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Homecoming

Text: Jörg Becker Fotos: Polyfilm

„The Sisters Brothers“ – Ein Neo-Western, der von Goldrausch und Revolverhelden erzählt und sich trotz historischem Setting vollkommen neu anfühlt im Blick auf seine zeitlosen Themen, inszeniert von Ausnahmeregisseur Jacques Audiard.

Am malerischen Himmel ziehen die Wolken im rötlichen Schein der Abendsonne. Die beiden Brüder sind heimgekehrt, über weites Weideland reiten sie auf ein einsames Haus zu. Im Türausschnitt vor offenem Horizont die Umarmung mit der Mutter, im Anschluss, am Küchentisch, versorgt sie ihre Söhne. Eine Erinnerung – so mag es immer gewesen sein. Mit der Aufmerksamkeit des lange Fortgewesenen schweift der Blick durch das Haus ihrer Kindheit, das unverändert geblieben scheint seit dem Aufbruch der Brüder. Während der jüngere badet, streckt sich der ältere auf dem zu klein gewordenen Bett aus. Endlich Ruhe, und ein Bild des Friedens nach diesem langen Weg voll Gewalt und Leiden, von dem Jacques Audiard in The Sisters Brothers erzählt, am Schluss mit der Widmung: „À mon frère“.

The Sisters Brothers, Handlungszeit: 1851, erzählt die Geschichte zweier berüchtigter Hired Guns aus Oregon während einer Phase massenhafter Westexpansion, begleitet von einer enormen Vermögensakkumulation in den Händen weniger, die sich damit territoriale Macht aneigneten. Zu Beginn löschen die Brüder Sisters (John C. Reilly und Joaquin Phoenix) nach nächtlichem Überfall auf ein Haus eine ganze Familie aus, im Anschluss werden sie von ihrem Auftraggeber, dem Commodore (dem Rutger Hauer sein Gesicht leiht), auf eine Mission durch Oregon Richtung San Francisco geschickt, um einen Chemiker, Hermann Kermit Warm (Riz Ahmed), zu verfolgen, der eine Formel gefunden haben soll, nach der man mit Einsatz von Säure Gold auf dem Grund der Flüsse sichtbar machen könne. Motiv für eine solche Exploration mit Aussicht auf Reichtum war für den Wissenschaftler nicht individueller Besitz sondern die Schaffung einer Idealgesellschaft „without greed, beyond profit“. Ein weiterer Söldner, John Morris (Jake Gyllenhaal) ist auf den Spuren des feinfühligen Wissenschaftlers unterwegs, ihn abzufangen, bis die Brüder ihm sein Wissen gewaltsam abpressen sollen. John Morris’ journalhafte Aufzeichnungen in ein „adventure book“ erscheinen an manchen Stellen wie off eingesprochene Chronikpassagen der Reise.

Das Gesetz der Väter

Auf einer tieferen Ebene hält die Erzählung an den Konventionen traditioneller Westernallegorien fest und unterläuft sie zugleich, indem sich in der hart errungenen Zivilisation unter brutalsten Bedingungen die „Gewalt der Gründerväter“ (Audiard) manifestiert, gleichsam eine Bildsynthese vom Preis des Fortschritts, ausgedrückt in Kategorien von Leib und Leben wie auch der mutwilligen Entweihung der natürlichen Umwelt. Wenngleich der Regisseur sich in der Handlung der meisten seiner Werke auf Genre-Vehikel, etwa das Heist-Movie, den Film noir, das Gefängnisdrama, beschränkt, finden sich durchgehende Themen und Obsessionen: Väter und Söhne, Bruderverhältnisse, Hochstapeleien und Nachfolgeschaften, Entwicklung, Lernprozesse weg von affektgesteuerten Gewaltverhältnissen hin zu Empfindsamkeit und Zartgefühl, wie ein Wasserzeichen in allen Audiard-Projekten anwesend und auch in The Sisters Brothers leitmotivisch sichtbar. Der jüngere Bruder Charlie, so stellt sich heraus, hatte noch zu Kinderzeiten den brutalen, trinkenden Vater getötet, und damit den älteren Bruder Eli aus der Rolle des Beschützers verdrängt. Elis Entwicklung hin zum zivilisierten Leben indes scheint die Erzählung anzutreiben, doch dafür, und um das Verhältnis der Brüder neu zu justieren, muss nun er einen Vatermord begehen.

Dass Vaterschaft, die Vaterbindung, der Vatermord, die Befreiung sowie das eigene Wachsen in die Verantwortlichkeit eines Vaters zu Audiards zentralen Themen zählt, ist unbestreitbar. „But it’s more about inheritance“, erklärt er in einem Gespräch mit dem New York Times Magazine: „What interests me in the death of the father is what he leaves behind. What do we have to deal with? What kind of conflict arises, and how are we to deal with that? Can we change? That is where the question lies. It’s not the death of the father. The death of the father is the starting point in the story.“ („Can ‚the French Scorsese‘ Pull Off a Western?“ ist der lange Feature-Beitrag von Thomas Chatterton Williams im New York Times Magazine vom 11 Oktober 2018 - betitelt.) ...

Vollständiger Artikel in der Printausgabe.

 

THE SISTERS BROTHERS
Frankreich/Belgien/Rumänien/Spanien 2018
Regie
Jacques Audiard
Drehbuch Jacques Audiard, Thomas Bidegain nach dem
gleichnamigen Roman von Patrick deWitt (2011)
Musik Alexandre Desplat Kamera Benoît Debie
Schnitt Juliette Welfling Szenenbild Michel Barthelemy
Kostümdesign Milena Canonero
Mit John C. Reilly (Eli Sisters), Joaquin Phoenix (Charlie Sisters),
Riz Ahmed (Hermann Kermit Warm), Jake Gyllenhaal (John Morris),
Rutger Hauer (Der Commodore), Rebecca Root (Mayfield)
Länge 121 Minuten
Kinostart 15. März

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