überlebt, anstatt seinen Termin beim Arbeitsamt wahrzunehmen. Einem anderen Mann ging es ähnlich, weil er zur Beerdigung seines Vaters fuhr. Er informierte das Arbeitsamt vorab darüber, dass er zur Beerdigung fahren würde, und trotzdem wurden auch ihm die Leistungen gestrichen. Oder hören Sie sich das an: Ein Mann, der über Jahre mit einem befristeten Vertrag angestellt war, wird arbeitslos, weil sein Vertrag irgendwann einfach nicht mehr verlängert wird. Als er daraufhin Arbeitslosentgelt beantragt, wird ihm aufgetragen, für die gleiche Firma, bei der er zuvor angestellt war, weiterzuarbeiten, allerdings ohne ein angemessenes Gehalt dafür zu bekommen, nur um seine Sozialleistungen abzudecken. Das lehnt er ab, weil er der Meinung ist, dass seine Arbeit wertvoll sei und er nicht umsonst arbeiten würde. Und das war’s, am Ende bekam er drei Jahre lang gar kein Geld. Glauben Sie mir, es gibt hunderte solcher Fälle!

Daniel Blake macht seiner Wut Luft, in dem er seinen Namen mit Farbe an die Außenwand des Arbeitsamts malt. Hat Kino für Sie heute noch immer einen ähnlichen Protest-Charakter wie damals, als Sie anfingen, Filme zu machen?

Kino kann alles. Es kann Agitprop sein oder was auch immer. Kino ist letztlich nur ein Medium. Früher haben wir Filme mehr als Agitprop gesehen, aber wir haben auch damals schon andere Sachen gemacht. Worum es mir bei Daniel Blake ganz konkret ging, war es, die verschiedenen Konflikte anhand der Figuren und der verschiedenen Beziehungen, in denen sie zueinander stehen, widerzuspiegeln. Dadurch, dass man die verschiedenen Facetten der Figuren wahrnimmt. Aber es ist auch nichts dagegen einzuwenden, wenn jemand heutzutage Agitprop macht. Im Grunde kann das jeder, dazu braucht man das Kino nicht. Ein kurzes Filmchen auf dem Mobiltelefon genügt, dann verschickt man’s … und päng!

In der britischen Linken hieß es früher: Wer braucht schon den KGB, wir haben ja die BBC. Schreiben Sie dem Fernsehen heute eine etwas andere Bedeutung zu?

Das Fernsehen – zumindest in Großbritannien –  ist schlichtweg Propaganda und manipuliert unsere Sicht auf die Dinge noch immer auf äußerst raffinierte Weise, ohne dass es die meisten von uns mitbekommen. Daran hat sich bis heute nicht geändert. 

Sie haben Ende der sechziger Jahre selbst beim Fernsehen angefangen, allerdings um auch dort für Ihre Überzeugungen und linken Standpunkte einzustehen. Haben Sie heute das Gefühl, mit Ihren Filmen etwas bewirkt zu haben?

Wenn Sie mich so fragen, nicht wirklich. Aber das heißt ja nicht, dass man alles hinschmeißen muss. Das Entscheidende ist, dass man es immer wieder versucht und die Leute unterstützt, die vielleicht am Ende doch etwas bewirken können. Es ist die Aufgabe von uns Filmemachern, solche Geschichten wie die von Daniel Blake zu erzählen.

Vermissen Sie diesen revolutionären Instinkt, der in Ihnen steckt, bei der jüngeren Generation von Filmemachern in Großbritannien?

Der Instinkt ist da, aber diejenigen, die ihn besitzen,  haben nicht die Mittel, um Spielfilme zu drehen. Es gibt Leute, die großartige Kurzfilme für alle möglichen Kampagnen und Initiativen drehen, sei es, um auf die herrschende Obdachlosigkeit aufmerksam zu machen oder auf die Rechte für Behinderte, was auch immer. Es gibt sie also, die jungen Regisseure, die einen ähnlichen Standpunkt vertreten, aber keiner nimmt sie wahr. Anderseits muss man dazu sagen, dass die meisten britischen Regisseure, die heute Filme machen, unter Margaret Thatcher aufgewachsen sind, in einer Zeit also, die von einem extrem starken Wandel des Bewusstseins geprägt war, in der Gewerkschaften keine Macht besaßen, wie sie das heute tun, und in der es gesellschaftlich ausschließlich um das Wohl den Einzelnen und nicht um die Gemeinschaft ging. Darüber muss man sich bewusst sein, wenn man sich die Arbeiten dieser Filmemacher anschaut.

Wie sieht es mit Ihrer eigenen Wut in Ihrem Bauch aus? Regen Sie sich immer noch so schnell auf wie früher?

Ich versuche es zu vermeiden – in meinem Alter ist das schlecht für den Blutdruck. Aber ganz ehrlich, wie soll man nicht wütend werden, bei dem, was tagein, tagaus in der Welt passiert? 

Das derzeit alles beherrschende Thema ist die Flüchtlingsfrage. Sollte sich Ihrer Meinung nach auch das Kino mehr damit auseinandersetzen, als das bisher der Fall ist?    

