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Wir müssen reden

2018 bescherte Markus Öhrn den Wiener Festwochen mit der Performance-Installation „Häusliche Gewalt“ einen Erfolg bei Publikum und Kritik (sowie eine Nestroy-Nominierung). Heuer nimmt der schwedische Theatermacher die MeToo-Debatte zum Anlass und untersucht mit „3 Episodes of Life“ strukturelle Gewalt im Kunstbereich, unter anderem mit der Extremtänzerin Florentina Holzinger und der Musikerin Dorit Chrysler. Ein Gespräch.

Nach der häuslichen Gewalt die strukturelle Gewalt: Die Wiener Festwochen zeigen „3 Episodes of Life“ im Studio Molière, einem ehemaligen Kinosaal. Wie wichtig ist der Raum für Ihre Arbeit?

Markus Öhrn: Räume sind immens wichtig. Die Vorstellung beginnt bereits, wenn das Publikum an der Spielstätte ankommt. Dieser Ort ist ideal, weil wir dort etwas machen, das ich „Silent Movie Theatre“ nenne, Stummfilmtheater. Beim Studio Molière hat mir die Geschichte und die Kombination von Kino und Theater gefallen. Das passt gut zu dem, was wir vorhaben. Ich mag die Idee, dass wir während des gesamten Festivals fünf Wochen lang unser eigenes Theater haben werden.

Im Gegensatz zu der performativen Installation 2018 ist Ihr neues Stück als dreiteilige Serie angelegt, wieso?

Meine Art zu arbeiten beginnt mit dem Format und dem Thema. Das Prinzip Serie ist zentral, es sind keine drei Akte. Das Publikum soll zwischen den einzelnen Episoden heimgehen können, darüber nachdenken und am nächsten Tag schaut es sich die zweite Folge an. So bleibt die Performance dem Publikum viel länger im Bewusstsein. Es gibt mehr Raum für Diskussionen.

Wieder tragen die Performer Masken, verzichten Sie mit Ihrem Stummfilmtheater da nicht auf etwas so Elementares wie die Mimik?

Gerade bei dem Thema Gewalt will ich Realismus vermeiden. Wir erzählen das Thema wie einen Cartoon. Es gibt eine Guckkastenbühne, der Film wird an die Rückwand des Raumes projiziert und die Performer agieren fast wie Puppen. Die Musikerinnen und Musiker tragen die selben Masken wie die Performer auf der Bühne und im Film, was zu der absurden Situation führt, dass sie zu ihrem eigenen Schicksal die Musik machen. Alle sind Teil der selben Strukturen, es gibt nicht diesen Blick von Außen. Der Pianist Arno Waschk und Dorit Chrysler am Theremin sind übrigens die Hauptfiguren in diesem Projekt. Wie im Stummfilm gibt es schwarze Texttafeln zwischen den Filmsequenzen. Das Ganze ist sehr langsam, mehr wie eine Installation. Wie schon bei „Häusliche Gewalt“ ist es fast eine Art Meditation zum Thema.

„3 Episodes of Life“ untersucht die strukturelle Gewalt gegenüber Frauen im Bereich der Künste, ein Thema, das vor zwei Jahren durch die MeToo-Debatte angestoßen wurde. Was hat sich in der Wahrnehmung von Künstlern, Regisseuren, Filmemachern, Musikern und ihren Arbeiten seitdem verändert?

Das Thema ist immer noch sehr groß. Viele Regisseure oder Choreographen wurden metoo-ed. Viele Künstlerinnen auch aus meinem Umfeld haben von ihren Erfahrungen berichtet. Für mich ist „3 Episodes of Life“ auch ein Raum, in dem über die Situation nachgedacht werden soll, über die Gesellschaft und ganz besonders über die Kunstwelt. Ich halte es für falsch, einfach nur die Monster zu identifizieren. Das Problem ist das System. Indem wir immer nur die Symptome entfernen, wird es da keine Veränderung geben. Natürlich sollen diejenigen, die ihre Macht missbraucht haben, Konsequenzen spüren. Aber was ich in der Diskussion vermisse, ist unsere Schuld in diesem ganzen System.

Unsere Schuld als Publikum?

