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Sudabeh Mortezai © Magdalena Blaszczuk

Dann will jeder seine eigene Haut retten

Wien als Schauplatz sexueller Ausbeutung: „Joy“, der neue Film von Sudabeh Mortezai, folgt einer Gruppe nigerianischer Frauen, die hier als Prostituierte arbeiten. Joy und Precious sind zwei Freundinnen in einem System, das so etwas nicht zulässt. Eine harte Geschichte.

Frau Mortezai, Ihr neuer Film „Joy“ handelt von zwei Frauen, die in einem System von Prostitution in Europa gefangen sind. Eine harte Geschichte. Wie nähert man sich daran an, ohne exploitativ zu werden?

Sudabeh Mortezai: Ich habe zuerst versucht, herauszufinden, wie dieses System überhaupt funktioniert und was die Frauen erzählen. Aber es stimmt, sobald ich konkret wusste, was ich erzählen will, war das eine der wichtigsten Fragen: Wie stelle ich Gewalt und sexuelle Gewalt gegen Frauen dar? Zugleich wollte ich diese Geschichte aber auch in ihrer Härte erzählen, nichts weichspülen und verharmlosen. Dabei muss man aufpassen, die Frauen nicht wieder auszustellen. Das war schon eine Herausforderung. Dass ich Sex nicht darstellen wollte, war mir schnell klar. Ich habe per se nichts dagegen, Sex zu zeigen. Es gibt Filme, die das sehr explizit tun und das funktioniert gut. Aber gerade in diesem Zusammenhang wollte ich nicht, dass Sex einen Schauwert hat. Und auch eine Vergewaltigung so auszukosten finde ich ganz übel.

Trotzdem gibt es eine Situation im Film, wo es zu einer Vergewaltigung kommt. Wie zeigt man das, ohne den Inhalt auszublenden?

Das war mir früh klar, wie ich das inszenieren möchte. Ich wollte, dass die Zuschauer eher bei den anderen Frauen sind, die zu Zeugen und fast Komplizen mit den Tätern werden. Und zwar ungewollt, weil sie nichts dagegen tun können und quasi selber Gefangene in dem System sind. Genau aus diesem Blick sollten das auch die Zuschauer sehen. Die Körper dabei zu zeigen, hätte dabei aber keinen Mehrwert gebracht.

In Ihrem Film stehen zwei Frauen im Mittelpunkt: Joy ist erfahren, Precious neu angekommen. Die eine hilft der anderen, zugleich ist deren Verhältnis recht ambivalent. Sie sagt einmal: „Ich würde dich töten, wenn ich meine eigene Haut retten könnte.“ Erzählt Ihr Film von der totalen Korrumpierbarkeit der Menschen in bestimmten Situationen?

Ich glaube, es ist ein System, das so unbarmherzig und so perfide ist, dass es eben auch so eine Einstellung hervorbringt. Ich glaube, das ist total menschlich, da ist es egal, ob es um Männer oder Frauen geht, um Nigerianer oder Europäer. Wenn man als Mensch in einem System ist, in dem es kein Entkommen gibt, dann gibt es auch keine Möglichkeit, sich darüber zu erheben. Dann will jeder seine eigene Haut retten. Das ist ein wichtiger Punkt, weil ich bei der Recherche gemerkt habe, wie unsolidarisch die Frauen miteinander sind. Darüber kann man sich natürlich entrüsten, mir wurde aber bei meiner ersten Recherchereise nach Nigeria klar, dass man sich moralische Empörung auch leisten können muss. Aus unserer privilegierten Position hier in Mitteleuropa ist es sehr leicht, das schrecklich zu finden. Wir würden in solchen Situationen aber zu denselben Menschen werden.

Wie ist das in Nigeria, wird der Frauenhandel nach Europa dort öffentlich thematisiert oder ist das ein Tabu?

Nein, das ist kein Geheimnis. Es gibt auch Initiativen gegen Frauenhandel, die aber nicht besonders effizient sind, weil es strukturelle Probleme in der Region in Nigeria gibt, wo die meisten Frauen herkommen. Die größte Stadt dort ist Benin City, da war ich auch auf Recherche. Dort ist das ganze Leben von diesem „Human Traffic Business“ durchdrungen. Jeder weiß Bescheid. In Wahrheit sind die Familien auch Komplizen in dem System. Vielleicht war es früher einmal so, dass die Frauen nicht gewusst haben, welcher Job sie in Europa erwartet. Heute wissen es alle und reden darüber auch. Man redet sich die Sache schön. Inzwischen sind die meisten Mädchen minderjährig, sie kommen teilweise aus sehr desolaten Familienverhältnissen. Da geht es um pure wirtschaftliche Not, die Leute sehen überhaupt keine Perspektive für sich. Die Mädchen selbst stellen sich das halt nicht so schlimm vor, sie würden das schon überleben oder abhauen.

Der Anfang des Films ist bizarr, erinnert an einen Voodoo-Ritus. Ein Huhn wird getötet, ein Priester behält die Fingernägel, falls die junge Frau aus Europa ihre „Schulden“ nicht bezahlt. Ist das der Grund, warum sich die Frauen nicht auszubrechen trauen?