Es ist natürlich ein enormes Besorgnis und es scheint uns bis jetzt noch nicht gelungen zu sein, einen wirklich guten Film darüber zu machen. Zu meiner eigenen Verteidigung muss ich allerdings sagen, dass man nicht über alles, was einen bewegt, auch tatsächlich einen Film drehen kann. Für
bestimmte Themen braucht es bestimmte Filmemacher, Leute mit einem speziellen Background und mit einer anderen Sprache, um den Konflikt angemessen auf der Leinwand darzustellen.

Lassen Sie uns noch einmal auf I, Daniel Blake zurückkommen. Nicht wenige Schauspieler haben sich durch die Zusammenarbeit mit Ihnen einen Namen gemacht. Dennoch  scheinen Sie weiterhin Ihrem alten Vorsatz treu zu bleiben, nicht mit berühmten Schauspielern zu arbeiten.

Für mich ist das eine Frage der Glaubwürdigkeit und Authentizität. Mein alleiniges Interesse besteht darin, immer den bestmöglichen Schauspieler für eine Rolle zu finden, einen Schauspieler, dem das Publikum seine Figur unbedingt abnimmt. Wenn man mit Stars arbeitet, hat man meiner Meinung nach das Problem, dass sie ihre Berühmtheit mit in den Film bringen, ob sie es nun wollen oder nicht. Dave Johns dagegen ist dort aufgewachsen, wo der Film spielt. Er kommt sogar direkt aus der Nachbarschaft, in der wir gedreht haben. Sein Vater war Tischler, die Familie wohnte in einer Sozialwohnung. Er kennt das Leben, er weiß, wie es sich anfühlt, und das hat man ihm beim Vorsprechen einfach sofort angemerkt. Davon abgesehen, muss auch ich bis heute zusehen, meine Filme stets so günstig wie möglich zu produzieren und berühmte Schauspieler bringen immer höhere Kosten mit sich, in vielerlei Hinsicht.  

Bei all den Geschichten, die Sie eingangs erwähnt haben, und den Menschen, die Ihnen im Laufe ihrer Recherchen begegnet sind, was hat Sie speziell an diesen beiden Figuren beziehungsweise den Schicksalen gereizt, die Sie im Film beschreiben?

Die Figuren haben sich aus meinen langen Gesprächen mit Paul nach und nach herauskristallisiert. Das heißt, Paul hat wie immer das Drehbuch geschrieben und die Figuren vorgeschlagen, aber wir waren uns da schnell einig. Es ging uns darum, zwei Figuren in den Vordergrund zu stellen, die nicht von vornherein als Opfer gesehen werden, weil sie sich allein nicht zu helfen wissen. Es geht um Menschen wie du und ich, die aufgeweckt und  intelligent sind und von ihrem Umfeld respektiert werden. Menschen von denen man denkt, die schaffen das schon irgendwie, die kriegen das hin! Bis sie am Ende plötzlich ausgezählt am Boden liegen – dann ist der Schock umso größer.

Früher haben Sie die Drehbücher zu Ihren Filmen zum Teil selbst geschrieben. Warum haben Sie irgendwann Abstand davon genommen?

Filmemachen und Schreiben, das sind zwei völlig verschiedene Paar Schuhe für mich. Und irgendwann musste ich mir eingestehen, dass ich eben nicht alles kann. Das Schreiben liegt mir einfach nicht so wie das Regieführen. Ich bin ja auch nicht mein eigener Kameramann. Und was beispielsweise die Drehbücher zu Kes oder The Gamekeeper angeht, da habe ich lediglich literarische Vorlagen adaptiert, das kann man nicht wirklich damit vergleichen, wenn jemand ein komplett eigenes Drehbuch schreibt. Viele Regisseure machen sich vor, sie müssten stets ihre eigenen Geschichten umsetzen, um sich selbst und ihrer Arbeit als Filmemacher treu zu bleiben – davon halte ich persönlich wenig. 

I, Daniel Blake ist unter anderem von Jean-Pierre und Luc Dardenne mitproduziert. Wie kam die Zusammenarbeit zustande?

Zunächst einmal bin ich ein großer Fan der Dardennes. Aber was den Film angeht, da ging es in erster Linie darum, dass die Dardennes die Möglichkeit hatten, auf Geld für eine Koproduktion zuzugreifen. Für uns war das ein großer Gewinn, auch weil eine Koproduktion grundsätzlich immer besser ist als nur ein Investor, von dem man in die Mangel genommen wird. Sind mehrere Geldgeber mit im Spiel, ist man bei der Umsetzung letztendlich freier, was Änderungen am Drehbuch oder am Ende beim Schnitt angeht. Wenn dem britischen Produzenten eine Szene nicht gefallen hat, konnten wir jetzt zum Beispiel sagen, dass die Franzosen aber gerade die Stelle besonders gut fanden und die Szene deshalb auf jeden Fall im Film bleiben müsse. Das funktioniert natürlich nicht immer, aber dieses Mehr an Freiheit zu haben macht viel aus.