Nehmen wir das Thema Michael Jackson, das gerade mit dieser Dokumentation wieder aktuell ist. Manche sagen jetzt, man dürfe seine Musik nicht mehr hören. Das sehe ich nicht so. Die Welt hat jahrzehntelang sein Verhalten gebilligt. Das war ja nicht neu, man wusste es. Die Sache ist: Wer Kunst konsumiert, hat auch die Verantwortung dafür, unter welchen Umständen diese Kunst produziert wird. Der Dämon-Regisseur zum Beispiel, der verrückt ist und sexistisch, hatte ja auch etwas, das die Leute aus der Mittel- und Oberschicht toll fanden. Es war das gewisse pittoreske Etwas, das „Genie“, das man als Publikum sehen wollte. Wenn du ein guter Automechaniker bist, bringen dir die Leute ihre Autos und wenn du einen guten Job machst, kommen sie immer wieder. In der Kunst läuft das anders. Da geht es viel um die Persönlichkeit des Künstlers. Es geht nicht nur um das Kunstwerk, sondern um die Geschichte drum herum. Mit „3 Episodes of Life“ versuchen wir, einen neuen Aspekt ins Spiel zu bringen, einen Teil der Schuld auch dem Publikum zu geben. Wenn du einen Regisseur seit dreißig Jahren bewunderst und plötzlich werden ihm schlimme Dinge vorgeworfen, hörst du dann plötzlich auf, ihn zu bewundern? Wir haben Verantwortung. Die Lösung kann nicht sein, diese Leute einfach loszuwerden. Wir müssen die Strukturen von Grund auf ändern.

Manche waren aber schon überrascht, als sie erfahren haben, wie der eine Regie-Star oder der andere Entertainer Frauen behandelt hat. Soll man jetzt tatsächlich das Publikum verantwortlich machen?

Vielleicht habe ich übertrieben. Aber man sollte über unsere Gesellschaft sprechen, die auf patriarchalen Strukturen basiert und nicht einfach die Problemfälle loswerden, die ihre Macht missbraucht haben. Natürlich gehören diese Typen zu diesem alten System, haben ihr Verhalten gelernt und sind damit lange Zeit gut gefahren. Wir müssen reden, darum geht es. Wir müssen diskutieren und überlegen, was wir ändern können, damit sich alle sicher fühlen.

Sie haben „Leaving Neverland“ erwähnt, die Michael-Jackson-Doku. Da werden ja vor allem die Strukturen gezeigt, in denen Missbrauch passieren kann, die Macht, das Grooming. Wie lassen sich die Strukturen eines Staatstheaters, eines Festivals, des Kunstbetriebs verändern?

Das passiert ja bereits. Alle die in diesem Bereich arbeiten, sind viel aufmerksamer, wie sie arbeiten, mit ihrem Ensemble umgehen. Es ist wichtig, das Ganze überhaupt zu thematisieren. Jetzt ist genau der richtige Zeitpunkt, innerhalb eines Festivals wie den Wiener Festwochen das Thema als Basis für eine Diskussion aufzubringen. Alle die zu den Festwochen kommen, um unsere Performances zu sehen, sind Teil der Struktur. Das Publikum aktiviert eben auch dieses System. Gemeinsam versuchen wir, eine Lösung zu finden, um Strukturen zu verändern. Nicht in den Zeitungen, nicht auf Facebook, sondern innerhalb des Festivals.

Sie haben gesagt, dass es in Ihrem eigenen Umfeld auch MeToo-Fälle gab. Woher kommen die Geschichten, die in „3 Episodes of Life“ erzählt werden?

Jeder Fall, über den die Medien berichtet haben, war ähnlich: Da gab es Machtmissbrauch, Männer, die ihre mächtige Position ausgenutzt haben, um Sex zu bekommen. Wir erzählen keinen bestimmten Fall, sondern nehmen die Grundstruktur. Im ersten Teil ist es eine Probe, eine junge Frau fängt neu in einer Company an, ein Klassiker. Wenn du eine junge Tänzerin bist und die Möglichkeit hast, in einer tollen Company zu tanzen, dann machst du alles, um da hineinzupassen. Manchmal überschreitest du vielleicht auch deine Grenzen und glaubst, es ist okay. Wenn du die Macht hast, kannst du Menschen manipulieren, Grenzen zu überschreiten, die sie eigentlich nicht überschreiten wollen. Als Regisseur bringe ich meine Performerinnen und Performer manchmal in sehr extreme Situationen, so wie vergangenes Jahr bei „Häusliche Gewalt“. Die Frage, die ich mir stelle, ist, wie ich mit ihnen arbeiten kann, ohne sie zu etwas zu zwingen.

Wie?

Diskutieren, erklären, sich dem Thema nähern. Natürlich mag ich Extreme. Aber das konstruktive Gespräch mit meinen Performerinnen und Performern ist wichtig. Im ersten Teil von „3 Episodes of Life“ zeigen wir, wie einfach es geht, jemanden über seine persönliche Grenze zu stoßen. In der Kunstwelt ist es Realität, dass man seine Komfortzone auch mal verlassen muss. Aber Regisseure – und Regisseurinnen – sollten neue Strategien finden. Sie dürfen ihre Leute nicht verängstigen oder terrorisieren. Als Regisseur muss ich mir meiner Machtposition bewusst sein. Es hängt auch sehr von den Leuten ab. Im Stummfilm für die erste Episode habe ich mit Florentina Holzinger und ihren Tänzerinnen gearbeitet. Die sind viel radikaler, als ich es jemals sein werde. Da ging es nicht darum, irgendwelche Grenzen zu überschreiten. Aber genau wie Janet Rothe, die schon in „Häusliche Gewalt“ gespielt hat, hat auch Florentina Erfahrungen gemacht. Alle wissen, wie diese Machtstrukturen funktionieren. Nehmen wir zum Beispiel eine erfolgreiche Schauspielerin, Mitte, Ende 60, die sich ihre Position als gefeierter Star erarbeitet hat …

