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Dives, Foto: Tina Bauer

Mit Pop gegen den Mainstream

Text: Shilla Strelka Fotos: Press

Das Popfest Wien bietet der heimischen Musikszene von 26. bis 29. Juli wieder eine Open-Air-Bühne am Karlsplatz. Die stilistische Vielfalt wird durch so unterschiedliche Genres wie Gitarrenrock, Rap oder Wiener Lied abgebildet.

Jedes Jahr pilgern tausende Musikbegeisterte zur Karlskirche, um Musik unter freiem Himmel zu erleben. Mittlerweile zum neunten Mal darf sich die lokale Szene hier selbst feiern. Und das ist durchaus berechtigt. Das Line-up trommelt dieses Jahr Musiker und Musikerinnen zusammen, die nicht auf oberflächlichen Glamour setzen, sondern dem Störrischen und Schwermütigen Platz einräumen. Mit durchschnittlich 60.000 Gästen ist das Popfest ein Prestigeprojekt der Wiener Kulturpolitik. Es möchte Anlaufstelle für ein breites Publikum sein, lockt mit gratis Eintritt dazu, Neues zu entdecken. Viele sehen die Tage aber wohl auch als Chance, sich ohne viel Aha-Erlebnis einfach die volle Dröhnung zu verpassen. Der Standort verspricht großes Kino. Die Karlskirche ist seit Beginn Hintergrundkulisse für das viertägige Großevent, das die heimische Musikszene auf die Bühne bringt. Die Lage hat durchaus Symbolcharakter. Hier baut sich ein Festival im Umfeld von Konzerthaus, Oper und Musikverein auf und fordert Aufmerksamkeit für die (sogenannte) Populärkultur des Landes ein. Die jährlich wechselnden Kuratoren sind dabei gefordert, die Menge bei der Stange zu halten, aber auch über neue Acts und progressive Ansätze zu verständigen. Keine leichte Aufgabe. Brachte das letztjährige Festival mit Ana Threat und Eberhard Forcher eine Counterculture-Heroine und einen Ö3-Radio Veteranen zusammen, also zwei Köpfe, die eigentlich so überhaupt nichts gemeinsam zu haben schienen, so setzt man dieses Jahr wieder mehr auf Einigkeit.

Zwei Liebkinder der Szene

Tatsächlich könnte die Wahl des Kuratorenduos 2018 vielversprechender nicht sein. Mit Katharina Seidler und Nino Mandl wurden zwei treibende Kräfte der Wiener Szene engagiert, die beide Understatement groß schreiben und über dementsprechend hohe Sympathiewerte verfügen. Nino Mandl ist als der „Der Nino aus Wien“ einer der erfolgreichsten Vertreter am heimischen Musikmarkt, eine „Galionsfigur des Austropop“, wie „Die Zeit“ konstatierte. Man schätzt seine melancholischen Songs, in denen er über Rauschzustände, existenzielle Ängste und zehrende Sehnsucht sinniert. Authentizität ist dabei wichtiger als Perfektion. Mandls unverwechselbar kauzige Intonation, seine Wiener Schnauze und der zerknirschte Look zeichnen das Bild eines charismatischen Anti-Helden – eigenbrötlerisch, aber Projektionsfläche für alle, denen die Welt zuviel ist. Und das sind mehr als genug. Acht Mal war er schon für den Amadeus-Award nominiert, einmal hat er ihn mitgenommen. Auch am Popfest stand er schon oft der Bühne. Als man ihm die Co-Kuratierung vorschlug, musste der 31-jährige nicht lange überlegen: Freudig stimmte Mandl zu, diesen „Sommernachtstraum mitten in Wien“ selbst zu choreografieren. Auch Katharina Seidler wird von der Szene für ihr brennendes Engagement und ihre charmante Art geschätzt. Als Musikjournalistin hat sie über fast jeden nennenswerten heimischen Act bereits berichtet und dabei auch neue Talente aufgespürt. Seit sieben Jahren ist Seidler bei FM4 tätig und neben Thomas Edlinger und Fritz Ostermayer in der Sendereihe „Im Sumpf“ zu hören. Für den Falter filtert sie in ihrer wöchentlichen Club- und Veranstaltungskolumne „Katharinas Nachtwache“ die essenziellen Shows der Stadt und scheint so ziemlich alles am Schirm zu haben, was sich hier musikalisch tut. Vor drei Jahren durfte sie bereits das Electric Spring Festival kuratieren und hat dabei viel Lob eingeheimst. Ein Grund mehr, ihr auch diese Aufgabe zuzutrauen. Worüber das Kuratorenduo reichlich verfügt, ist jedenfalls Credibility. Mandl steht dafür, dass Authentizität und Pop kein Widerspruch sein müssen und Seidler hat ein unkorrumpierbares Gespür für gute Musik. Dementsprechend lässt sich auf ein Line-up, spekulieren das diese Haltung widerspiegelt – Musikerinnen und Musiker, die real sind, lieben, was sie tun und eben deshalb auch gut darin sind. Dass wir uns, wie jedes Jahr, auf ein breit gefächertes Angebot freuen dürfen, steht bereits fest.

„So sad, everyone is so sad“

Mit Naked Lunch und Kreisky werden zwei legendäre Formationen auf der Seebühne zu sehen sein. Hier treffen Lakonie und Weltschmerz auf Schmäh und Wortwitz, bittersüße Melodien auf verschrobene Texte. Naked Lunch gelten vielen als Gründerväter des lokalen Indie-Rock. In den 27 Jahren ihres Bestehens haben sie viele Krisen überwunden. Auch wenn sie schon oft abgetaucht und von der Bildfläche verschwunden sind, tauchen sie immer wieder auf, um zu begeistern. Der Naked-Lunch-Sound hat sich seit den Anfängen auch nicht wirklich verändert. Die Songs sind nach wie vor durchsetzt von einer tiefsitzenden Melancholie. Sentimentale Melodien werden von hymnisch schwelgenden Gitarren getragen, der Beat stampft gerade vorwärts, die Klavierakkorde setzen auf Harmonie. Der charismatische Leadsänger Oliver Welter wirkt, als könne ihn nichts mehr erschüttern und schreibt seinen Welten-Pessimismus auf dem Papier fort. Er strahlt eine unmittelbare Coolness und resignative Schwermut aus, die von tief unten kommt. Naked Lunch fühlen sich gerne im Kollektiv einsam und spenden all jenen Trost, denen es genauso geht. Dabei machen sie auch ein bisschen traurig ...

Vollständiger Artikel in der Printausgabe. 

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