Haben Sie eigentlich in echten Arbeitsämtern gedreht?

Nein, das wurde uns nicht erlaubt. Wir durften uns nicht einmal umsehen. Angeblich darf man Arbeitsämter nur betreten, wenn man nachweisen kann, dass man einen Termin hat. Wir haben dann allerdings doch einen Manager gefunden, der uns abends rein ließ, als das Arbeitsamt geschlossen hatte – allerdings auch nur für 20 Minuten, weil er Angst hatte, dass seine Vorgesetzten davon erfahren würden. Was auch interessant ist: Die Angestellten dürfen nicht als Mitarbeiter im Arbeitsamt vor der Kamera auftreten, im Gegensatz etwa zur Polizei, bei der das kein Problem ist. Die Polizisten im Film sind echte Polizisten. Die Angestellten im Arbeitsamt sind ehemalige Mitarbeiter, die gekündigt haben, weil sie nicht länger für dieses System arbeiten wollten.

Was einen viel eher noch als Daniel Blake in die Verzweiflung treibt, sind die zum Teil völlig absurden Fragen, denen er sich immer wieder Stellen muss.

Ja, und das sind alles Standardfragen. Wie bei dem Mann am Anfang, der über sein Herzleiden befragt wird. Das Telefonat basiert auf einem tatsächlichen Fall. Dem Mann wurde während des Interviews schlecht, so dass er das Gespräch frühzeitig abbrechen musste. Daraufhin wurde er mit Sanktionen belegt. Die Tatsache, dass er unmittelbar nach dem Telefonat einen Herzanfall erlitten hatte, hat die Behörden bei ihrer Entscheidung nicht interessiert. 

Die Zuschauer können das Gespräch nur hören, nicht sehen. Die Leinwand bleibt schwarz. 

Ja, die Idee dahinter war es, die Zuschauer konkret auf den Dialog zu konzentrieren, um die Absurdität der Situation zu verdeutlichen. Andererseits wird das Gespräch dadurch universell. Es kommt nicht darauf an, dass es sich um ein Gespräch zwischen einem britischen Bürger und den britischen Behörden geht. Jedes Land hat seine eigene irrsinnige Bürokratie und wir alle haben unsere eigenen erschreckenden Erfahrungen mit Ämtern gemacht.

Der visuelle Look Ihrer Filme ist auf den ersten Blick meist sehr schlicht und unaufdringlich. Die Wirkung ist dafür umso nachhaltiger. Wie viel Zeit verwenden Sie  im Vorfeld auf die Planung?

Das kommt auf den jeweiligen Film an. Aber der Look, wie Sie sagen, basiert in erster Linie immer auf dem Prinzip, dem Geschehen auf der Leinwand größtmögliche Glaubwürdigkeit zu verleihen. Dafür muss man den Schauspielern einen gewissen Raum lassen, so dass sie miteinander agieren und aufeinander reagieren können, ohne dass ihnen die Kamera dabei ständig im Gesicht klebt. Die Kamera ist der Beobachter in der Ecke des Raumes und in dem Sinne niemals aufdringlich oder aggressiv auf die Figuren gerichtet. Das ist mir sehr wichtig. Allerdings kommt es dabei extrem auf die Lichtverhältnisse an und dass man die richtige Linse verwendet. Ideal sind Linsen, die dem menschlichen Auge entsprechen und nicht zu weit sind, damit alles möglichst natürlich wirkt.

Das klingt fast nach einem dokumentarischen Ansatz?

Ja und nein, weil man sich bei einer Dokumentation zumeist viel agiler mit der Kamera hin und her bewegt. Ich bevorzuge es, mit einem Tripod zu arbeiten. Mein Kameramann, Robby Ryan, arbeitet auch mit Andrea Arnold zusammen, und für sie ist es beispielsweise wichtiger, dass die Kamera am liebsten immer auf der Schulter sitzt und direkt in das Geschehen involviert ist. Mich interessiert das nicht. Ich glaube, dass man die Figuren besser lesen und hinter ihre Fassade schauen kann, wenn man einen gewissen Abstand zu ihnen hält.

Ich traue mich gar nicht zu fragen, aber I, Daniel Blake wird nun hoffentlich auch nicht Ihr letzter Film gewesen sein?

Mal sehen, ich habe wirklich keine Ahnung, wie es weitergeht. Ich lasse die Dinge jetzt erst einmal einfach auf mich zukommen und werde sehen, was passiert.


I, Daniel Blake
Drama, Großbritannien/Frankreich/Belgien 2016
Regie Ken Loach Drehbuch Paul Laverty Kamera Robbie Ryan
Schnitt Jonathan Morris 
Musik George Fenton Production Design Fergus Clegg,
Linda Wilson Kostüm Jo Slater
Mit Dave Johns, Hayley Squires, Dylan McKiernan, Briana Shann, Mick Laffey,
Harriet Ghost, Julie Nicholson, Colin Coombs
100 Minuten

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