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© Robert Frank und Albertina, Wien

Robert Frank

Text: Roland Schöny Fotos: Press

Er unternahm den bedeutendsten Road-Trip der Fotografie-Geschichte. Als Ergebnis dieser Reise durch die USA veröffentlichte Robert Frank 1959 das erzählende Fotobuch „The Americans“. Es ist durchzeichnet von Schwermut und Rissen im Alltag. Damit war der Blick auf die Gesellschaft durch das Auge der Kamera vollkommen neu definiert. Nun bringt die Albertina in Wien eine Retrospektive des großen Pioniers der realistischen Fotografie. 

Bis heute setzt Robert Franks großangelegte Bildreportage „The Americans“ Markierungen in der Bildkultur unserer Zeit. Sie formulierte neue Paradigmen für die Abbildung des Alltags im Medium der Fotografie. Es ist ein visueller Bericht über eine von Verstörung und Unsicherheit geprägte Gesellschaft, die – auseinandergerissen durch soziale Gegensätze – ihres oberflächlichen Glanzes beraubt ist. Viele der Porträtierten wirken vereinzelt und vom Leben ramponiert. Währenddessen haftet selbst Landschaften, Straßenzügen oder Stadtansichten etwas Trostloses an. Erst vor wenigen Jahrzehnten entstanden, beschreiben diese Fotoarbeiten, mit denen Robert Frank weltweit berühmt wurde, mittlerweile auch eine andere, vergangene Epoche. Um die wegweisende Wirkung des Werks aus dem Kontext seiner Entstehung heraus besser verstehen zu können, müsste man fast die Geschichte der visuellen Medien zurück kurbeln.

Der heute selbstverständlich gewordene Modus unentwegter Selbstinszenierung über massenhaft sozial geteilte Bilder, der seit Etablierung des Smartphones im Alltag um sich greift, lag noch in unvorstellbarer Ferne, als Robert Frank in den 1950er Jahren mit der Fotokamera nach einer Form suchte, ein aus seinem Blickwinkel gültiges Bild der Gesellschaft zu entwerfen. Im Gegensatz zu heute hatte die dem fotografischen Bild innewohnende Botschaft als Aussage über unsere Gegenwart eine wesentlich grundsätzlichere und nachhaltig prägende Wirkung.

Hochkonjunktur der Bild-Reportage

Es war dies die Blütezeit der qualitativ hochstehenden Foto-Reportage, während sich das Fernsehen als Konkurrenzmedium in den USA und den westlichen Industrienationen erst langsam ausbreitete. Mit dem Beginn der Verwendung von Transistoren war es technisch gerade in Weiterentwicklung begriffen, als die Fotografie im Printsektor einen außerordentlichen Boom erlebte. Von Ausgabe zu Ausgabe eröffnete sie ihrem Publikum neue Welten.

Jedoch entsprachen Franks inhaltliche Vorstellungen und fotografischen Konzepte immer weniger dem Selbstbild der USA, außerdem glichen sie nicht jenem strahlenden Image, welches die tonangebenden Magazine im Großformat wie „LIFE“ in Amerika und „magnum – die Zeitschrift für das moderne Leben“ im deutschsprachigen Raum, transportieren wollten. So ähnlich wie die heute bloß auf schnelle Effekte und Info-Häppchen hingetrimmten Bilder des Online-Alltags wohl in ihm Abscheu erregen würden, so sehr haderte Frank zunehmend mit den Vorgaben genau jener Magazine, mit denen er zunächst noch die Zusammenarbeit gesucht hatte.

