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Fatima Al Qadiri © Camille Blake

Gesellschaft im Diskurs

Das Donaufestival 2019 verhandelt mit Musik, Performance und Film gesellschaftspolitische Fragen.

Einmal im Jahr, für zwei verlängerte Wochenenden, ist die österreichische Bezirkshauptstadt Krems an der Donau nicht nur Weinstadt, sondern auch Metropole der Pop-Avantgarde. Dafür sorgt das Donaufestival mit einem Programm aus Musik, Performance, Filmen und nicht zuletzt Podiumsdiskussionen jedes Jahr unter einem neuen Motto. Diesmal geht es um „New Society“, die „neue Gesellschaft“ – besteht sie aus lauter Individuen, zerfällt sie in viele Blasen? Im lokalen Kontrast von urbaner Kultur und idyllischer Tradition lassen sich solche Welt-Fragen trefflich erörtern, im Gespräch wie in künstlerischer Form.

Zur Eröffnung wendet sich das Donaufestival dem lokalen Umfeld zu: Die Alien Parade bzw. Alien Disko, ein Blasmusik-Kollektiv aus München, paradiert durch den Ort. Wie in kaum einem anderen Genre vermengen sich in der Blasmusik bodenständige und repräsentative Kultur, Hobby- und Profimusik, Anspruch und Unterhaltung, zeitgenössische Musik und Tradition. Blasmusik spricht zu allen, und so verlässt das Programm die Blase des Special Interest Festivals, wo sich die mehr oder weniger Gleichgesinnten treffen. Tatsächlich lebt progressiver und künstlerischer Pop ja von besonderer Individualität, insofern spaltet sich das umfangreiche Programm auch wieder in recht unterschiedliche Richtungen, und damit auch das Publikum. Viele werden einen Abend favorisieren und andere Tage ignorieren. Um zwei der bekanntesten Acts ins Spiel zu bringen: Wie groß ist wohl die Schnittmenge der Fans von Kate Tempest und Anna von Hausswolff?!

Diverse Avantgarde

Hier Spoken Word, hart und direkt, illusionsbefreit vorgetragen über staubtrockene, folkige Loops – da die schwebende Sirene der ätherischen Selbstreflexion in bester Tradition dunkler Romantik, mit einem Schuss Elektronik. Beide Acts kommen heuer nach Krems. „Sicher gibt es auch Blasen am Festival“, sinniert Thomas Edlinger, der künstlerische Leiter seit 2017, im Gespräch zum aktuellen Programm, „bestimmte Acts und Genres bringen ihre spezifischen Fans.“ Immerhin kamen schon Legenden wie die Einstürzenden Neubauten (2017) oder Throbbing Gristle (2008) – solche Acts bilden am ehesten einen großen Nenner im Rahmen der Programmatik, aber eigentlich geht es um etwas anderes: Metathemen zu finden für die Vielfalt progressiver Pop-Kunst und Denkweisen. Damit hat sich das Donaufestival, seit es 2005 von Tomas Zierhofer-Kin neu konzipiert wurde, ein Stammpublikum erarbeitet. Diese Leute suchen nach vielfältiger Inspiration und wollen gefordert werden. Musik mag immer noch das Aushängeschild sein, der Köder, doch Performance wird ebenso gern wahrgenommen. Zweifelsohne lassen sich in diesem Genre die komplexen Fragen besser reflektieren, die Edlinger in seinem Programmtext anspricht: Veganer*innen und Burschenschafter, „toxische Männlichkeit“ und „non-binäre Avantgarde“ und zahlreiche weitere aktuelle Gegensätze – können die denn überhaupt Teil derselben Gesellschaft sein? Welche Mehrheitsgesellschaft könnte denn eine allfällige Leitkultur definieren?

Vollständiger Artikel in der Printausgabe.


Donaufestival Krems
27. bis 29. April & 4. bis 6 Mai
www.donaufestival.at

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