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Nathalie Du Pasquier, o.T., 2000

Still Life

Text: Oliver Stangl Fotos: Press

Die Kunsthalle Wien widmet der französischen Künstlerin und Designerin Nathalie du Pasquier eine Einzelaustellung. Wem das Werk der großen Autodidaktin bisher unbekannt war, kann hier ein Universum aus Malerei, Skulptur und Grafik entdecken.

Autodidakten hatten es in der Kunstgeschichte nicht immer leicht, sahen sich von akademischer Seite nicht selten mit dem Vorwurf des Di­let­tan­tis­mus konfrontiert und wurden von so manchen Kollegen geschnitten. Andererseits stellte sich der damit verbundene Außenseiterstatus – Talent vorausgesetzt – manchmal als Aufsehen erregender Bonus heraus. Paul Cezanne, Francis Bacon, Jean-Michel Basquiat, Ernst Ludwig Kirchner, Balthus, Daniel Spoerri: Sie alle schafften den Durchbruch ohne die Kunstakademien.

Auch die französische Künstlerin und Designerin Nathalie Du Pasquier, die im Jahr 1957 in Bordeaux das Licht der Welt erblickte, kann dies von sich behaupten. Ihre Anfänge liegen im Bereich der Produktgestaltung: Mit 23 Jahren war sie das jüngste Gründungsmitglied des renommierten Mailänder Design- und Architekturkollektivs Memphis. Das Motto des Kollektivs, das stark von der Handschrift Ettore Sottsass’ geprägt war, positionierte sich mit dem Motto „Form follows fun“ als explizites Gegenbild zum nüchternen „Form follows function“-Credo der Chicago School. Pasquier entwarf während dieser Phase zahlreiche Objekte, Möbel und Oberflächenstrukturen für Textilien und Teppiche (viele dieser Muster werden heute neu aufgelegt).

Doch Pasquier fühlte, dass sie mehr Potenzial in sich hatte. Schon ihre Mutter war Kunsthistorikerin gewesen und machte die junge Nathalie, die gern die „Tintin“-Comics von Hergé las, mit den Alten Meistern bekannt. Mit 18 reiste Pasquier nach Westafrika und war von den lokalen Schildermalern beeindruckt. Reisen nach Italien folgten, dann die schon erwähnte Zeit bei Memphis. Als die Gruppe 1986 in eine künstlerische Krise geriet, fühlte sich auch Pasquier kreativ erschöpft. Ab 1987 widmete sie sich der Malerei und fand so ihre wahre Bestimmung. In den neunziger Jahren beschäftigte sie sich mit italienischer Kunst von der Renaissance bis zu Novecento-Künstlern wie Giorgio de Chirico oder Mario Sironi, zudem interessierte sie sich auch für Le Corbusier und die Wiener Werkstätte. Pasquier malte zu jener Zeit oft Landschaften, doch begann sie sich immer mehr für die Abstraktion zu interessieren. Nach Ausstellungen in Berlin, Mailand, Paris, Edinburgh oder Hongkong folgt nun in der Kunsthalle Wien die erste Einzelschau in Österreich. Der Titel Big Objects not always silent verweist klar auf die Auseinandersetzung Pasquiers mit dem Stillleben, wobei Malerei, Muster, Skulpturen, Designs, Keramiken und Textilobjekte vielseitige Beziehungen zueinander eingehen. Als Autodidaktin hat die Künstlerin dabei ein distanziert-ironisches Verhältnis zum Kunstbetrieb und seinen Mechanismen: „What bores me about the art world is the myth that art is so precious, and that it should be so expensive. Art ist just what you do. It is not less worthwhile to make a pattern or a carpet than a painting in the end.“ Eine wohltuend-geerdete Sicht auf einen Markt, der die Kunst in vielen Fällen zum Investitionsobjekt für Reiche degradiert hat.

Big Objects not always silent präsentiert Pasquiers Kunst nicht in chronologischer Abfolge, sondern in intuitiver Anordnung. Empfangen werden die Besucher der Ausstellung von einem Display, das scheinbar diverse Elemente zusammenführt: Steine, Vasen Werkzeuge, Miniaturen und Malereien machen die ungeheure Vielfalt von Pasquiers Werk, deren Handschrift bei aller Diversität unverkennbar ist, deutlich. Arbeiten aus verschiedenen Phasen stehen nebeneinander und lassen so mit ihrer Verbindung von Design und Malerei auch ein Bild des schöpferischen Werdegangs der Französin erahnen. Die Anordnung der Ausstellungsfläche lässt dabei an die verschiedenen Räume einer Wohnung denken – jedes Zimmer hat einen eigenen Charakter. Wiederkehrende Elemente akzentuieren zudem das Prozesshafte von Pasquiers Vorgehensweise; Formen, Farben und Räume treffen assoziativ aufeinander. Skulpturale Objekte werden Gemälden gegenübergestellt, die wiederum Skulpturen abbilden; flache zweidimensionale Objekte aus diversen Materialien werden von dreidimensionalen Konstruktionen abgelöst und sorgen für illusionistische Effekte.

Diese Personale Nathalie du Pasquiers war hierzulande längst überfällig: Das gattungsübergreifende Schaffen der Französin ist ein ebenso bilder- wie farbenreiches Universum, dessen Faszination man sich kaum zu entziehen vermag.


www.kunsthallewien.at
www.nathaliedupasquier.com

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