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Foto: Darren Brade

Alles geht

Text: Pamela Jahn Fotos: Polyfilm

Der ewige „Twilight“-Superstar Robert Pattinson ist dabei, sich zum soliden Schauspieler zu emanzipieren. In Josh und Benny Selfdies Genre-Melange „Good Time“ verkörpert er einen gehetzten Bankräuber, der vom Pech verfolgt wird. Ein Gespräch über Superhelden, Imagepflege und das Problem mit der Eitelkeit am falschen Fleck.

Gute Zeiten sehen anders aus: Gerade haben Connie (Robert Pattinson) und sein Bruder Nick (Benny Safdie) mehr schlecht als recht eine Bank überfallen und befinden sich auf der Flucht. Eigentlich sollte es gar nicht wieder so weit kommen, aber nachdem Nick von der garstigen Großmutter in eine Einrichtung für geistig Behinderte abgeschoben worden war, wusste sich Connie nicht anders zu helfen, als ihn da wieder rauszuholen und sich selbst um ihn zu kümmern. Nur musste dafür eben auch Geld her, und nun ist die Katastrophe nicht mehr aufzuhalten: Erst fällt Nick der Polizei in die Hände und landet schließlich im Krankenhaus. Dann scheitert Connie daran, die Kaution zu bezahlen, und auch jeder weitere Versuch, seinen Bruder zu befreien, geht dermaßen nach hinten los, dass der dilettantische Schmalspurganove irgendwann auf die Hilfe eines sechzehnjährigen Mädchens und eines Acid-Junkies angewiesen ist, die beide jedoch ihre ganz eigenen Sorgen haben.

Den eigentlichen Spaß haben in Josh und Benny Safdies Good Time vor allem die Zuschauer. Doch auch für Robert Pattinson scheinen die Dreharbeiten zum Film ein großes Vergnügen gewesen zu sein. Denn in erster Linie bekommt der 31-jährige Londoner hier einmal die Gelegenheit, sich richtig auszutoben und hartgesottene Twilight-Fans mit seinem Ganoven-Schmuddel-Look in blankes Staunen zu versetzen. Aufgekratzt, rastlos und mit wasserstoffgefärbten Haaren jagt er förmlich durchs Bild und ist damit das komplette Gegenteil zum gesetzten, vollbärtigen Henry Costin aus The Lost City of Z (2016), dem aalglatten Währungsspekulanten Eric Packer aus Cronenbers Cosmopolis (2012), oder Charles, dem „Anführer“, den Pattinson vor zwei Jahren in Brady Corbets gewagtem Regiedebüt The Childhood of a Leader mimte. Aber genau darauf kommt es dem einstigen Twilight-Helden heute an: Der Welt zu beweisen, dass auch in ihm ein würdiger Darsteller steckt, der Stamina hat und eine Ausstrahlung jenseits von Vampir-Romantik und Mädchenschwärmen. Das Vertrauen, dass die Safdie-Brüder in Good Time in ihn legen, zahlt sich zumindest aus: Ihr atemloser Mix aus Neo-Noir, Heist-Thriller und Gangsterdrama wirkt angesichts seines fiebrigen Hauptdarstellers bisweilen derart am Anschlag, dass einem angst und bange wird. Dass der Film dennoch irgendwann ermüdet, liegt dann auch keineswegs an dem bis in die Nebenrollen hervorragenden Ensemble, sondern ist allein einem Drehbuch geschuldet, das sich im zunehmenden Verlauf der chaotischen Handlung bedrohlich leer läuft. Pattinsons Krafteinsatz wird dadurch jedoch nicht geschmälert. Vielmehr freut man sich auch über den Abspann hinaus noch mit ihm, dass er das Risiko nicht scheut, aus dem Star, der er ist, einen Schauspieler zu machen, der bleibt.

Mister Pattinson, es war schön, einen Indie-Genre-Film wie „Good Time“ in diesem Jahr im Wettbewerb von Cannes zu sehn. Ihre Mitwirkung an dem Projekt war bei der Entscheidung sicher nicht unbedeutend.

Es ist schon komisch. Denn zunächst hieß es, der Film würde nicht im Wettbewerb laufen. Auf meine Frage, warum nicht, meinten alle: „Wir wollen dich nur schützen.“ Da bin ich fast an die Decke gegangen. So ein Quatsch. Ich muss nicht beschützt werden. Von niemandem. Ich finde es auch toll, dass der Film dann am Ende doch noch im Wettbewerb gelandet ist. Vor allem, weil es kein Genrefilm im herkömmlichen Sinn ist. Er fühlt sich nur so an.

Was macht den Film für Sie besonders?

Dass neben den üblichen Genreelementen eben auch eine ganze Menge sozialer Realismus darin steckt. Das hat man ja nicht so oft. Außerdem, denke ich, gelingt es den Safdie-Brüdern, Filme wie niemand sonst zu machen. Good Time fühlt sich für mich wie eine gesteigerte Form dieser Safdie-Spezialmischung an, angereichert mit ein bisschen Blade Runner oder so, um die Sache abzurunden.

Wie ist es eigentlich, wenn man als Schauspieler am Set plötzlich zwei Regisseure um sich hat, die obendrein Brüder sind?

Anstrengend! Nein, ganz im Erst, es war in dem Fall großartig, beider Regisseure zu haben, weil das die Energie noch einmal steigerte, die im Film steckt. Die beiden haben die ganze Zeit miteinander diskutiert und gestritten. Zudem kommt, dass Benny ja auch selbst im Film mitspielt, was die Sache nicht einfacher machte. Es war ein extrem chaotisches Set und alles musste super schnell gehen. Das treibt einen an. Da wird man als Schauspieler so mitgerissen, oder zumindest geht mir das so. Andererseits ist das Problem, wenn man zwei Regisseure hat, die auf einen einreden, dass dadurch auch die Angst zu Versagen ungleich größer wird, weil man versucht, auf beide Seiten gleichzeitig zu hören. Mit anderen Worten: Die Intensität am Set hat sich sicherlich auf meinen Charakter im Film übertragen ...

Vollständiger Artikel in der Printausgabe.


Good Time
Drama/Krimi, USA 2017 – Regie Josh Safdie, Benny Safdie
Drehbuch Ronald Bronstein, Joshua Safdie Kamera Sean Price
Williams Schnitt Ronald Bronstein, Benny Safdie
Production Design Sam Lisenco Musik Daniel Lopatin
Mit Robert Pattinson, Benny Safdie, Jennifer Jason Leigh, Barkhad Abdi
Verleih Polyfilm, 95 Minuten
Filmstat 3. November

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