article_1556_01_two-wheels-south_580x396.png

Ab in den Süden

Der Bildband „Two Wheels South“ begleitet zwei Freunde auf ihrem Motorradtrip von Brooklyn nach Feuerland. Die fotografischen Impressionen werden von nützlichen Reisetipps und einer authentischen Schilderung der Locations ergänzt. Doch es geht um mehr: Für den Autor wurde das sechsmonatige Abenteuer zu einer Reise ins Ich.

Den in Barcelona aufgewachsenen, seit 2002 in New York lebenden Designer Matias Corea und seinen Jugendfreund Joel verband seit Teenagerjahren die Vorliebe für alte BMW-Motorräder und Offroad-Fahrten. Bereits in den neunziger Jahren unternahmen die beiden ihren ersten Motorradtrip nach Alemería in Südspanien, wobei Corea damals noch keinen Führerschein besaß – die 1500 Kilometer lange Reise verbrachte er auf dem Sozius. Die Freunde hatten nicht viel Geld, dafür aber umso größere Lust auf Abenteuer. Der Anlass für ihre größte Reise sollte allerdings ein tragischer sein: Im Sommer 2015 – Corea war 36 – verstarb überraschend seine Schwester Soledad. Der Designer, der zu diesem Zeitpunkt auch ohne Job dastand, fand sich unversehens in der düstersten Phase seines Lebens wieder. Er brauchte eine neue Herausforderung, um die Krise zu überwinden, das Gefühl, nicht nur für die Routine zu leben. Mit anderen Worten: Es ging darum, zu sich selbst zu finden. In Coreas Kopf entstand die Idee für einen besonderen Trip. Und so machten sich die beiden am 12. April auf die Reise nach Südamerika – eine Fahrt von Brooklyn nach Feuerland, die sechs Monate und 30.000 Kilometer dauern sollte. Dass Joel umgehend zusagte, erzählt viel vom Vertrauen, das zwischen den beiden herrscht.

Für Corea kam noch ein weiterer Selbstfindungsaspekt hinzu, denn die Fahrt glich auch ein wenig einer Reise in die Familiengeschichte: Seine Eltern stammten – wie der Großteil der Famile – aus Argentinien. Corea selbst war dieses Land trotz mehrerer Reisen in jungen Jahren aber großteils fremd geblieben.

Regen, Berge und ein Sturz

Der bei Gestalten erschienene Bildband zum Motorradtrip – die Fotos sind stimmungsvoll und authentisch, das heißt: nicht überbearbeitet und ziemlich frei von Kitsch – wartet nicht nur mit einer chronologischen Schilderung der einzelnen Destinationen und Zwischenstopps auf, sondern hat für mögliche Nachahmungstäter auch jede Menge praktische Tipps auf Lager. Die Vorbereitung allein nahm mehrere Monate in Anspruch und begann mit der Wahl der Kleidung: Ohne Daunenjacke, lange Thermosunterhose und Socken verschiedener Dicke, um nur wenige Dinge zu nennen, geht bei so einer Reise gar nichts. Was den Kopfschutz betrifft, empfiehlt Corea einen modularen Helm, der an heißen Tag gut belüftet werden kann und zudem den Nacken schont. Dazu kommen Empfehlungen für Campingausrüstung, technische Geräte, Werkzeuge und, da jede Menge Grenzen zu überschreiten sind, Papierkram. Trotz dieser zahlreichen Tipps sieht Corea das Buch nicht als Reiseführer: „Es geht um die Liebe zum Unterwegssein auf dem Motorrad, um die Erfüllung eines Traums und um Risiken, die man in Kauf nimmt. Um Freiheit und Fehler, um Zusammenbrüche und Durchbrüche, um Rückschläge und Durchhaltevermögen, um Unterbrechungen und Improvisation.“

Als Gefährte entschied man sich für dreißig Jahre alte BMW-Maschinen: die 1985er R 80 G/S PD und die 1983er R 80 ST. Dass man sozusagen Oldtimer wählte, hat laut Corea den Grund, dass die alten Motorräder „für die Ewigkeit gemacht“ waren. Zwei beinahe identische Maschinen hatten zudem den Vorteil, dass man sich gegenseitig mit Ersatzteilen aushelfen konnte.

Die zahlreichen Erlebnisse schildert Corea direkt und lebendig: Auf dem Weg durch Mississippi finden die Freunde in einem Restaurationsbetrieb für betagte BMWs den siebten Motorradhimmel, in New Orleans genießen sie Jazz und warmes Wetter und in Honduras bieten sie dem Dauerregen die Stirn (das ständige Trommeln der Tropfen auf dem Helm wird gar zum meditativen Erlebnis). In Kolumbien kommt das Adrenalin in so richtig in Wallung, denn zahlreiche Brücken verfügen weder über Absperrungen noch Geländer – darunter lauert der Tod. Technische Pannen meistert man stets mit Improvisationstalent und freundlichen Fremden.

In Peru entdeckt man verborgene Seen, verirrt sich aber auch in den unbeschilderten Bergen, in Bolivien durchquert das Duo die Salzwüste Salar de Uyuni (zweifellos die eindrucksvollsten Fotos im Buch), Corea übersteht einen ziemlich heftigen Sturz und in Argentinien bezwingt man die 5000 Kilometer lange Ruta 40.

Bei all diesen Eindrücken bleibt immer auch spürbar, dass es Corea ebenso um eine Reise ins Innere geht: Als Feuerland schließlich erreicht ist, empfindet er sich als anderen Menschen – das Ende wird zum Neubeginn. Ein Buch, dass Motorradfahrern rückhaltlos zu empfehlen ist, egal ob sie von der Midlife-Crisis oder der schieren Reiselust getrieben sind. 

TwoWheelsSouth_cover.jpg 

Matias Corea
Two Wheels South 
gestalten, Berlin 2019. 
272 Seiten, € 30,80


Tags: