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Florentina Holzinger © Magdalena Blaszczuk

Tanz, Kunst, Party und Exzess

Text: Jürgen Bauer Fotos: Press

Mehr als 65 Produktionen stehen beim diesjährigen ImPulsTanz Festival auf dem Programm. Ein Schwerpunkt gilt dem Dialog von bildender Kunst und Tanz.

Es gibt Festivals und es gibt Festivals. Die einen reihen wahllos Aufführungen oder Filme aneinander, die anderen schaffen darüber hinaus ein ganz spezielles Gefühl: Festivalstimmung eben. Das sommerliche ImPulsTanz Festival gehört sicher in die zweite Kategorie. Seit über dreißig Jahren versammelt Intendant Karl Regensburger die Größen der internationalen Tanz- und Performanceszene in Wien. Wenn die Tänzerinnen und Tänzer von den unzähligen Workshops auf den beliebten Festivalfahrrädern zu den Aufführungen radeln und danach bei den täglichen Partys und DJ-Sets die Nacht zum Tag machen, dann bedeutet das für die Stadt: fünf Wochen Kunst, Party, Exzess und gut gelaunte Menschen. Bis heute schafft es das Festival, in diversen Formaten die ganze Vielfalt dieser Kunstform abzubilden: von großen Bühnenwerken bis zu intimen Soloperformances, von bekannten Namen bis zu spannenden Newcomern.

Tanz trifft auf bildende Kunst
Mehr als 65 Produktionen stehen beim heurigen Festival auf dem Programm, das vom 14. Juli bis zum 14. August in der ganzen Stadt Station macht. Ein Schwerpunkt gilt dabei dem Dialog von bildender Kunst und Tanz. Die kreativen Funken, die dieses Aufeinandertreffen schlägt, entzünden sich in Performances und Workshops, die auch unbedarfte Tanzmenschen begeistern sollen. Produktive Irritationen sind vorprogrammiert, wenn etwa Tino Sehgal – international gefeierter Künstler an der Schnittstelle von Kunst und Performance – eine Workshopreihe konzipiert, die vom Chefkurator des MoMA bis hin zu einem Berliner „Rauschzustandsforscher“ ein einzigartiges Potpourri der Künste nach Wien holt. Doch welche Begegnungen können hier gemacht werden?

Tino Sehgal bewegt den Kunstmarkt
Da steht man etwa nichts ahnend mitten in einer Ausstellung und plötzlich springt eine Museumsaufseherin hervor, lässt die Hände tanzen und singt: „This is so contemporary, this is so contemporary …“ Noch bevor man sich versieht, kehrt sie ganz ruhig an ihre Ausgangsposition zurück und verkündet: „This is So Contemporary. Tino Sehgal, 2005“. In „This is Exchange“ wiederum können die Besucherinnen und Besucher einen Teil ihres Eintrittsgeldes zurückbekommen, wenn sie den Performern – die vom Künstler Interpreten genannt werden – ihre Meinung zu Marktwirtschaft kundtun. Spätestens hier fragt man sich: Ist das noch Kunst oder schon Performance? Ironischer Kommentar zum Museumsgeschehen oder Spiel: Geld gegen Überzeugung? Sehgals Werke selbst sind keine materiellen Kunstwerke, es sind Situationen, die erst im Aufeinandertreffen von Künstler und Publikum entstehen und nichts als Erinnerungen zurücklassen, dürfen sie doch weder fotografiert noch gefilmt werden. Damit geht er über seine Vorgänger im Bereich der Performance noch hinaus, bei denen immerhin „Beweismaterialien“ zurückblieben. Er scheint sich einem Betrieb zu verweigern, in dem die Auktionspreise täglich neue Rekorde brechen. Kein Sammler, und sei er noch so reich, kann sich „einen Sehgal“ ins Wohnzimmer hängen. Erwerben kann man die Werke natürlich trotzdem: über eine Transaktion ohne Papierdokumente. Als der Sammler Axel Haubrok Sehgals „This is Propaganda“ erwirbt, trägt der Künstler den Vertrag nur mündlich vor, der Sammler stimmt ebenfalls mündlich zu. Immaterielle Geschäfte mit immaterieller Kunst: Ob das nun Kritik oder höhere Ironie ist, muss jeder für sich selbst entscheiden. Als Sohn eines Inders und einer Deutschen in London geboren, wächst Sehgal in Düsseldorf und Paris auf. Er studiert Volkswirtschaftslehre und Tanz und beginnt durch eine Begegnung mit dem berühmten Choreografen Xavier Le Roy, sich der Performance zuzuwenden. Seine Aktionen realisiert er jedoch nicht auf Theaterbühnen, sondern im Museumskontext, wo er schnell als wichtigster neuer Vertreter an der Schnittstelle von bildender Kunst und Performance gefeiert wird: Egal ob bei der Biennale von Venedig oder der documenta in Kassel, überall ist er präsent. 2013 wird er in Venedig mit dem Goldenen Löwen als bester Künstler ausgezeichnet. Und doch scheinen die Grenzen der bildenden Kunst bald zu eng zu werden, weshalb auch das Theater auf ihn aufmerksam wird. Parallel zu einer Werkschau im Martin Gropius Bau in Berlin zeigt er etwa eine Arbeit beim Theaterfestival Foreign Affairs. Und nun lädt ihn das Tanzfestival ImPulsTanz zu einem eigenen Schwerpunkt nach Wien. Im Rahmen seiner Mentorschaft bei danceWEB, dem Stipendienprogramm des Festivals, wird Sehgal im Leopold Museum eine Auswahl seiner am Tanz orientierten Arbeiten zeigen, darunter etwa „Kiss“ aus dem Jahr 2002, bei dem sich ein Paar küsst und dabei mehr und mehr an berühmte Paare der Kunstgeschichte erinnert: von Rodin über Klimt bis zu Jeff Koons. Auch zu sehen: „Instead of allowing something to rise up to your face dancing bruce and dan and other things“, seine erste Arbeit im Feld der bildenden Kunst. Und schließlich wird auch „Yet Untitled“ zu erleben sein, jene Arbeit, für die er in Venedig ausgezeichnet wurde. Von 20. Juli bis 14. August werden die drei Arbeiten an jedem Tag nacheinander, ineinander übergehend gezeigt werden ...

Vollständiger Artikel in der Printausgabe. 

 

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