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Club Robot

Über die Parallelen und vor allem die Unterschiede der genialen Hacker-Serie „Mr. Robot“ und David Finchers Paranoia-Thriller „Fight Club“.

Sehen wir die Realität, wie sie ist? Das ist die Kernfrage, die Mr. Robot stellt, auf mal verspielte, mal verschrobene, mal kluge Weise, jedenfalls immer wieder aufs Neue. Je mehr Emotion ins Spiel kommt, so weit können wir wohl alle zustimmen, desto zweifelhafter wird die Antwort. Die Realität eines Konflikts unter Arbeitskollegen, nur zum Beispiel, kann sein: Der jeweils andere ist schuld. Das sind dann schon zwei verschiedene Realitäten. Schauen Kollegen von außen auf diesen Konflikt, parteilich oder unparteilich, kommen noch mehr Realitäten dazu. Anders gesagt: Je weniger wir fähig sind, aus unseren eigenen Gefühlen und Befindlichkeiten herauszutreten, desto eher sehen wir nur unsere eigene Realität – egal wie sie wirklich ist.

Mr. Robot, erstausgestrahlt auf dem Kabelsender USA Network, hebt dieses Phänomen auf einen seltenen Level, womöglich auf einen im horizontal-seriellen Erzählen ungekannten. Die von Sam Esmail kreierte Serie steht auf einer faszinierend wackeligen Grundsäule. Die Hauptfigur, zugleich der Off-Erzähler, ist ein nervenkrankes, drogenaffines Hacker-Genie. Elliot Alderson heißt er, gespielt wird er von Rami Malek, und sein Hauptmerkmal ist, dass er eine durch und durch unzuverlässige Erzählinstanz darstellt, denn er leidet an einer dissoziativen Persönlichkeitsstörung. Nichtsdestoweniger haben wir uns in der ersten Season, als er sich allmählich als Anführer einer Revolution gegen den digitalen Kapitalismus herausschälte, mit ihm zu identifizieren gelernt; sind in der zweiten Season, als er immer tiefer in die eigenen Abgründe tauchen musste und von immer nagenderen Selbstzweifeln erfüllt war, ein dunkles Stück des Weges mit ihm gegangen. Und nun, in Season drei, quälen ihn Gewissensbisse. Der Fallout seiner Revolution – vorläufig gipfelnd in einem später als Five/Nine bekannt gewordenen Terrorakt gegen die Server der E Corp bzw. im Hackerjargon Evil Corp – wird ihm bewusst. Am liebsten würde er die ganze Sache abblasen. Aber Elliot, Mr. Robot-Seher wissen es, ist eben nicht nur Elliot.

Spoiler-Warnung

Die dritte Season von Mr. Robot beginnt mit einer eindrucksvollen Kamerafahrt, die unübersehbar den Anfang von Fight Club zitiert. Die Kamera blickt auf Whiterose / Mr. Zhang (B.D. Wong), den Transgender-Führer der chinesischen Hackergruppe Dark Army, hier in seiner offiziellen Funktion als Staatsminister der Volksrepublik China. Nachdem Zhang seinem Assistenten mit blumigen Worten die Ingenieurleistung von Elliots Vater deutlich gemacht hat, fährt die Kamera zurück und gibt ein großes Bullauge frei, vollführt eine 90-Grad-Drehung und durchmisst in anschwellendem Tempo rückwärts die Röhren eines Kernkraftwerks, bis sie kaleidoskopisch rotierend im Auge unseres Helden ankommt.

Auch der geheime Ursprungsort des revolutionären Geschehens in Mr. Robot weist eine gewisse Ähnlichkeit mit jenem von Fight Club (1999) auf: In Finchers einst heftig umstrittenem Thriller ist es der grindige Keller eines Lokals, der Robot Club der anarchischen Hackergruppe Fsociety befindet sich in einer stillgelegten Spielhalle, und statt der Fäuste fliegen die Codes. Einmal sagt Elliot, und es könnte aus dem Mund des namenlosen Fight-Club-Helden stammen: „I could just go back to my new TV and Ikea-Furniture. What‘s wrong with me?“; ein andermal wird in Mr. Robot sogar der finishing song von Fight Club paraphrasiert, in welchem die Pixies fragen: „Where is my mind“ ...

Vollständiger Artikel in der Printausgabe.

 

MR. ROBOT
Thrillerserie, USA seit 2015
Idee
Sam Esmail Regie Sam Esmail u.a. Drehbuch Sam Esmail,
Randolph Leon, Adam Penn, Courtney Looney u.a.
Mit Rami Malek, Carly Chaikin, Portia Doubleday, Christian Slater,
Martin Wallström, Stephanie Corneliussen, Michael Cristofer,
Grace Gummer, BD Wong u.v.a.
Episodenlänge 45-50 Minuten
S1-3 auf Disc bei Universal Home Entertainment
 

Tags:

  • Fotos: Universal Home Entertainment
  • Issue: 47
  • Keywords: Film