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Back Down Memory Lane

Text: Pamela Jahn Fotos: Filmladen

Stationen einer Reise: Gemeinsam mit dem Streetart-Künstler JR durchquert Agnès Varda, die Grande Dame des französischen Autorenkinos, in „Visages Villages“ ihre Heimatlande, um Neues zu finden und sich an Vergangenes zu erinnern.

Mit dem Zufall ist das so eine Sache: Meistens tritt er ein, wenn man ihn gerade am wenigsten braucht. Und selten ist er so glücklich, wie Agnès Varda ihn im Laufe ihres mittlerweile 89-jährigen Lebens kennen und schätzen gelernt hat. „Der Zufall“, sagt sie mit angemessener Beiläufigkeit, „war immer mein bester Assistent.“ Das klingt in dem Moment fast so, als hätte die Künstlerin, die einst von der Theaterfotografie zu den bewegten Bildern kam, mit Fortuna wie Faust mit dem Teufel einen unverbrüchlichen Pakt geschlossen, gegen den auch ihr Anfang dreißigjähriger Fotografenfreund, der Urban Art Shooting Star JR, dem sie diesen Satz entgegenbringt, nichts auszurichten weiß. Günstige Umstände und ihr außergewöhnliches Gespür für Menschen und ihre Umgebungen hatten Varda bereits 1954 dazu geführt, mit einem minimalen Budget und so gut wie keiner Kinoerfahrung ihren ersten Langfilm La Pointe Courte zu drehen. Und es ist im Grunde dieselbe Mischung aus Fügung und Kalkül, die auch Visages Villages seinen ganz besonderen Charme verleiht. Mit einem eigens von JR konstruierten Fotomobil (einer Foto-Kabine auf Rädern, die vor Ort groß angelegte Porträts druckt) machen sich Varda und ihr Ko-Regisseur auf den Weg auf und ab durch die französische Provinz, von der Provence bis zur Normandie, stets auf der Suche nach Gesichtern und Geschichten, die dem ungleichen Paar würdig erscheinen, von JR und seiner Crew als riesige Fotomontagen auf Häuserfassaden, Scheunen, Container und Mauerwände plakatiert zu werden.

Während der agile Streetart-Künstler in dieser ungewöhnlichen Arbeitsgemeinschaft ohne Frage am meisten Hand anlegt, ist Varda auf ihre ungeniert resolute Art diejenige, die die Richtung vorgibt und ihre gemeinsamen Ziele bestimmt, geleitet von den endlosen Erinnerungen ihres reichen Lebens. Dazu gehören ihre Freundschaft zu Henri Cartier-Bresson und Martine Franck ebenso wie Fotos und andere Denkwürdigkeiten aus vergangenen Zeiten, wie damals in den sechziger Jahren, als sie gemeinsam mit Jean-Luc Godard und Anna Karina einen Kurzfilm drehte, oder der Fotograf Guy Bourdin sich nackt für ihre Fotos in Pose stellte. Aber auch die Leute von Heute haben es Varda angetan. Von Briefträgern und Fabrikarbeiten zu Landwirten und Ziegenbauern, über eine hübsche Bedienung im Café bis hin zu der letzten Bewohnerin eines Straßenzugs in einem ehemaligen Bergbaugebiet – sie alle werden großformatig in ihrer Umgebung festgehalten, um sie mit dem Hier und Jetzt in Beziehung zu setzen und gleichzeitig Varda selbst ihren größten Wunsch zu erfüllen: „Die Gesichter zu fotografieren, denen ich begegne, damit sie nicht durch meine Gedächtnislücken fallen.“

Außenseiter, Randpersonen, vor allem Frauen, haben Varda seit jeher fasziniert und deshalb verwundert es nicht, dass auch dieser Film viel von ihnen spricht, ihnen eine eigene Stimme verleiht und Raum zum Denken schafft ...

Vollständiger Artikel in der Printausgabe.

 

VISAGES VILLAGES /AUGENBLICKE: GESICHTER EINER REISE
Dokumentation, Frankreich 2017 – Regie Agnès Varda, JR
Drehbuch Agnès Varda Kamera Romain Le Bonniec, Claire Duguet,
Nicolas Guicheteau, Valentin Vignet Schnitt Maxime Pozzi Garcia
Musik Matthieu Chedid
Verleih Filmladen, 90 Minuten
Kinostart 31. Mai

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