Ja, in Nigeria ist dieser Glaube Alltag. Die Frauen gehen zu einem Juju-Priester, der ihnen Schutz verspricht und dafür bei einem Ritual Körperteile wie Nägel, Blut, Haare als Pfand abnimmt. Sie müssen ihm einen Eid leisten, dass sie ihre Schulden abbezahlen und die Frauenhändler nie verraten. Daran glauben sie ganz stark. Dabei haben sie keinerlei Vorstellung, was es heißt, 50.000 Euro Schulden zu haben. Sie merken erst, wenn sie in Europa angekommen sind, wie viele Jahre man in der Prostitution dafür arbeiten muss. Erst dann ist ihnen wirklich klar, was ihnen bevorsteht.

Glauben die Frauen wirklich an den Priester und seinen Zauber?

Ja, das ist wirklich ein starker Glaube, der für uns Europäer vielleicht lächerlich erscheint. Sie haben große Angst vor dem Juju-Fluch, dass sie, wenn sie nicht abbezahlen oder die Trafficker verraten, krank werden oder sterben. Oder dass jemand in ihrer Familie stirbt. Zu den Familien gibt es eine große Bindung, zugleich üben diese starken Druck aus und erwarten, dass ihnen die Frauen Geld nach Hause schicken. Ich habe auch öfters gehört, dass die Familien die Frauen mit Lügengeschichten unter Druck setzen und behaupten, jemand sei krank geworden und brauche eine Behandlung. Auch wenn die Frauen merken, dass sie ausgenützt werden, ist es dann schon zu spät. Sie sind schon gefangen in diesem Kreislauf.

„Joy“ erinnert an Ihren ersten Spielfilm „Macondo“, was die filmische Form betrifft, die Übergänge zwischen dokumentarisch und fiktiv sind fließend. Ist das eine Art zu filmen, die Sie für sich als ideal entdeckt haben, um Ihre Erzählungen einem Publikum verfügbar zu machen?

Ich mache wahrscheinlich schon auch wieder einen Dokumentarfilm, aber ich habe das Gefühl, mit dieser Arbeitsweise kann ich mich gut ausdrücken. Dabei kommt es stark darauf an, Beziehungen zu seinen Darstellern aufzubauen, und bei der Recherche immer sehr offen zu sein. Ich gehe nicht mit einer fixen Idee in das Projekt, sondern schaue mir einfach mal alles an, lasse mich auf die Leute ein und baue Beziehungen zu ihnen auf. Trotzdem braucht man eine professionelle Distanz.

Europa ist in dunklen Tönen gezeichnet, als wäre hier immer Nacht. Ein starker Kontrast zu den Erzählungen der Geflüchteten, die den Daheimgebliebenen berichten, im gelobten Land angekommen zu sein – und auch Geld in die Heimat schicken müssen. Ist das Bild von Europa so etwas wie ein Fetisch geworden?

Ja, es geht definitiv um falsche Vorstellungen und Träume, die sich überhaupt nicht erfüllen, sondern zu Albträumen werden. Von Europa selbst sehen sie fast nichts. Dass falsche Erwartungen geschürt werden, hat auch mit dem globalisierten Kapitalismus zu tun. Überall haben die Leute Zugang zu Medien, zum Internet, sehen die tollen Markenprodukte und einen bestimmten Lifestyle. Dass das aber eine Glamourwelt ist, die den Frauen überhaupt nicht offen steht, merken sie erst dann. Die Realität schaut ganz anders aus, viele Frauen leben abgeschottet ohne Zugang zu einem normalen Leben.

Wie haben Sie sich in Nigeria bei ihren Recherchereisen zurechtge-funden?

Wir haben jemanden vor Ort gehabt, der Termine vereinbart und Treffen mit Leuten organisiert hat. In Benin City gibt es auch diese staatliche Organisation gegen Menschenhandel, die Gespräche mit Frauen organisiert, die aus Europa zurückgekommen sind. Das war schon interessant. Aber als man uns für das Ritual zu einem Juju-Priester brachte, hatte ich bald den Eindruck, dass hier eine Show für Europäer abgezogen wird, die sich eh nicht auskennen. Ich habe dort einfach nur Stopp gesagt, dass mich das nicht interessiert. Unser Fahrer hat uns über Kontakte zu einem richtigen Priester gebracht, das lief gleich ganz anders ab. Der Mann hat uns ganz lange einzeln in die Augen geschaut, ohne ein Wort zu sagen. Und dann meinte er, ich vertraue euch, kommt rein. Man muss aufpassen, wenn man zum Beispiel nach Nigeria fährt und sich an einer Tour beteiligt, da kriegt man dann vielleicht seine Vorurteile bestätigt und fährt wieder nach Hause.

Auch „Joy“ führt seine Akteurinnen wieder nach Hause nach Nigeria. Was erwartet einen dort, wenn man seine Mission nicht erfüllt hat?

