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King of Horror

Text: Benjamin Moldenhauer Fotos: Warner

Zum Kinostart von „It“ und „The Dark Tower“: Ein Blick auf jene Mechanismen des Horrors, die der amerikanische Autor Stephen King wie kaum ein anderer beherrscht.

Wie definiert man Horror? Viele gelehrte Bücher sind dazu geschrieben worden, es bleibt trotzdem fluide. Wer keine großen Wert auf Trennschärfe legt, aber Klarheit haben möchte, fragt nicht beim Literaturtheoretiker, sondern beim Praktiker nach: „It stops being funny when it starts being you“, schreibt Stephen King in seinem Standardwerk zur Geschichte des Genres, „Danse Macabre“. Wenn es einen unmittelbar berührt und trifft, ist es nicht mehr lustig, dann ist Schluss mit ironischer Distanz, und die Geschichte geht an die Punkte, die das Verhältnis zur Welt unmittelbar betreffen.

Wie beginnt man demnach einen Text über Stephen King? Man geht von der eigenen Erfahrung mit diesen Büchern aus, weil sie, egal ob banal oder nicht, darauf hindeutet, was an diesem Werk so bedeutsam ist. Die ersten Begegnungen mit Kings Romanen waren schockhaft und gehören – neben Clive Barkers Romanen – zu meinen intensivsten Leseerfahrungen damals. „Friedhof der Kuscheltiere“ („Pet Sematary“), viel zu früh gelesen, mit ich glaube dreizehn, das Ergebnis war anhaltende Verstörung. Den Film kann ich mir wegen der Szenen mit Zelda Goldman nach wie vor nicht anschauen, obwohl er harmloser ist als das meiste, was ich von Berufs wegen sonst so sehen musste. „The Stand“ war der erste Über-1000-Seiten-Roman, den ich geschafft habe. Da ging es dann schon weg vom Familiären, es entfaltete sich eine ganze Welt, in der man versinken wollte, so schrecklich es in ihr auch zuging, mit Charakteren, die typenhaft genug waren, um auch von einem Jugendlichen als latent exemplarische erkannt zu werden, und nicht so typenhaft, dass sie klischiert gewirkt hätten. Diese Gleichzeitigkeit von Typisierung und Charakter findet sich auch im zweiten postapokalyptischen Epos, der The Dark Tower-Saga, der nächsten großen Verfilmung in diesem Jahr nach It. „The Body“ („Die Leiche“), Vorlage für die bislang beste King-Verfilmung Stand by Me und der dritte meiner vier liebsten King-Texte, schenkte dem jungen Leser eine nostalgische Erinnerung an eine Kindheit, die noch gar nicht vorüber war.

In diese Kerbe haute auch „Es“, noch früher gelesen, mit zwölf. Es ließ mich für Jahre nicht los. Beverly, die Heldin, hört im Badezimmer die toten Kinder sprechen: „Die Stimme ging in einen erstickten Schluckauf über, und plötzlich stieg eine grellrote Blase aus dem Ablauf und zersprang; Blutstropfen spritzten auf das Porzellanbecken. Dann ertönte die erstickte Stimme von Neuem, und mitten im Reden veränderte sie sich: Einmal war es die Stimme des kleinen Kindes, die sie zuerst gehört hatte, dann die eines Mädchens im Teenageralter, dann (…) die eines Mädchens, das sie gekannt hatte.“ Ein durchschlagender Effekt auch hier: It verwandelte Badezimmerapparaturen in gleicher Weise, in der Psycho Duschen und Spielbergs Jaws das Meer verwandelt hatte ...

Vollständiger Artikel in der Printausgabe


It / Es 
Horror-Thriller, USA 2017
Regie Andres Muschietti Drehbuch Chase Palmer, Cary Joji Fukunaga, Gary Dauberman, basierend auf dem Roman von Stephen King Kamera Chung-hoon Chung SchnittJason Ballantine Musik Benjamin Wallfisch Production Design Claude Paré Kostüm Janie Bryant 
Mit Bill Skarsgård, Finn Wolfhard, Owen Teague, Javier Botet, Jaeden Lieberher, Sophia Lillis, Megan Charpentier, Nicholas Hamilton 
Verleih Warner 

Kinostart 29. September

 

The Dark Tower / Der dunkle Turm
Action, Adventure, Fantasy , USA 2017
Regie Nikolaj Arcel Drehbuch Akiva Goldsman, Jeff Pinkner, basierend auf der Romanserie von Stephen King Kamera Rasmus Videbæk Schnitt Alan Edward Bell, Dan Zimmerman Musik Junkie XL Production Design Christopher Glass, Oliver Scholl Kostüm Trish Summerville
Mit Katheryn Winnick, Matthew McConaughey, Idris Elba, Abbey Lee, Alex McGregor, Jackie Earle Haley
Verleih Sony
Kinostart 11. August


Tags:

  • Fotos: Warner
  • Issue: 43
  • Keywords: Film