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Foto: LLuis Carbonell/Courtesy of Ricardo Bofill Taller de Arquitectura

Die Kunst des Bauens

Der Spanier Ricardo Bofill gehört zu den Visionären der Gegenwartsarchitektur. Ein neues Buch feiert seine Kunst.

Als Ricardo Bofill 1939 in Barcelona zur Welt kam, schien ihm die Liebe zu Gebäuden in die Wiege gelegt, denn sein Vater war ein renommierter Bauunternehmer und Architekt. Dass die Mutter als Italienerin ein Gefühl für Stil mitbrachte, dürfte ebenfalls kein Nachteil gewesen sein. Nach einem Architekturstudium unter anderem in Genf gründete Bofill 1963 in Barcelona sein Büro Taller de Arquitectura. Zunächst ein Außenseiter in der Architekturszene, erlangte der junge Mann mit seinen ungewöhnlichen Ideen, die monumentale Aspekte mit raffinierten Details und Eleganz verbanden, schnell Bekanntheit.
Besonderes Aufsehen erregte Bofill, der 1971 eine zusätzliche Niederlassung in Paris gründete, mit Bauten für die breite Masse, die Funktionalismus mit einem ungewöhnlichen, oft überaus fantasievollen Äußeren kombinierte. Doch auch Hotels, Kirchen (Wiederaufbau der spanischen Wallfahrtskirche Santuari de Meritxell in Andorra), Bürokomplexe, Flughafenterminals und Autobahnraststätten finden sich im umfangreichen Portefeuille des Spaniers. Bofills Bauten stehen auf der ganzen Welt, sie finden sich neben einer Vielzahl europäischer Länder auch in den USA, Indien, Russland, China oder in Japan.
Ein schönes, bei gestalten erschienenes Buch widmet sich dem Schaffen Bofills nun kenntnisreich und mit eindrucksvollen Fotografien. Mehrere Texte werfen einen Blick auf Mann und Schaffen: Bofills Kollege Óscar Tusquets Blanca etwa beschreibt in einem Essay, wie der Außenseiter Bofill mit seinen kühnen Entwürfen die spanische Gesellschaft sowohl verstörte wie auch faszinierte und zeugt anekdotisch von dessen Persönlichkeit. Gerade durch die Freiheit, die Bofill seinen Mitarbeitern und Partnern ließ, sei es für ihn möglich gewesen, seine immensen Projekte zu realisieren. Der Autor und Architekt Douglas Murphy bettet Bofills Schaffen in die architektonischen Nachkriegsströmungen ein: Einerseits die Stahl-und-Glas Eleganz Mies van der Rohes, die stellvertretend für den Kapitalismus stand, andererseits der Brutalismus eines Le Corbusier. Bofill verfolgte einen Stil, der zweifellos Einflüsse aus diesen Strömungen aufnahm, ihnen jedoch einen völlig eigenen Spin gab.
1965 demonstrierte der Architekt seinen Einfallsreichtum im Umgang mit begrenztem Raum: Das Nicaragua Apartmenthaus in Barcelona war mit 2300 Quadratmeter ziemlich klein, obendrein verfügte es über eine Dreiecksform und war regelrecht zwischen Nachbargebäuden eingekeilt. Bofill setzte auf Handarbeit, ließ das Innere der Apartments mit regionalen Holz- und Fliesendetails versehen und ließ durch Spiegel die Illusion von Raum entstehen. Luftige Balkone öffneten das Gebäude nach außen hin.
Ein Bau, der noch heute nahe Barcelona die Touristen anzieht, ist „Kafkas Schloss“ (1968): Die zahlreichen Blöcke, aus denen das Apartmenthaus besteht, lassen vertikale Linien entstehen und sind ein geometrisches Meisterwerk, das vorgefertigte Kuben revolutionär einsetzte. Zwischen minimalistischen Rahmen und prägnanten Abflussrohren lassen Fenster aus diesem „Schloss der mathematischen Gleichungen“ blicken.
Das erste ganz große Projekt der Taller-Gruppe, der 1970 komplettierte Gaudí-Bezirk in Südkatalonien, verband Modernismus und Brutalismus. Die Anlage bot Platz für 500 Gastarbeiter-Wohnungen und war ebenso urban wie verspielt, zudem wurde Wert auf Lebensqualität gelegt. Die Balkone waren groß, die Innenhöfe luden zum Verweilen ein, markante Farben sorgten für Akzente und Lüftungstürme waren eine Hommage an die Arbeit Gaudís. Poesie und Pragmatismus, hier kamen sie zusammen.
Zu einer von Bofills berühmtesten Arbeiten überhaupt wurde das zwischen 1978 und 1983 errichtete Gebäudeensemble Les Espaces d’Abraxas in  Île-de-France. Auf 47.000 Quadratmetern enstand ein Wohnprojekt außerhalb von Paris, das durch geometrische Formen wie Rechtecke, Gewölbebögen und Halbkreise akzentuiert wurde. Bofill entwarf – als Kontrast zu den grauen, monolithischen Blöcken der Vororte und im Geist der Postmoderne – einen Komplex aus drei Einheiten, der Neoklassizismus und Barock in Bezug zueinander setzte; Kritiker sprachen gar von einem bewohnbaren Monument. Die schiere Wucht des Stils, der sich der Einordnung in eine bestimmte Epoche zu widersetzen scheint, machte die Anlage zur beliebten Filmkulisse, insbesondere im Science-Fiction-Genre: Szenen von Terry Gilliams Brazil (1984) wurden ebenso dort gedreht wie Teile der Hunger Games-Reihe.
Man könnte noch viele von Bofills Projekten erwähnen – darunter den Barcelona Airport, der Motive aus der Luftfahrt aufnimmt und mit Panoramablick beeindruckt, die Urlaubs-Zitadelle La Muralla Roja an der Costa Blanca, die mit eindrucksvollem Farbenspiel und Einflüssen orientalischer Architektur glänzt oder 77 West Wacker Drive in Chicago, Bofills Version des US-Wolkenkratzers –, doch muss es hier bei einem Appetizer bleiben. Der Hauptgang ist das wunderschöne Buch selbst, das Bofill-Fans ohnehin glücklich machen wird, aber auch für Freunde des Schönen ein Muss ist. Und wer weiß, vielleicht reist nach der Lektüre so mancher an die Orte, an denen sich die bewohnbaren Kunstwerke befinden.


Ricardo Bofill.
Visions of Architecture.

gestalten, Berlin 2019.
300 Seiten, € 51,30

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