Ich habe eine Frau in Nigeria getroffen, die hat mir erzählt, dass sie vier Jahre für eine Madame in Italien gearbeitet hat. Sie hatte wirklich alle Schulden abbezahlt und war schon frei. Sie hatte schon angefangen, für sich selbst zu sparen, vielleicht, um auch als Madame zu arbeiten. Aber ihre Madame hatte sie als Konkurrenz und Bedrohung wahrgenommen und sie bei der Polizei verpfiffen. Dann wurde sie abgeschoben. Sie ist mit leeren Händen nach Nigeria zurückgekommen, wo die Familie sie seither meidet und nicht mit ihr redet. Da heißt es dann, andere Frauen hätten genügend Geld geschickt, dass sich die Eltern ein Haus bauen konnten, und sie sei mit leeren Händen zurückgekommen. Es ist ein sehr brutales System. Man muss sich das vorstellen, Benin City hat fast drei Millionen Einwohner. Es gibt kaum Strom, weil der Staat die Stromversorgung nicht gewährleistet. Die Straßen sind kaputt, es fehlt an allem, viele sind arbeitslos. Doch es gibt auch Leute, die im Frauenhandel-Business unterwegs sind und viel Geld gemacht haben Sie haben sich schöne Häuser gebaut, mit Stacheldraht rundherum und Security Guards. Sie zeigen, sie haben es geschafft.

In einer Szene in Nigeria wird bei einem Konzert Geld in die Luft geworfen. Wird hier demonstriert, wir sind die Gewinner, wir haben es geschafft?

Ja, das wird in der Schlussszene gezeigt. Es entspricht auch einer nigerianischen Tradition, dass man Leute bei einem Fest, oder ein Brautpaar bei einer Hochzeit, oder auch Musiker und Tänzer mit Geld besprüht. Aber in Benin City gibt es öffentliche Feste, wo die Frauenhändler reich geworden sind und das zeigen. Sie lassen die Korken knallen, stellen ihre tollen Autos, ihren Schmuck, ihre teuren Uhren offensiv zur Schau.

Sie zeigen am Rand auch einige Freier im Film, einer möchte eine Frau befreien, wie er sagt, er scheint aber wenig zu verstehen. Ist das ein liebestoller Freier oder sind die Beziehungen zwischen Europäern und Afrikanern von einem großen Unverständnis geprägt?

Ich habe bei der Recherche herausgefunden, dass es immer wieder Typen gibt, die sich auch verlieben. Wenn sie aber merken, unter welchen Bedingungen die Frauen wirklich arbeiten, sind sie schockiert. Die meisten wollen das ja gar nicht wissen. Es klingt zynisch, aber das ist ein bisschen so wie die meisten Menschen auch nicht wissen wollen, wo und wie ihre Kleidung hergestellt wird. Ist einem klar, dass das Kinder in Bangladesch sind, will man die Kleider ja nicht mehr anziehen. Aber man vergisst es auch schnell wieder und kehrt zum alten Konsumverhalten zurück. Und die meisten Freier wollen auch nicht wissen, ob eine Frau das freiwillig macht oder nicht, ob sie eine Wahl hat oder nicht. Ich finde, Sexarbeit könnte eine mögliche Art von Arbeit sein, solange es den Sexarbeiterinnen freisteht, das freiwillig zu entscheiden. In den meisten Fällen ist das aber nicht so.


Sudabeh Mortezai wurde 1968 in Ludwigsburg, Deutschland, als Tochter iranischer Eltern geboren. Sie ist in Wien und Teheran aufgewachsen und studierte Theater-, Film und Medienwissenschaften in Wien und Film an der UCLA in Los Angeles. Ihr erster Dokumentarfilm „Children of the Prophet“ (2006) begleitet mehrere Menschen in Teheran während der schiitischen Festlichkeiten des Monats Muharram, in dem an den Tod des Märtyrers Hosseins erinnert wird. Ihr zweiter Dokumentarfilm „Im Bazar der Geschlechter“ (2009) beleuchtet das Phänomen der Zeit-Ehe (Sigeh) in der Schia, die für eine Stunde oder länger abgeschlossen wird. Ihr erster Spielfilm „Macondo“ (2014) handelt von einem tschetschenischen Jungen in der gleichnamigen Flüchtlingssiedlung am Stadtrand Wiens. Der Film wurde in den Wettbewerb der Berlinale eingeladen. Mortezai ist Mitbegründerin der Produktionsfirma Freibeuter Film, die ihren Sitz in Wien hat.

JOY 
Drama, Österreich 2018 – Regie, Drehbuch
 Sudabeh Mortezai 
Kamera Klemens Hufnagl Schnitt Oliver Neumann Musik Thomas Hohl 
Production Design Julia Libiseller Kostüm Carola Pizzini 
Mit Joy Alphonsus, Precious Mariam Sanusi, Angela Ekeleme, Gift Igweh, 
Sandra John, Chika Kipo, Ella Osagie, Christian Ludwig 
Verleih Filmladen, 101 Minuten 
Kinostart 18. Jänner 2019 
 

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