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Eva-Maria Schaller Vestris 4.0

Brush your Dance

Das imagetanz Festival beschätigt sich dieses Jahr thematisch mit „Reflections“: Hochtechnisierte und digitale Welten, dystoptische Potenziale und gesellschaftliche Spannungs-felder werden reflektiert und transformiert.

Von 2. bis 24. März kann man beim alljährlichen imagetanz Festival wieder hautnah einen Reigen an spannenden Performances und ausgefeilten Choreografien erleben. Das Festival-Plakat zieren die Köpfe diverser Zahnbürsten-Modelle im Halbprofil. Wird damit eudämonologisch der Beginn einer neuen Cleanliness in der Performancekunst angedeutet, auf die Körperlichkeit uns viel zu vertrauter Alltagsgegenstände hingewiesen oder die Bedeutung von wiederkehrenden Ritualen mittels Industriedesign-Fotografien verdeutlicht? Man findet vielleicht Antworten auf Fragen wie diese, indem man das imagetanz Programm gegen den Strich bürstet und umgekehrt chronologisch begutachtet.

Die vinylfreie Abschlussparty wird von Yolo Ferrari im Club U unter dem Motto „Und jetz lass ois los“ zelebriert, feuchte Augen und Achseln inklusive. Ein mögliches Highlight findet davor im brut im Dschungel Wien statt. Die internationalen Gastspiele stehen heuer am Ende und am Anfang des Festivals, und mit „Dance To Dance To“ wird der norwegische Choreograf Ludvig Daae poppig-glamouröse, retro-futuristische Coolness inszenieren (siehe exklusives FAQ Interview). Basierend auf dem Stück „Dance To Dance To“ erarbeitete Daae im Dezember 2017 übrigens auch mit dem schwedischen Cullbergbaletten eine Choreografie für das Nobelpreis-Bankett in Stockholm.

Eine von fünf Premieren lokaler Kunstschaffender kommt von Eva-Maria Schaller. Das Projekt „Vestris 4.0“ unternimmt den Versuch, dem Tanzstück Vestris vom systemkritischen russischen Ballett-Choreografen Leonid Yacobson aus dem Jahr 1969 die historische Maske abzunehmen und sie ins Heute und den Container-Raum des WERK X-Eldorado zu übersetzen.

Die in Wien und Berlin arbeitende Miriam Sögner widmet sich in ihrem neuen Solo „RAYS – A Performative Encounter with Radiation“ der elektrifizierten Luft. Sie möchte körperlich erfahrbar machen, was unser Umfeld unsichtbar durchsetzt: WiFi-Signale, elektromagnetische Felder unserer Smartphones, die Strahlungen von Computern und Netzteilen. Sara Lanner, die letztes Jahr in einem Stück von Anne Juren zu sehen war bringt nun ihre neue Performance „Guess What“ zur Uraufführung. Die freischaffende Choreografin, Tänzerin und Performancekünstlerin untersucht das Einnehmen von Standpunkten und Formen von physischer Repräsentation im Raum. Momente fluider Identität werden gebildet, fragile Prozesse und körperliche Identitäten konstruiert.

Die Tanzcompany Hungry Sharks ist bei imagetanz 2018 mit ihrer neuen Arbeit „the Sky above, the Mud below“ zurück und zeigt ein urbanes Tanzsolo von Farah Deen. Die Hip-Hop-Tänzerin erforscht in ihrem einstündigen, autobiografischen Solostück ein Weltbild, welches den Mann als menschliche Norm definiert und setzt es in ein gesellschaftliches Spannungsfeld zum Frausein.

Die fünfte Premiere eines lokalen Stückes stammt von Magdalena Chowaniec und Valerie Oberleithner und verhandelt das Thema Internetsucht. Vier junge Menschen haben über Monate hinweg untereinander ihre Gefühle zum fortwährenden Kampf gegen die Technologiesucht ausgetauscht. So konnten Praktiken zur Selbstermächtigung und Selbstheilung entwickelt werden, der choreografische Prozess wurde in eine Art Therapie verwandelt: „iChoreography“.

Am Anfang des imagetanz Festivals steht neben der Eröffnungsparty mit dem ersten all black female DJ & MC Kollektiv Bad&Boujee das britische Performanceduo Lone Twin. Sie feiern ihr zwanzigjähriges Bühnenjubiläum mit ihrem „Last Act of Rebellion“. Zwei männliche Mittvierziger tanzen zu einer Playlist von künstlerischen Weggefährten. Jeder befreundete Künstler hat zu einem Song der Playlist eine Choreografie erdacht, es entstand eine Serie von skurrilen Tanzduetten.

Im Rahmen von imagetanz gibt es auch heuer wieder Einblicke in werdende Performancestücke. „Handle with care“ Studiobesuche führen zu Stücken von Veza Fernández, Hugo Le Brigand und Zoë Schreckenberg / Chris Ludwig.

 

Ludvig Daae is an upcoming Norwegian dancer and choreographer, educated at the Royal Swedish Ballet School in Stockholm and P.A.R.T.S. in Brussels. His works have been presented all over Europe. Michael Franz Woels talked with him about his latest piece „Dance To Dance To“, that he is currently touring with.

The motto of the imagetanz festival this year is "Reflections". What are your associations concerning this topic? Is it a relevant aspect in your works in general?

The theme of this year's festival fits very well with the starting point for "Dance To Dance To". With the piece, I wanted to reflect on the history of dance, by making my own version of the development of dance in the western world. To challenge our perception and understanding of high culture and low culture, I imagined a universe where 1970's disco dancing was the backbone and starting point for ballet. One could say that the piece reflects on society today by showing the arbitrariness of history. With a new dance history comes new definitions of composition, development, dramaturgy, virtuosity etc. In my works in general, I normally reflect the present, and how society affects us. So looking backwards is rather new to me.

How would you describe your piece „Dance To Dance To“ that will be shown at imagetanz in Vienna? What are the inspirations and influences?

The piece I will show at imagetanz started from a place of wanting to challenge some of the conventions and compositional tools I have been taught and that are often found in staged dance. By diving into social dancing in general, and 1970’s disco dance in particular, my personal ideas about dramaturgy, virtuosity, use of the room, development, contrast and relations on stage as well as to the audience were thrown out the window. Being tired of my own taste and understanding of things is also what led me to do a remake of an already existing dance piece. Having Esmeralda Vasquez’ original ”Dance To Dance To” to constantly bounce off of and relate to was challenging and sometimes even scary, but also comforting and fun. By allowing the piece to be a remake, I could also shift the focus a bit from myself, the male choreographer and author of the work, and give some of the spotlight to someone else. But above all, my work is a dance piece about experiencing dancing.

What are your next projects?

My next project in called „High Onlife“, and it is a collaboration between film maker Joanna Nordahl and myself. We have collaborated before, most recently on the piece „HYPERFRUIT“. When we work together, we focus on the digital development of the world, and how this changes our communication and relationships. Film and dance blend, overlap and create new understandings of time and physical space. Where are the boundaries between physical and digital presence and communication? What happens now that our offline and online personalities are about to merge into one onlife? If everything goes according to plan, it will premiere in spring 2019. 

www.ludvigdaae.com

imagetanz Festival 2018
2. bis 24. März 2018
www.brut-wien.at

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