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Dem Himmel so nah

Text: Pamela Jahn Fotos: Press

Julian Schnabel hat mit seinen Leinwandporträts berühmter Maler, Dichter und Musiker längst eine eigene Kategorie des Künstlerbiopics für sich entworfen. Sein Blick auf die letzten Jahre im Leben von Vincent van Gogh, „At Eternity’s Gate“, ist ein Rausch aus Farben, Licht und Schatten.

Sonnenlicht! Er male das Sonnenlicht, sagt Vincent van Gogh (Willem Dafoe) mit einer hastigen Bestimmtheit, als hänge sein ganzes Leben an diesem einen Wort – und in gewisser Weise tut es das wohl auch. Immerhin sind das Licht und der Himmel unter dem er sich bewegt, so ziemlich das Einzige, was dem Künstler über die Jahre geblieben ist. Würde ihn sein Bruder Theo (Rupert Friend) nicht mit regelmäßigen Geldsendungen über Wasser halten, wer weiß, ob es ihn dann überhaupt noch gäbe, von den unzähligen Gemälden und Zeichnungen, die er in Rekordzeit produziert, einmal ganz abgesehen. Das Malen, weiß van Gogh, ist seine einzige Chance, um die inneren Dämonen fern und die Dunkelheit außen vor zu halten, so gut es eben geht. Denn der schwermütige Niederländer ist ein ewig Getriebener. Einer, der die Landschaft bewandern, die Erde unter den Füßen und den Wind im Gesicht spüren muss, bevor er das Gesehene, oder besser: das Erfahrene, auf die Leinwand bannt, stets in Kampf mit sich und hoffnungslos gefangen zwischen den Kräften, die an ihm zerren und die zunehmend sein Blickfeld trüben. Nur eine Sache, so van Gogh, die sehe er ganz klar und immer dann, wenn er vor einer flachen Landschaft stehe: die Ewigkeit.

Vincent an Gogh, der Sohn eines Pfarrers und einer Buchbinderstochter, war mit Sicherheit kein Heiliger, aber sein Werk, so zumindest will es Julian Schnabel in seinem emphatischen Künstlerdrama vermitteln, hat bei aller Fiebrigkeit, in der es entstand, durchaus etwas Erhabenes. Die Ehrfurcht, mit der sich der Regisseur seinem Subjekt widmet, findet seinen Ausdruck in den schweren, nachdrücklichen Klavierklängen, die van Gogh bei seinen täglichen Erkundungs- und Maltouren rund um Arles begleiten, sowie in einem eindringlichen Voiceover von Dafoe, in dem sich van Goghs Gedanken spiegeln, seine Wünsche, Hoffnungen und Einsichten genauso wie seine Ängste und seine Sorgen. In Arles, einem kleinen, verschlafenen Städtchen in Südfrankreich, erhofft er sich die nötige Inspiration für seine Kunst zu finden, er sehnt sich nach dem Licht des Südens, nach Wärme und Gesellschaft. Seine Vorstellung von einem Gemeinschaftsatelier, das er für sich und seine Pariser Künstlerfreunde plante, wollte er hier verwirklichen.

Als der Maler jedoch im Februar 1888 in dem verschlafenen Ort abseits der städtischen Künstlerpfade eintrifft, wird er vom Winter wie von den Bewohnern eher harsch empfangen. Zwar verbessern sich die Temperaturen mit dem langsam einziehenden Frühling, nur mit den Menschen hat van Gogh nach wie vor kein Glück. Für die engstirnigen Franzosen ist der rothaarige Müßiggänger ein Sonderling, der sich zunehmend zu einem öffentlichen Ärgernis entwickelt. Zudem lassen auch seine Kollegen, allen voran der mittlerweile gut im Kurs stehende Paul Gauguin (Oscar Isaac), auf sich warten. Also stürzt sich van Gogh in die Arbeit, malt so ziemlich alles, was ihm über den Rand seiner mitgenommenen Staffelei vor die Nase kommt: von glühenden Landschaften, blühenden Obstgärten und seinen abgelaufenen Schuhen bis hin zu den berühmten Sonnenblumen, die später auf Auktionen Rekordsummen erzielen sollten. Zu spät für van Gogh, der immens unter der Ablehnung litt, die ihm Zeit seines Lebens von seiner Umgebung entgegengebracht wurde ...

Vollständiger Artikel in der Printausgabe.


Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit / At Eternity’s Gate 
Drama/Biografie, USA//Frankreich 2018 – Regie: Julian Schnabel; Drehbuch: Jean-Claude Carrière, Julian Schnabel, Louise Kugelberg; Kamera: Benoît Delhomme; Schnitt: Louise Kugelberg, Julian Schnabel; Musik: Tatiana Lisovkaia; Production Design: Stéphane Cressend
Mit: Willem Dafoe, Rupert Friend, Mads Mikkelsen, Oscar Isaac, Mathieu Amalric, Emmanuelle Seigner, Niels Arestrup
Verleih: Filmladen, 110 Minuten
Kinostart: 19. April 

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