… Catherine Deneuve …

… zum Beispiel. In der MeToo-Debatte hat sie gesagt, man dürfe nicht die Energie zwischen Regisseur und Schauspielerin töten. Diese Schauspielerin wird nicht mehr metoo-ed. Aber ich bin davon überzeugt, dass sie im Laufe ihrer Karriere Dinge machen musste, um sich ihre heutige Stellung zu verdienen. Aus ihrer Sicht war es die ganze Scheiße vielleicht sogar Wert: Wenn ich mit diesem Typ ins Bett gehe, bekomme ich die Rolle. Und wenn du dann an dem Punkt angelangt bist, an dem es sich ausgezahlt hat, war alles vielleicht plötzlich nicht mehr so schrecklich. Das ist eine ganz absurde Ökonomie, die so lange Zeit funktioniert hat.

War die „Besetzungscouch“ zu lange die von allen tolerierte Narration?

Wo Macht ist, wird sie missbraucht. Das passiert, wenn jemand – ein Produzent, ein Theaterdirektor – so viel Macht hat und es niemanden gibt, der darauf schaut, wie die Macht ausgenutzt wird. Wir müssen bessere Wege finden, Theater, Filmproduktionen oder auch Festivals zu betreiben. Wir brauchen Transparenz. Das Umfeld, in dem Kunst entsteht, ist sehr speziell. Wir sind alle nur Menschen, wir sollen auch nicht auf die menschliche Seite verzichten. Auf den Missbrauch von Macht aber schon.

Es gibt einen Unterschied, ob eine Schauspielerin etwas tun möchte oder ob sie es nur tut, weil sie sonst nicht in der Produktion wäre?

Genau. Zumindest in meiner Generation denken Männer schon viel mehr über patriarchale Machtstrukturen nach. Langsam ändert sich da was, es gibt viel mehr Regisseurinnen auch in den großen Theatern. Schauen wir uns gerade die Neuaufstellung der Berliner Volksbühne an: viele Frauen. Klar, auch ich habe von diesen alten patriarchalen Strukturen profitiert, war Teil davon. Es ist absurd, aber meine Position heute verdanke ich diesen Strukturen, in denen Künstlerinnen zurückstecken mussten. Als man mich damals gefragt hat, ob ich an der Castorf-Volksbühne arbeiten will, habe ich darüber nicht nachgedacht. Heute denke ich darüber anders. Ich bin davon überzeugt, dass überall im Kunstbetrieb fünfzig Prozent Männer und fünfzig Prozent Frauen arbeiten sollen. Aber um diese Gleichheit zu erreichen, müssen wir Männer auch etwas opfern. Wenn wir das wollen, müssen wir auch konsequent sein und uns genau anschauen, ob wir in einer Umgebung arbeiten wollen, wo es ausschließlich Regisseure gibt. Und wieder: Auch das Publikum sollte sich die Frage stellen, ob es ein Theater oder ein Festival will, das keine Kunst von Frauen zeigt.

Es kann also nur besser werden?

Es ist ein Gewinn für alle. Der Horizont erweitert sich, es gibt ein breiteres Spektrum, andere Themen, andere kulturelle Hintergründe. Aber man muss halt etwas opfern, die alten mächtigen Männer müssen etwas aufgeben. Männer waren in der Kunst für sehr lange Zeit unangreifbar, man ließ ihnen alles durchgehen: Er ist halt so, wenn er trinkt. Er hatte eine schlimme Kindheit. Als Regisseur muss ich mir meiner Position bewusst sein, darüber nachdenken, was meine Macht ist und wie ich sie einsetze. Und man muss über seine eigenen Fehler reden können, ohne gleich als Monster verurteilt zu werden. Ich komme aus einem kleinen Dorf in Nordschweden, bin in einer patriarchalen Gesellschaft aufgewachsen. Ich war mir nicht mein ganzes Leben dieser Thematik bewusst. Du kommst nicht fertig mit den richtigen Werten zur Welt. Die Monster zu identifizieren, war sehr gut für die MeToo-Debatte. Aber jetzt müssen wir mit der richtigen Arbeit beginnen.

 

Der Schwede Markus Öhrn, Jahrgang 1972, ist bildender Künstler. 2010 inszenierte er sein erstes Theaterprojekt „Conte d’Amour“, das auch bei den Wiener Festwochen zu sehen war. Seit 2015 erarbeitet er ortspezifische Serienprojekte. Sein 2018 bei den Festwochen uraufgeführtes Projekt „Häusliche Gewalt, Wien“ war für den Nestroy-Theaterpreis in der Kategorie Spezialpreis nominiert.


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