Dass er keine Aufnahme bei Magnum fand, hatte sowohl ästhetische wie auch menschliche Motive. Sicher scheint, dass Frank einen Widerwillen dagegen empfunden hatte, Stories zu fotografieren, die einer ganz konventionellen Dramaturgie folgen. Wie im Buch „The Americans“ für die damaligen Verhältnisse radikal auf die Spitze getrieben, konzentrierte sich Frank zunehmend auf Details, die seine Kollegen im Hintergrund belassen hätten. Darin lenkte er den Blick auf Bänder im Haar, auf Falten im Gesicht, zeigte Hoffnungslosigkeit in den Augen, fotografierte Präsidentenporträts in einer Bar in Detroit oder fokussierte einen aufgepflockten Briefkasten im Vordergrund einer Landschaft in Nebraska, während anderswo die Zapfsäulen einer Tankstelle wie vereinsamte Figuren eines Brettspiels herumstehen. Auf diese Weise begann Frank in seinem ersten zentralen Projekt bis dato übliche Muster der visuellen Inszenierung zu durchbrechen.

Widersprüche der Fashionfotografie

Der Beginn der Laufbahn des 1924 in Zürich geborenen Robert Frank fiel in die Zeit des Zweiten Weltkriegs. Vor dem Hintergrund seiner jüdischen Herkunft aber hatte er sich wegen der zögerlichen Haltung der Schweiz bei der Ausstellung der Staatsbürgerschaft, sowie auch der unklaren Politik der Eidgenossenschaft gegenüber dem NS-Regime im Jahr 1947 endgültig entschlossen, in die USA auszuwandern. Mit einer Reihe von Empfehlungen ausgestattet, arbeitete Frank in New York anfangs für prominente Zeitschriften wie „LIFE“, „Look“, „Fortune“, für das Modemagazin „Harper’s Bazaar“ oder für „VOGUE“. Daraus wiederum resultierten Aufträge, die ihm sogar Reisen durch Bolivien, Peru, Italien, Südfrankreich oder England ermöglicht hatten.

Doch nur die äußeren Koordinaten deuten auf die Leiter des Erfolgs. In der Schweiz mental heimatlos geworden, und in den USA allem Anschein nach noch nicht wirklich angekommen, bleibt Franks Sicht auf die Welt kritisch distanziert. Während er als Reaktion auf seinen Stil aus der Art Direktion von „Harper’s Bazaar“ vernehmen musste, seine Arbeit sei zu analytisch und ernsthaft, steigerte sich seine eigene Skepsis gegenüber einer allzu affirmativen Auffassung seines Berufs. Für den Fashion-Bereich konstatierte er, in der Modefotografie gehe es letztlich doch nur ums Geld.

Diesem evidenten Widerspruch zwischen künstlerischem Wollen und kommerziellen Vorgaben, der sich da pointiert zuspitzte, würde kaum irgend etwas Besonderes anhaften, wäre er nicht Ausdruck eines allgemeinen politischen Trends gewesen. In der rigiden Nachkriegsgesellschaft zur Zeit des Kalten Krieges und der lautstarken Jagd auf echte oder vermeintliche Kommunisten unter Senator Joseph McCarthy sollte das veröffentlichte Bild eine positive Atmosphäre vermitteln und strahlend in die Zukunft hineinwirken ...

Vollständiger Artikel in der Printausgabe.

 

Robert Frank
Albertina , 25. Oktober. 2017 – 21. Januar 2018
Albertina, Albertinaplatz 1, 1010 Wien
Dialogführung – 17. Jänner 2018 | 17.30 Uhr
Walter Moser, Kurator der Ausstellung gemeinsam mit Michael Loebenstein, Direktor des Österreichischen Filmmuseums
www.albertina.at

Die Amerikaner. Fotografien von Robert Frank
Steidl Verlag, Göttingen 2008
Robert Delpire 1958
Grove Press 1959

Robert Frank. Photographs
Parkett/Der Alltag Publishers. Zürich 1989

Essays über Robert Frank
Herausgegeben von Martin Gasser, Urs Stahel, Peter Pfrunder und Thomas Seelig
Steidl Verlag, Göttingen 2005

Don’t Blink - Robert Frank
Biografie, Dokumentation. Frankreich, Kanada, USA 2015
Regie: Laura Israel, 82 Minuten.
Filmstart: 10. November 2017 

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