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Hedy Lamarr © Reframed Pictures

Geschichte einer Verhinderung

„Bombshell: The Hedy Lamarr Story“ von Alexandra Dean erzählt von den vielen Möglichkeiten einer Frau hinter der Behauptung einer Projektion.

Es gibt mehrere Antworten auf die Frage, wer Hedy Lamarr war.
Eine lautet: Ein Filmstar, bedeutend vor allem in den 1940er Jahren, vermarktet von MGM, dem Hollywood-Studio, bei dem sie unter Vertrag stand, als „schönste Frau der Welt“. Eine andere: Das junge Ding, das in diesem uralten Film nicht nur vollkommen nackig schwimmen ging, sondern deren Gesicht wenige Szenen später auch die titelgebende Ekstase, sexueller Natur natürlich, abbildete. Dritte Möglichkeit: Eine skandalaffine Lebedame, der zahlreiche Affären auch mit Frauen nachgesagt wurden, die sechs Mal verheiratet war, die zwei Mal beim Ladendiebstahl erwischt wurde und die dem drohenden Alter mit Hilfe zahlloser „Schönheits“-Operationen zu entkommen suchte, solange, bis nichts mehr zu retten war. Weitere Möglichkeit: Eine dieser ehemals glamourösen Diven, die sich aus der Öffentlichkeit schließlich zur Gänze zurückziehen, die auf unscharfen Bildern wesen, von denen gerüchteweises gemunkelt wird und die möglicherweise lange schon tot sind.

Die erste Antwort aber müsste lauten: Hedy Lamarr war die Erfinderin eines Frequenzsprungverfahrens vermittels dessen Torpedos auf verschlüsselten Funkkanälen gesteuert werden konnten. Sodann ließe sich ergänzen, dass auf dieser Erfindung weite Bereiche unserer modernen Kommunikationstechnologie (WiFi, GPS, Bluetooth) fußen sowie selbstverständlich jede Menge militärischer Anwendungen. Abschließende Fragen: Wem mag diese Antwort wohl tatsächlich als allererste einfallen? Und wer mag sie ohne Mühe zur Deckungsgleiche bringen, die glamourös schimmernde Sexgöttin und den weiß bekittelten Erfindergeist?

Bombshell: The Hedy Lamarr Story ist angetreten, diesen Missstand zu beheben. Soll heißen, Lamarrs unbestreitbare Verdienste im Vergnügungssektor um ihre, historisch gesehen, sehr wahrscheinlich doch um einiges bedeutenderen im Bereich der Wissenschaft zu ergänzen. Zwar ist Alexandra Deans Dokumentarfilm nicht der erste, der dies unternimmt – schon 2004 beleuchtete der Österreicher Georg Misch mit seinem essayistischen Porträtfilm Calling Hedy Lamarr die bis dato eher verschattete Seite der Diva –, doch gelingt es ihm, das Thema zu öffnen und das Beispiel Lamarr als paradigmatische Studie für das Dilemma der schönen Frau im 20. Jahrhundert zu behandeln.

Dabei wendet Dean das klassisch-konventionelle Dokumentarfilmverfahren an: Talking Heads im Wechsel mit illustrierenden Bildern rufen die Vergangenheit wach: Stationen einer Biografie, die chronologisch geordnet dargeboten wird; Familienmitglieder steuern ihre Erinnerungen bei, Wissenschafts- und Filmhistoriker nehmen Einschätzungen vor, Fans geben ihrer Bewunderung Ausdruck, dazu gesellen sich in fließender Montage Archivaufnahmen und Originaldokumente, Musik wird moderart eingesetzt und bleibt dezent im Hintergrund. Insgesamt und zum großen Glück widersteht Dean der Versuchung, die zahlreichen Widersprüche und Brüche glätten oder auflösen zu wollen, die das abenteuerlich turbulente Leben der Lamarr durchziehen. Statt Zielgerichtetheit zu suggerieren, wo keine war, gelingt ihr damit vielmehr ein Bild in der Fläche, das zeigt, wie dieses Leben, aufgespannt zwischen den beiden Polen Hollywood-Göttin und Daniel Düsentrieb, eine geradezu unüberblickbare Reihe von Anspielstationen fand. Es ist dies ein Bild, das einer durchschnittlichen menschlichen Existenz hienieden, die bekanntlich mehr dem Chaos denn der Sinnhaftigkeit gehorcht, äußerst angemessen ist. Soll heißen: Ordnung ergibt sich immer erst in der Rückschau, und Ordnung wird hier nicht gesucht, weil sie dem Gegenstand nicht gerecht wird ...

Vollständiger Artikel in der Printausgabe.


GENIALE GÖTTIN – DIE GESCHICHTE VON HEDY LAMARR /
BOMBSHELL: THE HEDY LAMARR STORY
Biografie, Dokumentation, USA 2017
Regie, Drehbuch Alexandra Dean Kamera Buddy Squires, Alex Stikich
Schnitt Alexandra Dean, Penelope Falk, Lindy Jankura
Musik Jeremy Bullock, Keegan DeWitt
Verleih Polyfilm, 88 Minuten
Kinostart 31. August 2018

 

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