article_1552_1_fennesz_c_wevin_westenb_580x396.png
Fennesz © Wevin Westenberg

Klangräume als Versammlungsorte

Text: Heinrich Deisel Fotos: Press

Ende März hat Fennesz „Agora“ veröffentlicht. Produktionsbedingt war es eine Reise in die Beginnzeit seines Schaffens, als er in den frühen 1990er Jahren darangegangen war, die Musikwelt mit seinen komplexen, driftenden und emotionsreichen Elektronikklangräumen zu bereichern.

Christian Fennesz, der sich als Musiker gern nur Fennesz nennt, wurde 1962 im Burgenland geboren. In den späten 1980ern spielte er als Gitarrist in der Experimental-Rockband Maische und wechselte dann zur Elektronik. Mit seinem Debütalbum „Hotel Paral.lel“ (1997) und mit „Endless Summer“ (2001) setzte er Maßstäbe. Seitdem gilt Fennesz als der wahrscheinlich prominenteste österreichische Vertreter aktueller Elektronikmusik. Die meisten seiner Veröffentlichungen sind auf dem Wiener Label mego und Touch aus London herausgekommen.

Fennesz legt elegant und virtuos Fährten, ohne Spuren zu hinterlassen. Es sind am ehesten Verfremdungen, Überlagerungen oder Schichtungen von Klängen, die sich zu weitausladenden, raumfüllenden Sound-Landschaften ausdehnen und an neuralgischen Punkten zusammenziehen, um gleich darauf in äußerst detaillierte Verästelungen vorzudringen; siehe etwa das Stück „Rainfall“ auf „Agora“, das sich beinahe wie eine Reminiszenz an seine erste EP „Instrument“ von 1995 anhört.

„Agora“ ließe sich als ein Soundtrack für Bewusstseinsstadien zwischen Wachen und Träumen beschreiben: eine Musik der Übergänge zwischen pulsierenden und ambientehaften Zuständen. Sie lässt so viel Platz, dass man sich beim Zuhören seine eigenen Bilder und Interpretationen machen kann. Anders gesagt: Sie ist ergebnisoffen. Hier muss nichts, aber alles kann.

Musikalische Grenzgänge

Klar ist Fennesz nicht der erste und einzige, man denke beispielsweise an Brian Eno. Nicht umsonst wiesen Fachmagazine wie „The Wire“ Fennesz als einen der großen Romantiker aus, wesentlich näher angesiedelt bei frühen Werken von Roxy Music als bei (post-industrieller) Klangkunst oder der Elektroakustik. Aus seiner Begeisterung für The Beach Boys machte er nie einen Hehl und so findet sich auf der Single „Plays“ von 1998 eine Coverversion von „Don’t Talk (Put Your Head On My Shoulder)“. Wenig später kam es mit dem Album „Blemish“ zur Zusammenarbeit mit David Sylvian, der in den 1980ern in der New-Romantics-Band Japan gesungen und sich dann avantgardistischer Elektronik zugewandt hatte. Die aktuellste gemeinsame Aufnahme nennt sich „There’s A Light That Enters Houses With No Other House In Sight“ und erschien 2014.

Hier passen auch einige Veröffentlichungen der letzten Jahre hinein, bei denen er sich mit Komponisten auseinandersetzte: „Mahler Remix“ ist der Mitschnitt des Konzerts aus dem Wiener Radiokulturhaus von 2011, bei dem Symphonien Mahlers als Ausgangsmaterial dienten. Diese Aufnahme kam drei Jahre später auf Touch heraus. Und 2018 veröffentlichte Sony Music „Glenn Gould Gathering“, bei dem Fennesz mit dem Pianisten Ryuichi Sakamoto und dem Elektronikmusiker Alva Noto Werke von Glenn Gould interpretierte. Was uns bis zu Johann Sebastian Bach bringt, da Gould seinerseits u. a. für seine Bach-Einspielungen bekannt war. In seiner unprätentiösen Art sagt Fennesz: „Ich würde mir nie herausnehmen, mich mit solchen Komponisten vergleichen zu wollen. Aber wenn ich diese Stücke bearbeite, kann ich sehr viel lernen.“ ...

Vollständiger Artikel in der Printausgabe

Bei den Wiener Festwochen präsentiert Fennesz am 16. Mai im
Volkstheater „Agora“ als Österreich-Premiere. Visuals und Licht: Lillevan.
„Agora“ ist Ende März auf Touch erschienen.

Tags: