article_1499_green_book_1_580x396.jpg

Absteigen ohne Ärger

Rassismus und viele panierte Hühner: „The Green Book“ erzählt von einer Fahrt in den „tiefen Süden“ Amerikas im Jahr 1962.

Der rechtschaffene italoamerikanische Familienvater Tony Lip bewegt sich beruflich in einem Milieu, das man nicht im strengen Sinn als mafios bezeichnen muss. Nennen wir es vielleicht ein Netzwerk, das ihn umgibt. Es erweist sich auch als hilfreich, als er eines Tages ein höchst merkwürdiges Bewerbungsgespräch absolviert: Ein gewisser Dr. Shirley sucht einen Fahrer. Tony geht zuerst einmal davon aus, dass er es mit einem Arzt zu tun hat, er wird allerdings schon ein bisschen stutzig, als sich erweist, dass dieser Doktor ausgerechnet über der Carnegie Hall lebt, also quasi in Hörweite zu der bedeutendsten musikalischen Institution New Yorks. Und das könnte man dann auch von Don Shirley sagen – er ist eine musikalische Institution. Dazu tritt er auf wie ein Hohepriester: makellos gekleidet, distanzierte Haltung, schlanke Gestalt. Ein Snob, wie er im Buch steht, und dabei Afroamerikaner! Das Wort, das Tony Lip in diesem Moment nicht nur auf der Zunge liegt, sondern seinen Mund verlässt, ist heute nicht mehr zulässig. Aber der Film „The Green Book“ von Peter Farrelly spielt im Jahr 1962, damals sprach man noch unbedachter von den Gruppen innerhalb der amerikanischen Bevölkerung. In jedem Fall verläuft das Gespräch zwischen Tony und Dr. Shirley nicht gerade gedeihlich. Aber trotz aller Missverständnisse bekommt Tony den Job. Denn der Doktor hat viel von ihm gehört. Die Netzwerke haben sich wieder einmal bewährt.

Zwei Monate soll Tony Lip der Fahrer von Dr. Donald Shirley auf einer Tournee in den Süden sein. Das führt gleich zum nächsten Missverständnis. Tony denkt an Atlantic City, ein paar Autostunden die Ostküste hinunter. Aber es soll in den richtigen amerikanischen Süden gehen, in den „tiefen“ Süden: „the deep south“, das sind die Staaten, in denen die Segregation zwischen den Rassen im Jahr 1962 noch tiefverwurzelt ist, und in denen die Bürgerrechtsbewegung gerade erst begonnen hat, die Verhältnisse allmählich zu verändern. Ein italienischer Prolet und ein aristokratisch wirkender schwarzer Musiker – dieses ungleiche Duo bricht also in den tiefen Süden auf. Bevor es losgeht, bekommt Tony noch ein Buch in die Hand gedrückt: „The Green Book“ führt alle Betriebe auf, in denen ein schwarzer Mann im tiefen Süden absteigen kann. „Vacation without Aggravation“ ist das Versprechen, das dieses Buch dem „negro motorist“ gibt. „Absteigen ohne Ärger“. In dem Moment, in dem Tony dieses Buch in die Hand nimmt, macht er den ersten Schritt, um selbst ein „negro“ zu werden. Ein halber ist er ja schon, als Italiener.

Peter Farrelly hat bis 2012 gemeinsam mit seinem Bruder Bobby einige der radikalsten amerikanischen Filmkomödien überhaupt gemacht: „There’s Something About Mary“ oder „Me, Myself & Irene“ waren wilde Durchmischungen sozialer und sexueller Welten, wobei am Ende in der Regel ein universalistisches Modell stand – ein Amerika, in dem die schrägsten Formen von Subjektivität und Anatomie gleichrangig und sogar harmonisch nebeneinander bestehen konnten …

Vollständiger Artikel in der Printausgabe.

 

THE GREEN BOOK – EINE BESONDERE FREUNDSCHAFT
Biografie/Komödie, USA 2018 – Regie
Peter Farrelly
Drehbuch Nick Vallelonga, Brian Hayes Currie, Peter Farrelly
Kamera Sean Porter Schnitt Patrick J. Don Vito Musik Kris Bowers
Produktionsdesign Tim Galvin Kostüm Betsy Heimann
Mit Viggo Mortensen, Mahershala Ali, Linda Cardellini, Sebastian
Maniscalco, Mike Hatton
Verleih 20th Century Fox, 130 Minuten
Kinostart 1. Februar 2019

 

Tags: