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Eine Klasse für sich

Wenn man Tim Burton fragt, ist er der normalste Mensch auf Erden. Na ja, fast zumindest. Trotzdem weiß er sich von seinem Image als Hollywoods schrägstes Regietalent nur schwer zu befreien. Sein neuer Film ist ein weiterer Versuch zu zeigen, dass auch die sonderbarsten Menschen im Herzen so gewöhnlich sind wie du und ich.

Die ganze Welt glaubt ihn zu kennen, nur Tim Burton selbst hadert bis heute mit der Ungewissheit darüber, wer er wirklich ist. Auch die zahlreichen Labels wie „king of gothic“ oder „the master of dark-ness“, die man ihm über die Jahre aufgedrückt hat, helfen da wenig. Im Gegenteil. Denn der Spezialist für Absurdes und Skurriles mit Hang zu visuellem Übermaß ist bekanntlich kein Freund von Schubladen und derer, die in solchen denken. Die Euphorie, mit der er gegen jeden Versuch der Kategorisierung angeht, scheint auch nach über dreißig Jahren im Geschäft ungebunden. Vor allem ein Wort macht ihm dabei besonders zu schaffen: „Burtonesque! Was heißt das schon?“, sagt er und schüttelt sich.

Tatsächlich hat Burton in den achtzehn Filmen seit seinem Regiedebüt Pee-wee’s Big Adventure (1985) genau diesen Konflikt mit sich und der Welt immer wieder artikuliert und dramatisiert, wenn auch bevorzugt in schwarzen Komödien, surrealen Märchen und ambitionierten Superhelden-Blockbustern à la Batman. Und nur wenige Regisseure haben so konsequent und leidenschaftlich daran gearbeitet, ihre Ideen und Visionen in den verschiedensten Genres auf die Leinwand zu zaubern wie er. Am überzeugendsten (wenn auch nicht unbedingt am erfolgreichsten) ist der heute 58-jährige Ausnahmeregisseur in seinem filmischen Selbstfindungswahn allerdings immer dann, wenn es persönlich wird, wie beispielweise im Klassiker Edward Scissorhands (1990), mit der charmanten Hommage an den zeitlebens unterschätzten Ed Wood (1994) oder dem schaurig-schönen Frankenweenie (2012), in dem Burton den Traumata seiner Vorstadtkindheit mit liebenswerter Stop-Motion-Animation zu Leibe rückte. Doch auch sein neuester Film fällt in diese Klasse, denn Miss Peregrine’s Home for Peculiar Children zielt konkret auf jene Menschen ab, die von der Gesellschaft, in der sie leben, nicht akzeptiert werden, weil sie einfach anders sind, oder besser gesagt: besonders. In dem wunderbar bizarren Fantasy-Abenteuer, das auf dem 2011 erschienenen gleichnamigen Jugendroman von Ransom Riggs basiert, schlüpft Eva Green in die auf sie förmlich zugeschnittene Rolle der engagierten Heimleiterin Alma LeFay Peregrine, die sich auf einer abgelegenen Insel um eine kleine Gruppe sonderlich veranlagter Kinder kümmert. Während sie selbst zur Spezies der Wanderfalken gehört (und sich jederzeit in einen solchen verwandeln kann), reichen die Eigenarten ihrer in einem eigens kreierten Time-Loop jung gehaltenen Schüler von Hulk-artigen Superkräften bis hin zu prophetischen Träumen und Totenbelebung. Die Parallelen zu Burtons eigenen Fantasiewelten sind so offensichtlich wie endlos, doch was dem Film seinen speziellen Charme verleiht, ist die unmittelbare Nähe, die der Regisseur selbst zu seinen Figuren spürt.

Mr. Burton, die Geschichte, um die es in „Miss Peregrine“ geht, klingt so auf Sie zugeschnitten, dass sie, wenn man es nicht besser wüsste, aus Ihrer eigenen Feder stammen könnte. Wie sind Sie denn auf das Buch aufmerksam geworden?

Ich bin ein Kind der Fernsehgeneration, das heißt, ich habe nie viel gelesen. Mein Agent hat mich darauf aufmerksam gemacht, und als ich das Buch zum ersten Mal in den Händen hielt, sind mir sofort die Fotos darin aufgefallen. Ich sammle selbst alte Fotografien, für mich steckt etwas seltsam Eindringliches und Poetisches in alten Aufnahmen, und ich fand es ungemein spannend, dass Ransom seine Geschichte um diese wunderbare Fotosammlung gestrickt hatte. Ein altes Foto anzuschauen, ist für mich im Grunde wie ein Märchen oder eine alte Sage zu lesen, weil auch jedes Bild auf seine Weise eine Geschichte erzählt, ohne dabei jemals alle Einzelheiten preis zu geben.

Wie streng haben Sie sich bei der Umsetzung an die Vorlage gehalten?

Wir mussten etwas kürzen, um die Geschichte filmgerecht aufarbeiten zu können, und wir haben zwei der Figuren vertauscht, aus Gründen, die den Rahmen unseres Gesprächs sprengen würden. Aber ich war unheimlich froh, dass wir am Ende Ransoms volle Zustimmung hatten, was das Drehbuch anging. Nicht, dass es zwangsläufig etwas geändert hätte, weil man immer ein paar Dinge ändern muss, wenn man ein Buch für die Leinwand adaptiert. Aber zum einen war ich erleichtert, dass wir ihm nicht endlos viel Geld zahlen mussten, und zum anderen ist es immer besser, wenn man mit einem Autor zusammenarbeitet, der ein Verständnis dafür hat, dass eine Kinoadaption grundsätzlich andere Strukturen verlangt. Ich weiß noch, wie schrecklich ich mich gefühlt habe, als ich damals Stephen Sondheim meine Version von Sweeney Todd gezeigt habe, aber auch das war mir sehr wichtig. Denn immerhin ist es das Werk von jemand anderen, das man sich vornimmt, und darin liegt eine gewisse Verantwortung. Aber wie gesagt, Ransom war sehr zufrieden damit, weil wir den Kern seiner Geschichte auch im Film wiederbelebt haben.

Wofür steht Miss Peregrine für Sie?

Der Film handelt von Menschen, die angeblich nicht in diese Welt passen, und Miss Peregrine ist ihre Beschützerin. Sie ist sozusagen die Schulleiterin, die ich nie hatte, mir aber immer gewünscht habe ...

Lesen Sie das komplette Tim Burton Interview in der Printausgabe.

Die Insel der besonderen Kinder / Miss Peregrine’s Home for Peculiar Children
Abenteuer/Fantasy, USA 2016 – Regie Tim Burton
Drehbuch  Jane Goldman, basierend auf dem Jugendroman „Miss Peregrine’s Home for Peculiar Children“ von Ransom Riggs Kamera Bruno Delbonnel Schnitt Chris Lebenzon Musik Michael Higham, Matthew Margeson Production Design Gavin Bocquet Kostüm Colleen Atwood
Mit Eva Green, Judi Dench, Asa Butterfield, Samuel L. Jackson, Rupert Everett,Terence Stamp, Allison Janney, Chris O’Dowd
Verleih 20th Century Fox, 127 Minuten

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