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Murer – Anatomie eines Prozesses

Der Horror der Provinz

Text: Bert Rebhandl Fotos: Press

Die Diagonale 2018 wirft mit mehreren Filmbeiträgen und Programmen einen kritisch-politischen Blick auf die österreichische Vergangenheit. Ein weiterer Schwerpunkt ist den Gebieten abseits der Städte gewidmet.

Dem ehemaligen hochrangigen NS-Funktionär Franz Murer – einem gebürtigen Österreicher – wurde zweimal der Prozess gemacht. Einmal im Jahr 1948 in Vilnius (Litauen, damals Teil der Sowjetunion), wo man ihn zu 25 Jahren Zwangsarbeit wegen maßgeblicher Beteiligung an der Ermordung zahlreicher Juden verurteilte. Als Österreich 1955 von den Besatzungsmächten in die staatliche Freiheit entlassen wurde, wurde Murer in seine Heimat überstellt, wo ihn die Behörden ihn Ruhe ließen, bis er auf Intervention von Simon Wiesenthal doch noch einmal vor Gericht gestellt wurde. Dieser zweite Prozess fand 1963 in Graz statt. Er wurde zu einem Skandal, nicht nur, weil Murer freigesprochen wurde, sondern auch, weil sich hier ein verstocktes Österreich zu erkennen gab, das aus der historischen Erfahrung des Nationalsozialismus keinerlei Schlüsse gezogen hatte.

Der Filmemacher Christian Frosch hat den Fall Murer nun aufgegriffen, indem er eine Rekonstruktion des Verfahrens von 1963 versucht. Mit Murer – Anatomie eines Prozesses wird die Diagonale 2018 eröffnet. Für das jährliche Festival des österreichischen Films ist dieser Auftakt in mehrfacher Hinsicht beziehungsreich, nicht zuletzt wegen der Stadt Graz, in erster Linie aber wegen seiner geschichtspolitischen Implikationen. Durch den Regierungseintritt der FPÖ steht einmal mehr das Verhältnis des Landes zu seiner Geschichte auf dem Prüfstand. Ein Filmfestival steht somit auch vor der Aufgabe, Proben auf diese Verhältnisbestimmung zu nehmen ...

Vollständiger Artikel in der Printausgabe.

Diagonale
Festival des österreichischen Films
13. März bis 18. April 2018, Graz
 

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