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Spaß und Schrecken in der Provinz

Ist es eine Komödie? Ist es eine Tragödie? Ist es eine gnadenlose Abrechnung mit Allem und Jedem „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ von Martin McDonagh definiert den Platz zwischen den Stühlen neu.

Etwas ausserhalb des Ortes gammeln sie, lange schon ungenutzt, vor sich hin: Jene drei Plakatwände, die eines Tages einen Geistesblitz aussenden, der in das Gehirn von Mildred Hayes fährt, deren Haus auf dem Hügel gleich dahinter liegt. Beinahe täglich mindestens zwei Mal führt Mildreds Weg an den Werbetafeln vorbei und man kann sich vielleicht ein bisschen darüber wundern, dass es so lange gedauert hat, bis ihr der Gedanke an ihre Nutzung kam. Aber jedenfalls steht sie nun mit entschlossener Miene im Büro des Werbeagenten und tut kund zu wissen, dass sie die Tafeln zu mieten gedenkt und was auf ihnen zu lesen stehen soll. Mit wachsender Beunruhigung und zunehmendem Ungemach sieht der junge Mann die ruhige Kugel, die er bis dahin in seinem Büro geschoben hat, davonrollen – wie sich herausstellen wird: für immer.

Denn Mildred Hayes lässt inmitten des kleinen, im US-amerikanischen Bundesstaat Missouri gelegenen Gemeinwesens Ebbing eine Bombe platzen und stellt, ein Jahr nach der Ermordung ihrer Teenager-Tochter Angela, die folgende unbequeme Frage in den öffentlichen Raum:

„Raped while dying – and still no arrests – how come, Chief Willoughby?“

Verteilt auf drei Plakatwände drei schallende Ohrfeigen mitten ins Gesicht des Polizeichefs, eines hoch angesehenen Mannes, der zudem tödlich an Krebs erkrankt ist und damit bis zu seinem Ableben quasi sakrosankt.

Dass Mildred in ihrem Zorn und Schmerz darauf keinerlei Rücksicht nimmt, wird einerseits als Chuzpe der Obrigkeit gegenüber gewertet und andererseits als pietätlos verurteilt. Das großflächig schwarz auf rot plakatierte „J’accuse!“-Triptychon macht lokal wie überregional Schlagzeilen, findet Eingang in die Fernsehnachrichten, sorgt für Aufruhr unter den Nachbarn, spaltet die Gemeinde, ruft sowohl wohlmeinende wie übelwollende Ratgeber von nah und fern auf den Plan. Ja, es lässt sogar den Pfarrer herbeieilen, der zu Ordnung und Mäßigung aufruft, vor allem aber zu Nachsicht und Vergebung mahnt. Und der von Mildred mit einer flammenden, antiklerikalen Rede und unter Verweis auf Ministrantenmissbrauch und Arschfickerei vom Hof gejagt wird.

Ebensowenig wie Mildred Hayes sich befrieden lassen will und zurückkehren zur Rolle der stillen (Er-)Dulderin der ihr von Gott und der (ungerechten) Welt auferlegten Prüfungen, ebensowenig wird Martin McDonagh, Autor und Regisseur von Three Billboards Outside Ebbing, Missouri, seinen Film in ruhigeres Fahrwasser münden lassen, um endlich versöhnliche Lösungen der zuvor geschürten Konflikte anbieten zu können. Wobei, man könnte es natürlich versöhnlich finden, wenn einander zuvor feindlich Gesonnene sich gemeinsam aufmachen, um Selbstjustiz zu üben; irgendeiner hat schließlich immer Dreck am Stecken und verdient die dafür angemessene Strafe ...

Man ahnt schon, Three Billboards Outside Ebbing, Missouri ist ein Rundumschlag, der nichts und niemanden ungeschoren davonkommen lässt. Ausnahmslos alle bekommen hier ihr Fett weg, die Gerechten wie die Ungerechten wie die Selbstgerechten, und ohnehin werden ständig die Rollen gewechselt, fluktuieren und schillern die Figuren – so wie der ganze Film zwischen den Genres hin und her irrlichtert, sich erst anschickt wie eine Komödie, eine schwarze, tiefschwarze, immer rabenschwärzere, um sodann das weite Feld vom Grand Guignol bis zur Gesellschaftssatire mit Sperrfeuer zu bestreichen. – In Deckung! Rette sich wer kann! – Doch wann immer so etwas wie Ruhe einkehrt auf dem Schlachtfeld, wirft die Komödie ihre Tarnung ab, gibt sich als Sittenbild zu erkennen und auf tritt das, drücken wir es einmal so aus: forschende Interesse an der Gewalttradition im US-amerikanischen Outback.

Zungen, scharf wie Rasierklingen, werden geschwungen wie Schwerter, bilden Sätze, die, regelrecht abgefeuert, ins Schwarze treffen wie Pfeile. Blut fließt, Knochen splittern, Hirn spritzt und Fleisch verkohlt, während so mancher Zuschauer vom Sessel rutscht vor Lachen, jenem Lachen, das dem daneben gerade im Halse stecken bleibt. Wie geht das zusammen? Geht es überhaupt? Ist es Entscheidungsschwäche oder künstlerische Finesse, die hier in atemberaubendem Tempo atemberaubende Stilbrüche herbeizwingt und dann so tut, als sei dies alles ganz normal und als ginge es in und um Ebbing zu wie im wirklichen Leben? ...

Vollständiger Artikel in der Printausgabe.

 

THREE BILLBOARDS OUTSIDE EBBING, MISSOURI 
Drama, GB/USA 2017 – Regie, Drehbuch
Martin McDonagh
Kamera Ben Davis Schnitt Jon Gregory Musik Carter Burwell
Produktionsdesign Inbal Weinberg Kostüm Melissa Toth
Mit Frances McDormand, Sam Rockwell, Woody Harrelson, 
Peter Dinklage, Abbie Cornish, John Hawkes
Verleih Centfox, 115 Minuten
Kinostart 26. Jänner 2018

 

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