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Jenseits von Gut und Böse

Tom Ford ist nicht ganz sicher, wie es dazu kam, dass zwischen seinem ersten Spielfilm und dem heiß erwarteten Nachfolger Nocturnal Animals sieben Jahre vergingen. 

Fettleibige Frauen tanzen in Zeitlupe, sie vollziehen die groteske Parodie eines Rituals, das man üblicherweise mit den Muskeln eines Magic Mike oder den Silikonbrüsten von Showgirls assoziiert. Die Szene ist so dezidiert Trash, dass sie nur Hochkultur sein kann. Wir sind bei einer Vernissage, und zugleich am Beginn eines Films: Nocturnal Animals von Tom Ford. Die Hauptfigur, die Künstlerin Susan Morrow, lässt echte Skandalstars wie Damien Hirst mit ihrem Werk geradezu züchtig wirken. Hinter dem ersten Eindruck der alles kontrollierenden Supermanagerin eines Einpersonenkonzerns aus dem internationalen Kunst-Jetset verbirgt sich jedoch eine verletzliche Frau, perfekt verkörpert von Amy Adams. Sie hat dann auch die gar nicht so leichte Aufgabe, einen guten Teil von Nocturnal Animals auf dem Sofa zu verbringen, bewaffnet mit einem dieser starkrandigen Brillengestelle, die allgemein als Künstlerausweis gelten. Susan Morrow liest einen Roman mit dem Titel „Nocturnal Animals“: ein Mann samt Frau und Tochter auf einer Straße in Texas, bedroht von drei Männern. Man kennt diese Konstellation aus Sam Peckinpahs Klassiker Straw Dogs, sie wird hier allerdings nicht als Belagerungsszenario erzählt, sondern als eine langwierige Parabel über Gewalt und Rache.

Tom Ford interessiert sich mit seinem zweiten Spielfilm Nocturnal Animals (auf Grundlage den Romans „Tony & Susan“ von Austin Wright aus dem Jahr 1993) dafür, wie eine Kultur, die zutiefst auf Verfeinerung und Raffinement beruht, sich zu ihrem Gegenüber verhält, zu ungehobelten Gestalten, die mit ihrer entfesselten Virilität jegliche Kultur sprengen. Lösen lässt sich diese Spannung nicht wirklich, sie durchzieht Nocturnal Animals und sorgt auch für manchen ungelenken Moment, sodass Tom Ford schließlich noch einmal das Genre wechseln muss. Er endet mit einem starken Bild aus der Tradition der melodramatischen Frauenfilme aus dem klassischen Hollywood. Amy Adams im Zeichen von Douglas Sirk. Das macht Sinn. (Text: Bert Rebhandl)


Wie hat die Arbeit an „Nocturnal Animals“ für Sie begonnen?
Ein Freund von mir, der in London lebt, hat mir das Buch mit dem Titel „Tony and Susan“ empfohlen. Es ist ein wunderschönes Buch, geschrieben von Austin Wright. Ich konnte es nicht mehr beiseitelegen, es war sehr fesselnd und ich habe gelernt, dass man etwas, das man liebt, eine Geschichte oder eine Idee, immer als Option im Hinterkopf behalten sollte. Ich wusste damals noch nicht genau, wie ich diese Geschichte adaptieren wollte, sie musste noch zwei, drei Jahre in meinem Kopf weiterarbeiten. In der Zwischenzeit wurde ich Vater und habe beschlossen, keinen weiteren Film zu machen bis mein Sohn drei Jahre alt war. So hatte ich Zeit die Idee reifen zu lassen. Ich wusste nicht genau, wie ich das Buch filmisch umsetzen sollte. Manchmal ist ein Buch eben ein großartiges Buch, funktioniert aber nicht auf der Leinwand. Als ich herausgefunden hatte, wie es funktionieren könnte, hat die weitere Arbeit daran einen Monat gedauert. Es geht in der Geschichte hauptsächlich um Loyalität und darum, dass man jemanden, der einem wichtig ist, nie wieder gehen lassen sollte. Ich bin mit Richard (Buckley) nun seit 30 Jahren zusammen – ich halte ihn seit 30 Jahren fest. Wir waren im Urlaub und ich sagte zu ihm: „An den Vormittagen möchte ich dieses Drehbuch schreiben. Zwischen 8h und 13h soll mich niemand stören. Keine Anrufe, keine Unterbrechungen.“ Ich schrieb das Drehbuch, bearbeitete es im Laufe der darauffolgenden Monate, kürzte, verbesserte und schickte es aus. Es kamen sofort sehr gute Reaktionen zurück. Ich schickte es Amy Adams und sie sagte innerhalb von 48 Stunden zu, ebenso war es mit Jake. Es ist immer gut, wenn man eine sehr schnelle, positive Rückmeldung auf ein Drehbuch bekommt. Ich fühlte mich bestärkt und habe mich an die Arbeit gemacht ...

Lesen Sie das komplette Tom Ford Interview in der Printausgabe. 

 

Nocturnal Animals
Drama/Thriller, USA 2016 – Regie Tom Ford 
Drehbuch Tom Ford, basierend auf dem Roman „Tony and Susan“ von Austin Wright 
Kamera Seamus McGarvey Schnitt Joan Sobel Musik Abel Korzeniowski 
Mit Amy Adams, Jake Gyllenhaal, Michael Shannon, Aaron Taylor-Johnson, Isla Fisher, Armie Hammer, Laura Linney, Andrea Riseborough, Michael Sheen, Ellie Bamber, Jena Malone 
Verleih Universal Pictures, 116 Minuten 
Kinostart 22. Dezember

 

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