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John Carpenter © Viennale

A Filmmaker’s Journey

Zum Besuch John Carpenters bei der Viennale: eine Rückschau auf das Werk eines außergewöhnlichen Regisseurs.

In dem Dokumentarfilm Mein liebster Feind, mit dem Werner Herzog seine ambivalente Beziehung zu seinem Lieblingsdarsteller Klaus Kinski aufarbeitet, betrachtet er einen Auftritt Kinskis in dem Kriegsfilm Kinder, Mütter und ein General aus dem Jahr 1955, der ihn früher immer sehr beeindruckt hatte. Es ist nur eine kleine Szene, die Herzog, wie er selber eingesteht, mittlerweile gar nicht mehr so beeindruckend findet und wie folgt kommentiert: „Seltsam, wie das Gedächtnis etwas so vergrößern kann.“ Im Mai hatte man Gelegenheit, die Beständigkeit filmischer Erinnerungen im Selbstversuch zu testen, konnte man doch im Gartenbaukino zwölf Filme von John Carpenter nach langer Zeit – zumindest was die große Kinoleinwand betrifft – wieder begutachten. Im Gegensatz zu Herzogs eingangs erwähnter Erfahrung erweist sich die Erinnerung in Bezug auf John Carpenter als bestechend gültig, seine Filme wie etwa Assault on Precinct 13, Halloween, The Fog oder Escape from New York erscheinen auch nach Jahrzehnten keineswegs durch Erinnerung vergrößert und besitzen ihren legendären Status im Jahr 2016 völlig zu Recht. Besagte Werkschau war dabei Teil des „Carpenter Projects“, das dem großen Regisseur in diesem Jahr eine Reihe von Veranstaltungen widmet, sein Kommen zur Viennale ist ein Teil davon.

Es mag eine kuriose Koinzidenz sein, dass ausgerechnet Werner Herzog in seiner kurzen Ägide als Viennale-Direktor es geschafft hatte, John Carpenter damals, im Jahr 1991, erstmals als Gast zum Festival zu holen. Der Besuch John Carpenters, der bei einer Vorführung von They Live übrigens persönlich anwesend sein wird, ist zweifellos eines der Highlights der Viennale, kommt mit ihm doch einer der wichtigsten Regisseure New Hollywoods nach Wien.

Der am 16. Jänner 1948 geborene John Carpenter war in seinem Werdegang ein typischer Repräsentant jener Generation junger Filmemacher, die ab Mitte der sechziger Jahre das ökonomisch und künstlerisch in eine schwere Krise geratene Hollywood mit einem kreativen Schub versorgten und deren Vorstellungen das US-amerikanische Kino nachhaltig prägen sollten. Aufgewachsen in Bowling Green, Kentucky, besuchte Carpenter zunächst die Western Kentucky University, ehe er sich wie zahlreiche Proponenten New Hollywoods entschloss, Film zu studieren. Carpenter entschied sich für das Filmdepartment der University of Southern California, einer der zentralen Sammelpunkte für besagte Gruppe von Filmemachern. Dort lernte Carpenter Dan O’Bannon – der sich mit dem Skript zu Ridley Scotts Alien seinen Platz in der Filmgeschichte sichern sollte – kennen, mit dem er gemeinsam das Drehbuch zu Dark Star, einer Sci-Fi-Komödie um die Besatzung eines Raumschiffs, die instabil gewordene Planeten zerstören soll, verfasste. Im Verlauf ihrer langjährigen Mission kämpft die Crew mit den immer häufiger auftretenden Pannen an Bord ihres desolaten Schiffs, darunter eine intelligente Bombe, die völlig außer Kontrolle gerät. Der mit dem schmalen Budget von knapp 60.000 Dollar produzierte Dark Star besticht durch seinen schrägen, absurden Humor – ein großer Gummiball mit Klauen dient etwa als Haustier der Besatzung, die das etwas rabiate Wesen „Alien“ nennen –, der dem Film nach einigen erfolgreichen Festivalauftritten zu einem größeren Kinostart und einer veritablen Fangemeinde verhalf.

Durch den Erfolg von Dark Star gelang es John Carpenter, auf sein Talent aufmerksam zu machen und sein nächstes Projekt zu verwirklichen. Assault on Precinct 13 (1976), auch mit einem relativ geringen Budget, aber doch unter professionelleren Bedingungen gedreht, erweist sich als eine kongeniale Paraphrase auf Howard Hawks Westernklassiker Rio Bravo. Carpenter transferiert den Plot in das Los Angeles der siebziger Jahre, eine Stadt, die in dieser Zeit besonders durch die kriminellen Aktivitäten von Straßenbanden zu leiden hatte. Als bei einem Polizeieinsatz einige Mitglieder einer solchen Gang erschossen werden, schwören die übrigen Bandenmitglieder Vergeltung. In den Fokus ihres Rachefeldzugs rückt ein abgelegenes Polizeirevier in South Central Los Angeles, das vor der Schließung steht und deshalb nur noch mit wenigen Beamten behelfsmäßig besetzt ist. Durch Zufall macht ein Gefangenentransport in dem Revier Station und bringt drei Häftlinge zwischenzeitlich im Zellenblock unter. Als die Bande völlig unerwartet angreift, muss sich das zusammengewürfelte Häuflein höchst unterschiedlicher Charaktere zusammentun, um eine Chance zu haben, die Belagerung lebend zu überstehen ... 

Vollständiger Artikel in der Printausgabe.  


JOHN CARPENTER: Lost Themes – A Live Retrospective
Am 3. November präsentiert Carpenter in der Stadthalle, Halle F mit
fünf Musikern einige seine Kompositionen.


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