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Ein einfacher Mann, keine simple Sache

Kenneth Lonergans schmales, starkes Werk stellt einen Glücksfall im gegenwärtigen Kino dar. Sein dritter Film, Manchester by the Sea, ist ein Triumph.

Unwiederbringlich. Unwiederbringlich verloren ist Lee Chandlers früheres Leben. Vor Jahren schon hat er seine Heimatstadt Manchester-by-the-Sea verlassen und ist nach Boston gegangen. Dort arbeitet er als Hausmeister in einem durchschnittlichen Wohnblock in einer durchschnittlichen Gegend und hat es mit durchschnittlichen Problemen zu tun: verstopfte Abflüsse, zickige Mieter, kaputte Glühbirnen, Schneeräumen. Dann klingelt eines Tages sein Telefon und Lee erfährt, dass sein Bruder Joe nun schließlich doch seiner bereits vor Jahren diagnostizierten Herzkrankheit erlegen ist. Joes Tod war also abzusehen, und doch trifft er Lee wie ein heftiger Schlag. Sein großer Bruder war ein guter und freundlicher Mensch, der immer zu ihm stand. Und vielleicht war er alles, was Lee noch hatte auf der Welt. Nun gähnt da nur mehr ein Abgrund und die Hölle auf Erden droht Lee endgültig zu verschlingen. Unwiederbringlich.

Kenneth Lonergans Manchester by the Sea handelt von der Hölle auf Erden und Casey Affleck verkörpert den Mann, der sie bewohnt. Allein mit dem namenlosen Entsetzen über das Ereignis, das ihn an diesen Ort gebracht hat. Allein mit der Verantwortung für die Geschehnisse, die zu diesem Ereignis führten. Allein mit der Schuld, die er fühlt. Allein in dem Bewusstsein, dass es keine Buße gibt, die ausreichte, diese Schuld zu tilgen. Allein mit den Geistern seiner Vergangenheit.

Das Zurückliegende, das hier wirkt, die Vorgeschichten der Figuren erfährt man aus Rückblenden, die unvermittelt in die Gegenwartshandlung gesetzt sind. Nicht wie Zäsuren und auch nicht wie Kontrapunkte, eher ergeben sie sich organisch aus dem narrativen Fluss, wie Parenthesen oder kleine Abschweifungen, die den Satz nicht unterbrechen, sondern seinen Sinn ergänzen und vertiefen. Lonergans Erzählung ist keine lustige und doch ist das Familiendrama, das er geduldig und genau vor unseren Augen entfaltet, von einem herzerwärmenden, subtil humorvollen Mitgefühl geprägt; geprägt von dem Wissen darum, dass in der Tragödie die Groteske steckt und im Komischen die Verzweiflung. Der ganz normale Ausnahmezustand eben, der eintritt, wenn einer, der sich vor der Welt vergraben hat, der wie versteinert ist in seinem Kummer, erfährt, dass ihm die Fürsorge für seinen 16-jährigen Neffen Patrick übertragen worden ist. Ausgerechnet ihm!

Patricks Mutter hatte sich seinerzeit dem Suff ergeben und Joe, der ein kleines Bootsunternehmen sein eigen nannte, hat seinen Sohn alleine großgezogen. Patrick ist ein ziemlich normaler Teenager, der im Eishockey-Team seiner Schule spielt, der Mitglied einer Band ist, und der mit zwei potenziellen Freundinnen jongliert. Lee und Patrick bekommen es nun also nicht nur mit der Trauer des jeweils anderen zu tun, sondern auch mit unterschiedlichen Vorstellungen davon, wie die Zukunft aussehen soll. Lee will so schnell wie möglich zurück nach Boston, Patrick will das Unternehmen seines Vaters weiterführen und in Manchester-by-the-Sea bleiben. Aber zunächst einmal gilt es, Joes Leichnam unter die Erde zu bringen; was dadurch erschwert wird, dass der Boden tief und hart gefroren ist, denn es ist Winter.

