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Dennis Hopper © Wim Wenders / courtesy Schirmer/Mosel

Im Lauf der Zeit

Ein umfangreicher Bildband versammelt Polaroids aus der Jugendzeit des deutschen Regisseurs und Fotografen Wim Wenders. Eine Zeitreise in eine analoge Welt.

Als Filmemacher hat sich der gebürtige Düsseldorfer Wim Wenders, Jahrgang 1945, bereits in den siebziger Jahren einen Namen gemacht. Seine poetischen, mit filmhistorischen Zitaten aufgeladenen Porträts einzelgängerischer Figuren, die nicht selten in Großstädten auf der Suche nach sich selbst sind, gelten als essenzieller Beitrag zum Neuen Deutschen Film und zum Weltkino. So steht Wenders’ Handke-Verfilmung Die Angst des Tormanns beim Elfmeter (1972) ebenso im Rang eines Klassikers wie das in Schwarzweiß gehaltene Roadmovie Im Lauf der Zeit (1976). Das in den USA gedrehte Drama Paris, Texas (1984) genießt Kultstatus, und mit dem im geteilten Berlin spielenden Engelsmärchen Der Himmel über Berlin (1987) wurde Wenders bei den Filmfestspielen von Cannes als Bester Regisseur ausgezeichnet. Spätere Spielfilme wurden von der Kritik zwar eher durchwachsen aufgenommen und stellenweise als prä-tentiös kritisiert, doch konnte Wenders dafür Erfolge in anderen Genres verbuchen – beispielsweise mit Musikvideos oder dem oscarnominierten, digital gedrehten Doku-Hit Buena Vista Social Club (1999). In den letzten Jahren ist Wenders zunehmend als Fotograf gefragt: Seine großformatigen Bilder wurden in Städten wie Paris, New York, Moskau, Berlin oder Shanghai präsentiert. In Wien gastierte Wenders 2012 auf Einladung der Galerie Ostlicht.
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        Senta Berger in The Scarlet Letter © Wim Wenders / courtesy Schirmer/Mosel

Anlässlich einer Ausstellung in der Photographer’s Gallery in London erscheint nun im renommierten Verlag Schirmer/Mosel ein umfangreicher Fotoband: „Sofort Bilder“ versammelt 403 Polaroids des jungen Wenders aus den siebziger und achtziger Jahren. Es sind Schnappschüsse, die auf Reisen oder am Rande der Arbeit entstanden, und die ein immenses Gespür für Atmosphäre vermitteln, egal ob sie die graue Skyline Hamburgs zeigen oder schäbige Hotelzimmer in New York. Naturgemäß sind es auch Bilder über das Filmemachen: Impressionistische Eindrücke von Drehorten sind ebenso zu sehen wie künstlerische Weggefährten, darunter Regisseur Sam Fuller, Kameramann Robby Müller oder die Schauspieler Dennis Hopper und Senta Berger. Einen Gastauftritt der besonderen Art absolviert Starfotografin Annie Leibovitz: Sie schenkte Wenders für dieses Buch sieben Aufnahmen, die 1973 während einer gemeinsamen Reise von San Francisco nach L.A. entstanden.
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        Selbstportait © Wim Wenders / courtesy Schirmer/Mosel

„Sofort Bilder“ ist ein Buch geworden, das ebenso als Biografie des Filmemachers funktioniert wie als Zeitreise, wozu nicht zuletzt die verwaschenen Farben und die Räudigkeit des Materials beitragen. Dazu gesellen sich 36 von Wenders verfasste und mit schönen Titeln wie „Tote rauchen nicht“ oder „Mit den Flügeln des Hermes“ versehene Kurzgeschichten, in denen der Autor auch skizziert, was ihn am Medium Sofortbild reizte: „Polaroids zu machen war Teil eines Vorgangs des ,Besitzergreifens‘, wie die Skizzen eines Malers oder die Notizen eines Schriftstellers.“ So fotografierte der junge Cineast in jener fernen Zeit vor YouTube Filmszenen von Fernsehgeräten ab. Dass der Band – der übrigens Peter Handke gewidmet ist – nicht Gefahr läuft, sich in Nostalgie und Verklärung zu verlieren, ist auch ein Verdienst der Texte, die mittels bildphilosophischer Überlegungen eine Brücke in die Gegenwart bauen: „Photographieren und Leben, das hängt eng zusammen, ist kaum voneinander zu trennen. Was sich beim einen verändert hat, wirft ein Licht auf das andere. Zum Beispiel hob man damals eine Kamera vors Auge, um dann durch den Sucher zu schauen. Jetzt halten wir das Gerät, meistens ein Smartphone, eine Armlänge von uns weg und schauen auf einen kleinen Bildschirm, nicht mehr auf das Objekt selbst.“ Flüchtige Momente: Wenders hat ihnen hier ein Denkmal gesetzt.


Wim Wenders – Sofort Bilder
403 Polaroids und die Geschichten dazu
Mit sieben Photographien von Annie Leibovitz
320 Seiten, 435 Farbabbildungen
Format: 24,5 x 29 cm, gebunden.
Schirmer/Mosel, München 2017.
€ 51,20


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