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© Kings of Indigo

Denim in Grün

Text: Lena Style Fotos: Press

Öko = bieder? Das war gestern. Junge Modelabels mit neuen Ideen nehmen sich gerade des Umweltproblemkinds Nummer eins an: der Blue Jeans.

Es war eine Revolution in der Modewelt, als Levi Strauss und Jacob Davis 1873 die erste Blue Jeans patentieren ließen. Heute, fast zwei Jahrhunderte später, wäre es höchste Zeit für eine weitere. Eine Revolution vonseiten der Konsumenten nämlich, die mit ihrer Kaufentscheidung mitbestimmen könnten, ob es in Zukunft bessere Umweltstandards und Menschenrechte bei der Kleiderproduktion geben kann. Denn das, was wir kaufen, hat großen Einfluss darauf, was wir angeboten bekommen. Will der Kunde billige Massenware, bekommt er sie auch. Derzeit scheint es jedoch, dass es nicht immer die günstige Wegwerf-Mode sein muss. Denn noch nie zuvor schossen so viele Marken aus dem Boden, die sich Nachhaltigkeit und Umweltschutz verschreiben. Und auch die Mär vom unleistbaren Fair-Fashion-Produkt gehört schon lange der Vergangenheit an. Junge Modedesigner mit neuen Ideen, die so gar nichts mit gängigen Öko-Klischees zu tun haben, machen es immer schwerer, Ausreden zu finden. Denn leider gilt die Jeans nicht umsonst als „schmutzigstes Kleidungstück“, gemessen an ihrem Einfluss auf Mensch und Umwelt.

Um das zu verstehen, müssen wir gedanklich in die Tropen reisen. Dort wäre der Jeans-Rohstoff Baumwolle eigentlich beheimatet. Die Natur hätte damit bereits den idealen Standpunkt gewählt, da die Pflänzchen zum Wachsen sehr viel Regenwasser benötigen. Weil die zarte Baumwolle bei der Ernte aber nicht nass sein darf, da sie sonst verfaulen würde, könnte niemals so viel in so kurzen Abständen geerntet werden, wie in der heutigen Industrie gebraucht wird. Aus diesem Grund baut man heute in Trockengebieten an und bewässert künstlich. Für ein Kilo Baumwolle werden dazu 10.000 bis 17.000 Liter Wasser verwendet. Und das in Zonen, wo Wasser ein Luxus ist. Der Ausgangsstoff einer Jeans ist also eine kleine Diva und muss großteils per Hand gepflückt, mit Chemikalien vor Insekten geschützt und chemisch gedüngt werden, damit er so schnell wie möglich wächst. Moderne Maßnahmen, die dem Anbauboden und der Gesundheit der Baumwoll-Bauern ordentlich zusetzten. Um die wattebausch-ähnliche Baumwolle zu einem tragbaren Stück Kleidung zu machen, reisen wir weiter nach China, genauer gesagt nach Xintang. Der Ort gilt nämlich als Welthauptstadt der Blue Jeans. 260 Millionen Stück verlassen die Fabriken der Stadt pro Jahr – nicht ohne Folgen, wie ein Bericht von Greenpeace herausfand. Denn nirgends sonst wurden so gefährlich hohe Schadstoffwerte in Boden und Abwasser gefunden wie rund um die Denim-Fabriken.

Materialkunde

Zahlen, die einem die Shoppinglust ein wenig verderben, aber auch zeigen, dass die Jeans in all ihren Formen und Farben in jedem Haushalt der Welt zu finden ist. Wo wir schon beim Reisen waren, könnten wir doch einen Stopp in Amsterdam machen: Dort findet sich nämlich ein junges Label, das den umweltschädlichen Zyklus beenden möchte. Kings of Indigo spezialisieren sich, wie der Name schon sagt, auf die Blue Jeans. Angefangen hat alles mit dem Triple-R-Prinzip, dem sich das Label verschworen hat: Recycle, Repair und Re-Use. Aus alten Denim-Stoffen wurden neue gemacht, Nähte aufgetrennt und wieder neu zusammengesetzt. Der dadurch sichtbare Farbunterschied wurde ins Design eingebaut, statt versteckt. Mittlerweile ist das Sortiment auf andere Kleidungsstücke und Stoffe erweitert, die aus Recyclingmaterial oder Biobaumwolle bestehen. Letztere verbraucht zwar nicht minder Wasser, kommt aber ohne Chemie aus, was sowohl den Boden als auch die Gesundheit der Arbeiter schont. Moderate Preise und zeitgemäße Kampagnen machen das Amsterdamer Modelabel auch bei der breiten Masse immer beliebter. Ein Vorreiter in Sachen nachhaltiger Jeans ist das Label Kuyichi. Sie brachten die erste „Organic Denim“ Jeans bereits im Jahr 2001 auf den Markt. Die direkte Zusammenarbeit mit den Baumwoll-Bauern steht im Vordergrund, denen das Unternehmen sogar Anteile als Shareholder anbietet.

Von Vintage-Unikaten und Leasing-Modellen

Eine der beliebtesten Fair-Fashion-Marken, wenn es ums Online Shoppen geht, ist Everlane. Kunden haben hier die Möglichkeit, sich völlig transparent über Herkunft, Herstellungsweise und die genauen Kosten ihrer neuen Jeans zu informieren. Daten, die sonst lieber unter den Tisch gekehrt werden. Die kalifornische Online-Marke muss sich im Gegensatz zu den meisten Fast-Fashion-Anbietern aber für nichts verstecken. Fairer Bezahlung der Zulieferer, ausgewogener Preispolitik und umweltschonender Produktion sei Dank. Auffallend viel tut sich auch im hippen London. ULLAC heißt das Modelabel rund um ein Designerkollektiv, gegründet erst letztes Jahr und schon in aller Munde. Produziert werden die Denim-Stoffe ausschließlich von einem italienischen Familienbetrieb, alle weiteren Fragmente stammen ebenfalls von unabhängigen Produzenten, die für ihre Arbeit fair bezahlt werden. Nach 300 Tagen kann man seine Jeans übrigens gegen eine brandneue eintauschen, damit weniger Kleidung ungenutzt auf dem Müll landet. Das Label E.L.V. fertigt derzeit die begehrtesten Vintage-Jeans der ganzen Stadt: Aus je zwei recycelten Jeanshälften entstehen völlig neue Unikate. Denn Vintage-Kleidung gehört immer noch zur nachhaltigsten Alternative beim Shoppen – mit einer Ausnahme. Denn seit 2013 bietet ein Unternehmen namens MUD Jeans sogar Hosen zum Leasen an. Nach einem Jahr mit monatlicher Mietgebühr, kann man sich für den Kauf entscheiden, oder gegen ein neues Paar eintauschen. Die alte Hose wird dann vom Label selbst auseinandergenommen und wiederverwertet. Das Schweizer Label Freitag setzt bekanntlich noch einen drauf (FAQ berichtete) und produziert Jeans, die man gleich komplett kompostieren kann, sobald die Lebensdauer des guten Stückes abgelaufen ist.

Im Moment ist die Modeindustrie der zweitgrößte Umweltverschmutzer weltweit. Vielleicht gehört das bald der Vergangenheit an, ein paar „grüneren“ Kaufentscheidungen sei Dank.

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