Seit seiner Premiere im Januar 2016 beim Sundance Film Festival ist Kenneth Lonergans Manchester by the Sea auf dem Siegeszug. Publikum wie Kritik loben Drehbuch, Regie und Schauspiel, loben die Menschlichkeit der Perspektive, schwärmen von der Gefühlstiefe der Geschichte und bewundern die Behutsamkeit, mit der sie dargelegt wird. Und natürlich ist von Oscarnominierungen die Rede, mindestens. Nicht wenige sehen in dem Triumph, den dieser emotional komplexe und anspruchsvolle Film darstellt, eine überfällige Wiedergutmachung an Lonergan selbst. Hatte der doch bei seinem letzten Projekt, Margaret, mit immensen Schwierigkeiten zu kämpfen; die Auseinandersetzungen mit der Produktionsfirma um den „final cut“ dieses Post-9/11-Gegenwartspanoramas, das inzwischen als einer der besten Filme des Jahrzehnts gilt, währten Jahre. Auch Margaret – in dem eine 17-jährige New Yorker Studentin sehr wahrscheinlich einen Busunfall mit Todesfolge verursacht, für den sie Verantwortung zu übernehmen versucht – arbeitet sich an Fragen von Schuld und Sühne ab. Obwohl, „abarbeiten“ ist eigentlich nicht das richtige Wort für den Facettenreichtum der Welt, die Lonergan entwirft, und die Fülle möglicher Einschätzungen einzelner Sachverhalte, die er darin dann zur Diskussion stellt.

Schmales, starkes Werk
1962 geboren und aufgewachsen in New York, ausgebildet an der progressiven Walden High School, beginnt Kenneth Lonergan schon früh mit dem Schreiben. Theaterstücke zunächst, dann Drehbücher, jenes für die erfolgreiche Komödie Analyze This (1999) zu Beispiel. Oder das zu Gangs of New York (2002), das ihm seine zweite Oscarnominierung beschert. Die erste erhielt er 2000 für das Buch seines Regieerstlings, den vielfach preisgekrönten You Can Count on Me, in dem er eine Beziehung zweier Erwachsener erforscht, der die Vertrautheit von Kindern zugrunde liegt: Sammy und Terry haben früh schon die Eltern verloren, begegnen sich nach Jahren der Entfernung wieder und versuchen nun, einander fremd geworden, ihre Konflikte mit Hilfe jener Liebe in den Griff zu bekommen, die sie einst verbunden hat. Nach dem Erfolg von You Can Count on Me standen Lonergan alle Türen offen, was dann aber folgte, war das Desaster um Margaret. Er ist eben kein Mann der einfachen Lösungen. Sein schmales, starkes Werk, das sich durch Nuanciertheit und Realismus, die Ablehnung simplifizierender Darstellung und eine zugleich nüchtern und empathische Weise der Inszenierung auszeichnet, legt davon Zeugnis ab. Es ist das Leben selbst, das in diesen Filmen wie mit einem Brennglas eingefangen ist. In Lonergans eigenen Worten (in einem Interview mit der Zeitschrift „Film Comment“): „What I’m really interested in is people struggling with situations that are bigger than they are, that are overwhelming to them. Also the disparity of experience, the variety of human experience, how one person can have one kind of life and his neighbor will have a completely different kind in every respect. That never ceases to fascinate and confound me and also impress me.“

Faszination und Irritation angesichts des Reichtums dis-parater existenzieller Erfahrungen bilden auch den Kern, vielmehr das Herz von Manchester by the Sea. Diesen Film zu sehen ist wie ein Akt zufälliger Zeugenschaft, seine Szenen sind kurze Besuche in anderen Wirklichkeiten, deren Tonalität von schlicht und ergreifend bis pathetisch überhöht reicht. Vermittelt wird nicht weniger als das, was menschliche Gemeinschaften idealerweise zusammenhält: Mitgefühl. Die Fähigkeit zur Empathie. Wir sehen, wie die Figuren auf der Leinwand sie einander entgegenbringen, wir bringen sie den Figuren auf der Leinwand entgegen. Und vielleicht gelingt es sogar, in Lee Chandlers schmerzhaftem Trauer-Panzer erste winzige Risse auszulösen. 

 

MANCHESTER BY THE SEA
Drama, USA 2016 – Regie, Drehbuch
Kenneth Lonergan
Kamera Jody Lee Lipes Schnitt Jennifer Lame
Musik Lesley Barber Production Design Ruth De Jong
Kostüm Melissa Toth
Mit Casey Affleck, Michelle Williams, Kyle Chandler, Lucas Hedges,
Gretchen Mol, Tate Donovan, Matthew Broderick, Erica McDermott
Verleih Universal Pictures, 135 Minuten
Kinostart 19. Jänner 2017
 

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