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Eastern Promises

Emil Gataullins meisterliche, in der russischen Provinz entstandene Fotografien sind visuelle Dichtungen mit einem dokumentarischen Touch.

Den russischen Fotografen Emil Gataullin kennen hierzulande noch wenige, doch der wunderschöne, in der Edition Lammerhuber erschienene Band „Bis zum Horizont“ sollte dazu beitragen, dies zu ändern. Für die Eröffnung der Serie VISUAL POETRY hätte der Verlag kaum einen besseren zeitgenössischen Fotokünstler als den 44-jährigen, in Korolyov bei Moskau lebenden Gataullin finden können. Denn seine Bilder, die russische Dörfer in Schwarzweiß einfangen, sind tatsächlich Poesie. Sie gewinnen dem Alltag Geschichten ab, die sich im Kopf des Betrachters weiterspinnen. Nicht zu Unrecht wird Gataullin deshalb mit Henri Cartier-Bresson (der neben Josef Koudelka und Sebastião Salgado zu seinen Vorbildern zählt) verglichen. Gataullin, ausgebildeter Monumental- und Freskomaler (auch in diesem Bereich zählt er mit Matisse, dessen Stillleben ihn faszinieren, einen Franzosen zu seinen Vorbildern), der am V. Surikov Moscow State Academy Art Institute studierte, begann nach der Jahrtausendwende, sich für das Medium Fotografie zu interessieren, wobei er im Fotografietheoretiker Alexander Lapin einen Lehrer fand. Sein Hintergrund als Maler kam Gataullin augenscheinlich zugute, denn in seinen Arbeiten verbindet sich bewusste Bildkomposition mit dokumentarischer Spontaneität.

Egal, ob es reine Naturaufnahmen sind, in denen Sonnenstrahlen durch Baumkronen fallen oder Kinder auf einem Spielplatz akrobatische Bewegungen vollführen – der Russe erweist sich als Meister von Licht, Schatten und räumlicher Wahrnehmung. Besonders spannend gestalten sich dabei Aufnahmen, in denen Menschen und Tiere auf heruntergekommene Zeugnisse der Zivilisation treffen: Da blickt etwa eine Ziege aus dem ersten Stock eines baufälligen Hauses auf die Straße oder stehen ein Mann und eine Frau vor zwei verwahrlosten Schiffen an einem Seeufer. Gataullin ringt dem Alltag Mysterien ab, bringt den Betrachter dazu, sich Gedanken über die Hintergründe der abgebildeten Situationen zu machen. Realismus und teilweise surreale Aspekte, sie ergeben hier einen reizvollen Kontrast. Neben Mysterien ringt der analog fotografierende Gataullin der von Abwanderung und Betriebsschließungen gezeichneten Provinz auch Schönheit ab – ohne jedoch zu verklären. So ermöglicht er dem Betrachter eine spannende Reise in ein großteils unentdecktes Land, in dem Ikonenverehrung auf Reste der Sowjetrepublik trifft.

Ein einführender Text – im Band auf deutsch, englisch und russisch abgedruckt – von Peter-Matthias Gaede, dem langjährigern Chefredakteur der Zeitschrift GEO, geht neben künstlerischen und biografischen Aspekten auch auf die ernsten Hintergründe ein, die sich in vielen Bildern andeuten (der durch die prekäre Lebenssituation oft bemühte „Tröster“ Wodka sorgt bei Männern für eine Lebenserwartung um die 60 Jahre, was auf dem Niveau von Nordkorea oder dem Irak liegt). Eine von der Druckqualität her exzellente Veröffentlichung, die auch dramaturgisch zu überzeugen weiß: Dass die Fotografien auf den letzten Seiten zur Farben überwechseln, fügt dem Band mit einem simplen, aber effektiven Kniff eine weitere schöne Dimension hinzu. 

Emil Gataullin
Bis zum Horizont
Towards the HORIZON

Essay: Peter-Matthias Gaede
Edition Lammerhuber, Baden bei Wien 2016
Gebundene Ausgabe, 256 Seiten
Format: 17 x 23,5 cm, EUR 49,90
Ausstellung: Bis zum Horizont, GAF – Galerie für Fotografie, Hannover, bis 15. Jänner 2017

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